Fehlende Impfstoffe: «Geopolitisch», «ideologisch» – schwere Kritik am BAG wegen Impf-Politik
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Fehlende Impfstoffe«Geopolitisch», «ideologisch» – schwere Kritik am BAG wegen Impf-Politik

Experten und Politiker kritisieren, dass der Bund die Impf-Alternativen aus Russland und China ausschlägt. Der Entscheid sei nicht wissenschaftlich fundiert.

von
Daniel Graf
Daniel Waldmeier
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Indien will 300 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V produzieren.

Indien will 300 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V produzieren.

REUTERS
Sputnik V ist in Argentinien, Belarus, Serbien, Bolivien, Venezuela, Turkmenistan, Algerien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zugelassen.

Sputnik V ist in Argentinien, Belarus, Serbien, Bolivien, Venezuela, Turkmenistan, Algerien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zugelassen.

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Laut dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Sputnik-Debatte auch eine aussen- und sicherheitspolitische Komponente: Russland nutze den Impfstoff für seine Aussenpolitik. 

Laut dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Sputnik-Debatte auch eine aussen- und sicherheitspolitische Komponente: Russland nutze den Impfstoff für seine Aussenpolitik.

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Darum gehts

  • Erst belächelt, könnte der russische Impfstoff zum Exportschlager werden.

  • In der Schweiz ist er kein Thema. Auch die chinesischen Vakzine nicht.

  • «Bei der Impfstoff-Beschaffung spielen auch geopolitische Überlegungen mit», sagt ein ETH-Immunologe.

Sputnik V landet in Ungarn: Das Land hat den russischen Impfstoff am Montag zugelassen. In der Schweiz war Sputnik hingegen bislang kein Thema. Laut Gesundheitsminister Alain Berset war er gar nie in der engeren Auswahl – trotz Impfstoffmangels und Shutdown.

Mit der Zulassung in Ungarn könnte der russische Vektor-Impfstoff aber auch im Westen salonfähig werden. So sucht Deutschland nach Produktionskapazitäten für Sputnik V. Und der österreichische Kanzler Sebastian Kurz sagte zur «Welt am Sonntag», er würde sich mit dem russischen oder chinesischen Präparat impfen lassen, wenn die Impfstoffe in Europa zugelassen seien. «Es geht bei den Impfstoffen einzig um Wirksamkeit, Sicherheit und um schnelle Verfügbarkeit, nicht um geopolitische Kämpfe.»

«Politische Scheuklappen»

Für Manfred Kopf, ETH-Immunologe in der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, wurde der russische Impfstoff «in Europa und in der Schweiz wohl zu Unrecht ignoriert»: «Das lag sicherlich auch daran, dass bis vor kurzem wissenschaftlich geprüfte Publikationen einer Wirksamkeitsstudie fehlten und die Forschung entsprechend kritisch war.» Die Russen hätten allerdings viel Erfahrung mit Impfungen, die Adenoviren nutzten. Das BAG habe eine erste Kaufentscheidung treffen müssen, bevor die Wirksamkeitsstudien abgeschlossen waren. Aber: «Auch der britische Impfstoff von AstraZeneca nützt Adenoviren als Träger von Corona-Bestandteilen. Man hätte zu diesem Zeitpunkt dem britischen und russischen Impfstoff zumindest die gleichen Chancen einräumen müssen.» Bei AstraZeneca bestellte der Bund im Oktober 5,3 Millionen Impfdosen.

«Bei der Impfstoff-Beschaffung spielen auch geopolitische Überlegungen mit.»

Manfred Kopf

Für Kopf ist klar, dass die Schweiz und die EU der russischen Regierung nicht vertrauten – «verständlicherweise», wie Kopf nach den Vorfällen der letzten Jahre findet. «Bei der Impfstoff-Beschaffung spielen auch geopolitische Überlegungen mit. Dass jetzt gerade die ungarische Regierung auf den russischen Impfstoff setzt, zeigt dass Viktor Orban weniger Berührungsängste hat.» Auch der Infektiologie-Professor Christoph Aebi sagte zum «Tages-Anzeiger»: «Es würde sich auch für die Schweiz lohnen, diesen ohne politische Scheuklappen anzuschauen.»

«Wenn es einen guten Impfstoff gibt, ist es egal, woher er kommt»

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle spricht von einem ideologischen Entscheid: «Zu viele Verantwortliche haben Russland gegenüber immer noch ein Brett vor dem Kopf. Als ich mich öffentlich dafür stark machte, auch den russischen Impfstoff zu prüfen, erhielt ich eher negative Rückmeldungen. Ich plädierte schon im letzten Sommer dafür, die Wissenschaft in Russland nicht zu unterschätzen.»

SP-Aussenpolitiker Fabian Molina würde sich die Impfstoffe aus Russland oder China ebenfalls spritzen lassen, wenn sie zugelassen wären. «Wenn es einen guten Impfstoff gibt, ist es egal, woher er kommt.» Sputnik werde noch eine wichtige Rolle spielen. Fairerweise müsse man aber auch sagen, dass es für das BAG schwierig gewesen sei, die richtigen Impfstoffe zu identifizieren: «Ich glaube nicht, dass man aus Prinzip nicht in China oder Russland kaufen wollte oder dass Pharma-Lobbyisten den Kurs vorgaben.»

Jetzt, da es eigentlich mehrere Impfstoffe gäbe, sei es sehr frustrierend, dass es mit dem Impfen nicht vorwärtsgehe. Dass die Schweiz nicht in der Lage sei, selbst Impfstoff zu produzieren, sei ein Versäumnis: «Die liberale Schweiz kennt keine Industriepolitik. Hier hätte man schon im April oder im Mai eine Fabrik bauen oder Produktionskapazitäten kaufen sollen, um die Produktion zu steuern.»

BAG verteidigt Impfstoff-Strategie

Der russische Impfstoff wird derzeit nicht von Swissmedic geprüft, weil der Hersteller kein Gesuch eingereicht hat. Ob es nun doch noch Gespräche mit dem chinesischen oder russischen Impfstoffhersteller gibt, legt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) nicht offen. «Aus verhandlungstaktischen Gründen können wir zu laufenden Verhandlungen keine Details geben», sagt eine Sprecherin.

Das BAG betont, das oberste Ziel sei es, die Schweiz möglichst rasch mit sicheren und wirksamen SARS-CoV-2-Impfstoffen zu versorgen. Das Potenzial von Impfstoffen werde nach «verschiedenen Kriterien gesamtheitlich beurteilt». Eine Rolle spiele etwa die Fähigkeit, grössere Mengen von Impfstoffdosen von hoher Qualität herzustellen. Politische Kriterien nennt das BAG nicht.

«Zum heutigen Zeitpunkt ist der Bund bei der Beschaffung von Covid-19-Impfstoffen gut unterwegs. Wir haben auf dem internationalen Markt Verträge mit mehreren Unternehmen abgeschlossen und sind damit breit aufgestellt. Dies ermöglicht der Schweiz zum Beispiel, Lieferengpässe aufzufangen und möglichen Virusvarianten zu begegnen.»

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