30.06.2016 08:55

Riskante Fluchtroute

Handgegrabener Tunnel in Nazi-Todeslager entdeckt

Auf dem Gelände einer ehemaligen NS-Vernichtungsstätte haben Forscher einen Fluchttunnel entdeckt. Sie sprechen von einem herzerwärmenden Zeugnis.

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In Paneriai wurden während des Zweiten Weltkrieges 70'000 Juden erschossen. Etwa 40 konnten im April 1944 versuchten durch einen selbstgegrabenen Tunnel zu fliehen. Dieser wurde nun entdeckt.

In Paneriai wurden während des Zweiten Weltkrieges 70'000 Juden erschossen. Etwa 40 konnten im April 1944 versuchten durch einen selbstgegrabenen Tunnel zu fliehen. Dieser wurde nun entdeckt.

Keystone/AP/Ezra Wolfinger/Israel Antiquities Authority
Opfer wie Überlebende stammten zumeist aus der rund 15 Kilometer nördlich gelegenen litauischen Hauptstadt Vilnius, das damals als «Jerusalem des Nordens» galt.

Opfer wie Überlebende stammten zumeist aus der rund 15 Kilometer nördlich gelegenen litauischen Hauptstadt Vilnius, das damals als «Jerusalem des Nordens» galt.

Keystone/AP/Mindaugas Kulbis
Der damals mit Händen gegrabene Tunnel liegt heute auf dem Areal der Gedenkstätte.

Der damals mit Händen gegrabene Tunnel liegt heute auf dem Areal der Gedenkstätte.

Wikimedia Commons/Avishai Teicher/CC BY-SA 3.0

Ein internationales Team von Archäologen hat auf dem Gelände der ehemaligen NS-Vernichtungsstätte Paneriai in Litauen einen Fluchttunnel aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Über den heimlich gegrabenen Tunnel versuchten vor mehr als 70 Jahren gut drei Dutzend Juden dem Massenmord der Nationalsozialisten zu entkommen. Ausfindig gemacht wurde die Fluchtanlage mit Hilfe geophysikalischer Methoden, wie die israelische Altertumsbehörde mitteilt.

«Diese Entdeckung ist ein herzerwärmendes Zeugnis für den Sieg der Hoffnung über die Verzweiflung», sagte der verantwortliche Archäologe der Altertumsbehörde, Jon Seligman. Die israelische Kulturministerin Miri Regev sprach von «einem weiteren Beweis, der die Lügen der Holocaust-Leugner zunichtemacht».

Wer überlebte, musste die Spuren beseitigen

Im Wald von Paneriai wurden zwischen Juli 1941 und Juli 1944 etwa 100'000 Menschen von deutschen Erschiessungskommandos und litauischen Kollaborateuren ermordet. Darunter waren 70'000 Juden, die in Erdgruben erschossen und verbrannt wurden. Zumeist stammten sie aus der rund 15 Kilometer nördlich gelegenen litauischen Hauptstadt Vilnius, das damals als «Jerusalem des Nordens» galt.

Mit dem Rückzug vor der Roten Armee begannen die deutschen Besatzer Ende 1943 die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Dazu zwangen sie eine Gruppe von 80 Juden, die Leichen der Ermordeten auszugraben, um sie zu verbrennen.

Nicht alle waren folgsam

Ein Teil der Gruppe hob dabei heimlich den Tunnel aus – zumeist mit blossen Händen. 40 versuchten in der Nacht zum 15. April 1944, durch diesen zu fliehen, doch viele von ihnen wurden erschossen. Elf Gefangenen gelang es, zu entkommen und sich zu Partisanenkämpfern durchzuschlagen.

Bereits mehrfach versuchten Wissenschaftler die genaue Lage des Fluchttunnels ausfindig zu machen. Doch erst jetzt konnte mit Hilfe von geoelektrischen Messungen dessen Verlauf und exakte Länge erfasst werden. Beteiligt an den Untersuchungen waren nach Angaben der Altertumsbehörde Archäologen aus den USA, Kanada, Israel und Litauen.

«Wir konnten nicht nur eines der grössten Mysterien und Fluchtgeschichten des Holocaust aufklären», sagte der leitende Archäologe Richard Freund von der Universität Hartford der «New York Times». «Wir konnten auch eines der grössten Probleme lösen, die es bei Stätten wie diesen gibt: Wie viele Bestattungsgruben gibt es?»

Weitere Bestattungsgrube gefunden

Bei ihren Untersuchungen fanden die Forscher eine weitere Grube mit der Asche von vermutlich 7000 Leichen. Dies wäre dem Bericht zufolge die zwölfte identifizierte Bestattungsgrube in Paneriai, das früher auch als Ponary (oder Ponar) bezeichnet wurde.

Die neuen Erkenntnisse sollen nach Angaben des Leiters des staatlichen jüdischen Museums in Vilnius nun auf Informationstafeln und in Ausstellungen präsentiert werden. Der entdeckte Fluchttunnel könnte zudem Teil eines geplanten neuen Museums in Paneriai werden, sagte er im litauischen Rundfunk.

Während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 ermordeten die Nationalsozialisten und einheimische Helfer mehr als 90 Prozent aller damals rund 200'000 in Litauen lebenden Juden. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem warf der Regierung in Vilnius wiederholt eine unzureichende Aufarbeitung der litauischen Mittäterschaft vor.

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