Kampf um CH-Städte: Handy-Spiel lockt Gamer auf die Strasse
Aktualisiert

Kampf um CH-StädteHandy-Spiel lockt Gamer auf die Strasse

Hunderte Smartphone-Nutzer kämpfen im Outdoor-Spiel «Ingress» um die Vorherrschaft in Schweizer Städten. Eine straffe Organisation und gutes Schuhwerk sind Pflicht.

von
Samuel Hufschmid
Die «Ingress»-Legende «Aspergillus» und seine Crew verteidigen den Affen-Brunnen auf dem Basler Andreasplatz.

Die «Ingress»-Legende «Aspergillus» und seine Crew verteidigen den Affen-Brunnen auf dem Basler Andreasplatz.

Bei einem misslungenen Versuch am CERN in Genf ist eine fremdartige Materie entwichen, die sich auf der ganzen Welt ausbreitet und die Gedanken der Menschen beeinflusst. Die Menschheit spaltet sich in zwei Gruppen: Die «Erleuchteten» glauben, dass die Beeinflussung der Menschen zu einem Fortschritt führt und die «Widerständigen» kämpfen gegen die weitere Ausbreitung an.

Dies könnte die Story eines ganz normalen Computerspiels sein, das tausende Spieler Abend für Abend vor die Konsole lockt - im gemeinsamen Kampf gegen die jeweils andere Gruppe. «Ingress»-Spieler hingegen raffen sich nach dem Abendessen nochmals auf und ziehen mit Gleichgesinnten um die Häuser. Denn «Ingress» wird draussen gespielt, gekämpft wird um real existierende Wahrzeichen wie Rathäuser, Bahnhöfe und Brunnen.

«Habe acht Kilo abgenommen»

Im Game werden diese Wahrzeichen als sogenannte Portale dargestellt, aus denen die fremdartige Materie entweicht. Um ein Portal zu erobern, müssen sich die Spieler dem Wahrzeichen mit dem Smartphone in der Hand annähern. Für Gamer ein ziemliches Fitness-Programm: «Seit ich spiele, habe ich mindestens acht Kilo abgenommen», erzählt Informatiker Rolf Glättli. Der 44-jährige Familienvater ist pro Woche rund 20 Stunden unterwegs und gilt in der Schweizer «Ingress»-Szene als Legende.

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«Meine Mitspieler nennen mich Papa-Schlumpf, weil ich für die blaue Fraktion der «Widerständigen» kämpfe», erzählt Glättli. Die Erleuchteten würden «Frösche» genannt, weil von ihnen eroberte Portale im Game grün eingefärbt werden. Die beiden Lager sind im Spiel strikt voneinander getrennt, ein Wechsel der Seiten ist praktisch ausgeschlossen.

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Erfolg durch gute Organisation

Während die Schlümpfe seit einiger Zeit Basel komplett kontrollieren, sind andere Städte wie Zürich und St. Gallen eher in den Händen der Erleuchteten. «Das kann aber sehr schnell wieder kippen», ist sich Glättli bewusst. «Vor einigen Tagen haben die Erleuchteten Brugg eingenommen - ich gehe davon aus, dass demnächst ein Angriff auf Basel erfolgt.»

Für solche Grossangriffe und deren Abwehr haben die beiden Lager straffe Organisationsnetzwerke aufgebaut. «In Basel haben wir gegen 100 aktive Spieler, die jederzeit zurückschlagen können», so Glaettli. Im Notfall würden auch Spieler aus anderen Städten und dem nahen Ausland zu Hilfe eilen.

Google verbessert Kartendienst

(Quelle: youtube.com/ingress)

Das von Google entwickelte Android-Spiel ist seit Dezember 2012 auf dem Markt. In der Schweiz gibt es einige hundert aktive Spieler, weltweit wurde das Spiel über eine Million mal heruntergeladen. Der Internetkonzern produziert eine wöchentliche News-Sendung, die über aktuelle Ereignisse im Spiel berichtet. Auch Glaettli und seine Crew wurden schon in einem Beitrag erwähnt, als sie vor einigen Wochen über Nacht ganz Zürich einnahmen.

Für das grosse Engagement von Google für ein Gratis-Spiel hat Glaettli eine simple Erklärung: «Google sammelt die GPS-Signale der Spieler für die Verbesserung der Fussgänger-Navigation von Google Maps. Wenn 100 Spieler eine bestimmte Route wählen, um von A nach B zu kommen, dann ist dies für Fussgänger die beste Verbindung.»

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