Tote und Verletzte: Handys machen junge Fussgänger zu Opfern
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Tote und VerletzteHandys machen junge Fussgänger zu Opfern

Passanten, die mit ihrem Handy beschäftigt sind, werden im Strassenverkehr immer mehr zur Gefahr. Das Risiko dürfte mit der wachsenden Medienvielfalt sogar noch steigen.

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vro/nsa

Für die meisten Schweizer ist das Smartphone allgegenwärtig. Selbst wenn sie auf der Strasse unterwegs sind, wird fleissig getwittert und gepostet, getextet und telefoniert. Laut dem Sinus-Report 2014 von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) wurden 2013 insgesamt 723 Fussgänger schwer und 69 tödlich verletzt. Auffallend: Die Zahl der verunfallten Jugendlichen ist in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen. Im vergangenen Jahr sind rund 50 Prozent mehr junge Fussgänger im Alter von 18 bis 24 verunfallt als noch 2003. Mit ein Grund dürfte die kontinuierliche Zunahme von Smartphones und anderen mobilen Gadgets sein.

Diese Entwicklung bestätigt Rolf Meyer, Sprecher von Bernmobil: «Die Aufmerksamkeit auf der Strasse ist nicht mehr so hoch wie früher. Unsere Fahrer erleben täglich Leute, die über die Strasse gehen, während sie am Handy beschäftigt sind. Meistens wird zum Glück niemand verletzt.» Trotzdem wurden im Kanton Bern 2013 fünf Unfälle auf Zebrastreifen registriert, bei denen Fussgänger erwiesenermassen von Mobiltelefonen abgelenkt wurden, wie Kapo-Sprecherin Simona Benovici erklärt. «Dabei handelt es sich einzig um die Fälle, bei denen die Unfallursache klar definiert werden konnte. Das Problem ist also unbestritten da.»

«Unser täglich Brot»

Bei den Luzerner Verkehrsbetrieben VBL komme es ebenfalls regelmässig zu Situationen, bei denen die Buschauffeure wegen eines Fussgängers eine Vollbremsung einleiten müssten. Dabei gefährdet er nicht nur sich selbst. «Es kommt vor, dass die Leute im Bus bei der Vollbremsung stürzen und sich verletzen», sagt Sprecher Christian Bertschi.

Die Zürcher Verkehrsbetriebe VBZ kennen das Phänomen ebenfalls. «Die Handys und der damit verbundene unvorsichtige Umgang sind unser täglich Brot», sagt Sprecher Andreas Uhl. «Jede Fahrerin und jeder Fahrer achtet darauf und rechnet mehr oder weniger auch mit unvorsichtigen Fussgängern.»

Es gab schon Todesfälle

Das VBZ-Personal werde deswegen sogar regelmässig speziell geschult und lerne so den Umgang mit abgelenkten Passanten. «Wir warnen mit Rasseln, Bremsen, Hupen oder vermindern die Geschwindigkeit.»

Komme es zu Unfällen, handle es sich längst nicht nur um kleine Ereignisse. Für die Wagenführer seien die Handys Stressquelle und Grund zur ständigen Sorge: «Es ist völlig unbestritten, dass es wegen der Unachtsamkeit bei uns auch schon Todesfälle gab.» So sei beispielsweise vor einigen Jahren ein Drogenhändler, der sich illegal in der Schweiz aufhielt, von einem Tram erfasst und tödlich verletzt worden. «Der Mann war abgelenkt, weil er telefonierte. Die Schuld lag zu 100 Prozent bei ihm», sagt Uhl.

Lieber auf dem Trottoir bleiben

Laut bfu-Sprecher Daniel Menna besteht die Gefahr, dass die Zahl der verunfallten Fussgänger mit dem Aufkommen von Google Glass und anderen Gadgets in Zukunft noch steigen wird. Besonders gefährlich sei das Überqueren eines Fussgängerstreifens. «Je mehr anderes man macht, desto geringer ist die Aufmerksamkeit. Sobald man auf der Strasse ist, muss sie deshalb dem Verkehr gelten.» Das bekannte «Luege, lose, laufe» habe leider an Bedeutung verloren. Für Menna steht fest: «So segensreich Smartphones auch sind, im Verkehr haben sie nichts verloren.»

Dass es im Leben trotzdem nicht ohne Handy geht, ist Menna bewusst. Er rät deshalb, abseits der Strasse kurz stehen zu bleiben, wenn man es benutzen möchte. Wer dennoch in Eile sei, sollte zumindest auf dem Trottoir bleiben. «Da läuft man vielleicht einmal gegen einen Pfosten oder einen anderen Passanten, aber wenigstens wird man nicht überfahren.»

Hatten Sie auch schon einen Unfall, weil Sie am Handy waren und unbedacht die Strasse betraten? Schildern Sie uns ihr Erlebnis auf feedback@20minuten.ch!

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