Hamilton ausgeschieden - Entscheidung vertagt
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Hamilton ausgeschieden - Entscheidung vertagt

Die Entscheidung in der Formel-1-WM ist bis zum Finale in Brasilien vertagt. Lewis Hamilton schied im Grand Prix von China aus, so dass der als Sieger abgewinkte Kimi Räikkönen und der zweitrangierte Fernando Alonso auch noch Titelchancen haben.

Kurz nach der ersten Hälfte des Pensums in Schanghai änderte sich die Situation im Titelkampf schlagartig. Hamilton musste wegen akuter Reifenprobleme sein Tempo massiv drosseln und schickte sich an, in die Boxenstrasse einzulenken. Die Garage erreichte der Engländer indessen nicht mehr. Bei der Anfahrt rutschte er von der Strecke und blieb im Kiesbeet stecken. Der erste Ausfall war Tatsache und die komfortable Ausgangslage dahin. Hamilton reist nun statt als Weltmeister mit noch vier beziehungsweise sieben Punkten Vorsprung auf Alonso und Räikkönen, der Ferrari den 200. Grand-Prix- Sieg bescherte, in der übernächsten Woche zum Finale nach Sao Paulo. Die Formel 1 hat ihren ersten Schlussakt mit drei Titelkandidaten seit 1986. In Adelaide (Au) hatte damals Alain Prost gegen Nigel Mansell und Nelson Piquet das bessere Ende für sich behalten.

«Teil des Lernprozesses»

Bis zum Ausfall war für Hamilton alles wie am Schnürchen gelaufen. Er nutzte die Pole-Position und das im Vergleich zur direkten Konkurrenz wegen der geringenen Benzinmenge leichtere Auto weidlich aus und baute den Vorsprung bis zum ersten Zwischenhalt, den er wie nach dem Qualifying vermutet als Erster aus dem Spitzenquartett einlegte, kontinuierlich bis auf acht Sekunden aus. Mit dem Entscheid, nur nachzutanken und angesichts der noch an vielen Stellen nassen Piste die Fahrt mit dem gleichen Satz Regenreifen fortzusetzen, nahm die brutale Wende für den Briten ihren Anfang. «Das Team und ich haben gemeinsam entschieden, die Reifen wegen der ständig wechselnden äusseren Bedingungen nicht zu wecheln. Mir war nicht klar, wie stark diese schon abgenutzt waren. Dass ich weggerutscht bin, war aber mein Fehler. Was ich heute erlebt habe, ist auch ein Teil des Lernprozesses», gab sich Hamilton erstaunlich gefasst.

Obwohl ihre Chancen intakt geblieben sind, geben sich Alonso und Räikkönen keinen Illusionen hin. «Das wird sicher ganz interessant in Brasilien. Doch die Vorteile liegen weiter auf der Seite von Lewis (Hamilton)», sagen beide. «Die acht Punkte lassen mir wohl die Hoffnung. Aber es wird immer noch sehr, sehr schwierig», ergänzte Alonso, und für Räikkönen ist klar, «dass ich so oder so gewinnen muss. Das Abschneiden der anderen können wir ohnehin nicht beeinflussen.»

Fehlentscheid und Hydraulik-Leck

Das BMW-Sauber-Team, das seine Fahrer mit einer Ein-Stopp- Strategie ins Rennen geschickt hatte, musste sich mit zwei WM- Punkten bescheiden, die sich Nick Heidfeld mit Rang 7 sicherte. Der Mönchengladbacher hatte sich bei seinem Zwischenhalt einen zweiten Satz Regenreifen aufziehen lassen. «Das war ein Fehler. Zu jenem Zeitpunkt war der erste Satz aber so hinüber, dass ich bis zu zwölf Sekunden pro Runde eingebüsst habe. Zudem sah es nach weiterem Regen aus. Schade, denn Platz vier wäre heute dringelegen», berichtete Heidfeld, der vier Runden nach seinem geplanten Stopp noch einmal innehielt, um sich Trockenreifen abzuholen.

Robert Kubica war einer der fünf Fahrer, die nicht ins Ziel kamen. Der Pole musste das Auto in der 34. von 56 Runden mit einem Hydraulik-Leck ausrollen lassen - im Zuge der Boxenstopps der Spitzencracks in Führung liegend. Nach seinem Zwischenhalt hatte Kubica im Gegensatz zu Heidfeld die Fahrt mit Trockenpneus fortgesetzt. «Ich blieb danach draussen, obwohl es während drei, vier Runden wieder regnete. Das war sehr schwierig, hätte sich aber ausbezahlt.»

Schon an den beiden Tagen zuvor waren die BMW-Sauber-Autos von insgesamt drei Hydraulik-Schäden heimgesucht worden. «Im Gegensatz zu den Grands Prix in Europa hat man hier keine Möglichkeit, einen solchen Defekt zu analysieren», sagt Motorsportdirektor Mario Theissen. «Wir wussten daher schon vor dem Rennen um dieses Risiko.»

Acht Punkte für Toro Rosso

In ungeahntem Mass trumpfte Toro Rosso auf. Der erstaunliche ehemalige BMW-Sauber-Testfahrer Sebastian Vettel, der wegen Behinderung im Qualifying in der Startaufstellung um fünf Positionen auf Platz 17 zurückversetzt worden war, wurde glänzender Vierter, Vitantonio Liuzzi rundete das mit Abstand beste Ergebnis des Nachfolge-Teams von Minardi als Sechster ab. Toro Rosso gewann mit einem Schlag acht Punkte und katapultierte sich in der Konstrukteurenwertung vom 10. auf den 7. Platz. Bislang hatte es für den wie Red Bull von Dietrich Mateschitz alimentierten Rennstall erst ein einziges zählbares Resultat gegeben; im vergangenen Jahr war Liuzzi im Grand Prix der USA Achter geworden.

Live-Ticker

Stand 1. Runde: Hamilton vor Räikkönen, Massa und Alonso. Crash zwischen Davidson und Barichhello - beide landen in der Wiese.

Stand 8. Runde: Der Regen soll bald nachlassen. Trulli kämpft mit Motor-Problemen. Alonso findet kein Mittel gegen Massa - dabei bräuchte er die WM-Punkte, um Hamiltons Triumph zu verhindern. Der fuhr in Runde acht Bestzeit, und zwar in allen Sektoren. Hamilton somit auf Weltmeister-Kurs.

Stand 15. Runde: Schlechtwetter in Schanghai - der Regen hat schon wieder eingesetzt. Davidson mit technischem Defekt out. Hamilton nun früh in der Box, der Brite fädelt sich sauber wieder ein. Räikkönen mit neuer Rundenbestzeit, nun in Front - zumindest bis zu seinem Boxenstopp.

Stand 20. Runde: Räikönnen nun in der Box. Hamilton zieht locker am Finnen vorbei. Alonso ebenfalls in der Box, er kommt haarscharf hinter Massa wieder auf die Piste. Bislang noch keine Reifenwechsel, die Fahrer profitieren von der regennassen Strecke die sie auf den Geraden zum Kühlen der Reifen nutzen.

Stand 26. Runde: Head-to-Head-Duell zwischen Alsonso und Massa - klever gefahren von Alonso im Kampf um Platz 3. Massa fährt in die Box und lässt sich Trockenreifen montieren - trotz wechselnder Wetterverhältnisse und Regengüssen. Ralf Schumacher landet zum zweiten Mal im Grünen. Hamilton verteidigt die Spitze gegen Räikkönen, der immer wieder angreift.

Stand 28. Runde: Räikkönens Pressing wird belohnt. Er überholt nun Hamilton, der stark nachgelassen hat. Kämpft er mit Reifenproblemen?

Stand 31. Runde: Hamilton tatsächlich mit Reifenproblemen. Er landet im Kies und haut wütend aufs Lenkrad ein. Lewis Hamilton gibt auf und entsteigt seinem Fahrzeug. Damit ist die WM wieder offen.

Stand 38. Runde: Auch Kubica nun mit defektem BMW out. Das Wetter ist jetzt anhaltend trocken. Räikönnen unangefochten an der Spitze, gefolgt von Massa und Alonso.

Stand 56. Runde: Kimi Räikkönen fährt als erster ins Ziel, gefolgt von Alonso, der sich doch noch auf Platz zwei vorschob und dem Spanier Felipe Massa.

Die WM ist mit dem Sieg Räikkönens und dem guten Abschneiden Alonsos wieder spannend geworden!

Die Resultate: 1. Kimi Räikkönen (Fi), Ferrari. 2. Fernando Alonso (Sp), McLaren-Mercedes, 9,8 Sekunden zurück. 3. Felipe Massa (Br), Ferrari, 12,8. 4. Sebastian Vettel (De), Toro Rosso-Ferrari, 40,6. 5. Jenson Button (Gb), Honda, 68,6. 6. Vitantonio Liuzzi (It), Toro Rosso-Ferrari, 73,6. 7. Nick Heidfeld (De), BMW-Sauber, 74,2. 8. David Coulthard (Gb), Red Bull-Renault, 80,7. 9. Heikki Kovalainen (Fi), Renault, 81,1. 10. Mark Webber (Au), Red Bull-Renault, 84,6. 11. Giancarlo Fisichella (It), Renault, 86,6. 12. eine Runde zurück: Alexander Wurz (Oe), Williams-Toyota. 13. Jarno Trulli (It), Toyota. 14. Takuma Sato (Jap), Super Aguri-Honda. 15. Rubens Barrichello (Br), Honda. 16. zwei Runden zurück: Nico Rosberg (De/Fi), Williams-Toyota. 17. drei Runden zurück: Sakon Yamamoto (Jap), Spyker-Ferrari.

WM-Stand (nach 16 von 17 Rennen). Fahrer: 1. Hamilton 107. 2. Alonso 103. 3. Räikkönen 100. 4. Massa 86. 5. Heidfeld 58. 6. Kubica 35. 7. Kovalainen 30. 8. Fisichella 21. 9. Rosberg 15. 10. Coulthard 14. 11. Wurz 13. 12. Webber 10. 13. Trulli 7. 14. Vettel 6. 15. Button 6. 16. Schumacher 5. 17. Sato 4. 18. Sutil 1. -- Teams: 1. Ferrari 186. 2. BMW-Sauber 94. 3. Renault 51. 4. Williams-Toyota 28. 5. Red Bull-Renault 24. 6. Toyota 12. 7. Toro Rosso-Ferrari 8. 8. Honda 6. 9. Super Aguri-Honda 4. 10. Spyker-Ferrari 1. 11. McLaren-Mercedes 0 (Punkte nach Spionageaffäre annulliert). (si)

Alonso neben der Strecke im Abseits

Fernando Alonso hat nach Lewis Hamiltons Pech im Grand Prix von China unverhofft auf den Weg zurückgefunden, der ihn doch noch zum dritten Titel in Folge führen könnte. Neben der Strecke dürfte er sich indessen noch deutlicher ins Abseits manövriert haben, nachdem er ein weiteres Mal heftigste Kritik an seinem Arbeitgeber geübt hatte.

Er habe von McLaren mehr Unterstützung erwartet, sagte der Asturier am Samstag nach dem Qualifying. «Ich bin nicht wie ein zweifacher Weltmeister behandelt worden, sondern wie eine ganz normale Person.» Ins Visier nahm Alonso einmal mehr auch seinen Chef Ron Dennis. «Es ist besser zu schweigen als zu lügen. Das sollte er (Dennis) mehr tun. Es wäre besser fürs Team. Viele Skandale, in die McLaren in diesem Jahr involviert war, wurden so von ihm ausgelöst.»

Nach Alonsos neuestem Rundumschlag sind die Zweifel noch grösser geworden, dass der Asturier bei McLaren-Mercedes eine Zukunft hat. Er wisse es nicht, ob er seinen (bis Ende 2009 gültigen) Vertrag erfüllen werde, sagte Alonso. «Was nächstes Jahr sein wird, ist eine andere Sache. Es gibt aber sicher zehn andere Teams, die Interesse an mir haben.»

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