Aktualisiert 12.05.2015 12:16

Indien-BlogHappy Holi – die spassige Farbexplosion

Das legendäre Holi-Festival ist Spass pur – allerdings mit Farbe, die man tagelang nicht mehr vom Körper wegbekommt.

von
David Torcasso
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Das weltbekannte Farbenfestival Holi findet in Indien Anfang März zu Ehren des Gottes Krishna statt und soll zugleich den Frühling einläuten - einen Monat früher als das Sechseläuten in Zürich.

Das weltbekannte Farbenfestival Holi findet in Indien Anfang März zu Ehren des Gottes Krishna statt und soll zugleich den Frühling einläuten - einen Monat früher als das Sechseläuten in Zürich.

Am Tag davor findet das Holi Warm-up mit Kids aus den Slums statt. Wir haben ihnen Farbe mitgebracht, weil sich die Eltern der Kinder keine Farbe leisten können, um mit ihnen Holi zu spielen.

Am Tag davor findet das Holi Warm-up mit Kids aus den Slums statt. Wir haben ihnen Farbe mitgebracht, weil sich die Eltern der Kinder keine Farbe leisten können, um mit ihnen Holi zu spielen.

Farbe ist wohl der direkteste und witzigste Ausdruck von Freundschaft. Wir schmeissen nicht nur mit Farbe, sondern schmeissen uns auch weg vor Lachen.

Farbe ist wohl der direkteste und witzigste Ausdruck von Freundschaft. Wir schmeissen nicht nur mit Farbe, sondern schmeissen uns auch weg vor Lachen.

«Happy Holi», wünscht mir der Händler. Dieses Wochenende findet in meiner Stadt Bhopal das weltbekannte Farbenfestival Holi statt. Das Farbenschmeissen ist eine hinduistische Tradition zu Ehren des Gottes Krishna. Mein Kumpel Mohsin und Freunde wollen am Freitag Holi spielen. Es heisst nämlich Holi spielen und nicht feiern. Ich besorge mir am Markt ein Starter-Kit: rotes, grünes und blaues Pulver in Plastiktütchen. Im Sortiment der Händler stehen auch Wasserpistolen und Eimer sowie neue Klamotten für den Tag danach. In meinem Reiseführer steht: Zieh auf keinen Fall deine Lieblingsklamotten an! Die echte Holi-Farbe kriegt man nie mehr weg.

Holi bedeutet Ausnahmezustand

Umang holt mich mit dem Auto ab – eine Freundin von Mohsin, die ich von der «The Optimist»-Redaktion kenne. Ein Hansdampf in allen Gassen. Die 23-Jährige gründet neben dem Studium gerade ein Fashion-Label. Sie möchte klassische Kurta-Schnitte mit Digitalprints mixen. Umang erinnert mich an eine indische Ausgabe von Rihanna und hat mir einmal gesagt: «Weisst du, warum wir Inder so gastfreundlich sind? Weil wir uns wünschen, dass ihr uns nie vergesst.»

Auf der Fahrt entdecke ich wummernde Boxen. «Warum halten wir nicht?», frage ich und deute auf den Freiluftclub. «Das ist eine Horde besoffener Jungs», winkt Umang ab. Natürlich wird am Holi-Festival auch Alkohol getrunken. Wie an jedem Fest – egal ob in Teheran, Berlin, Abu Dhabi oder Peking. Auch wenn weit und breit kein Glas Bier steht. Holi bedeutet nicht nur hemmungsloses Farbenwerfen, sondern Ausnahmezustand. An einem Tag im Jahr haben alle Läden geschlossen. Sogar die Ampeln sind abgeschaltet. Die Polizei feiert auch Holi.

Wir halten vor dem Haus von Tuhin. Ich höre weder Musik noch Gelächter, trete verwundert in den Garten. Dann erwischt es mich kalt und ich drohe unter einer Welle zu ertrinken. Zur Begrüssung haben die Jungs einen Eimer Wasser vom Balkon gekippt. Ich bin bis auf die Boxershorts durchnässt. Meine Freunde krümmen sich bereits vor Lachen. Die Botschaft dieses Empfangs ist klar: Jetzt kommt hardcore Holi. Mit Wasserfarbe, die sich unter die Haut brennt. Dann duschen sie Umang mit einem Eimer ab und werfen ihr eine Wolke grüner Farbe ins Gesicht. Piyush springt aus dem Haus und streicht Moshins weisse Kurta mit Rot und Grün zu einem Gemälde. Ich ziehe mein Farbtütchen hervor und schütte sie Umangs Schwester über den Kopf. In Minuten verwandelt sich mein Hemd in einen Pantone-Fächer. Der Farbenstaub in der Luft vermischt sich zu einem Regenbogen.

Teletubbie-Familie und ein pinker Buddha

Wir schmeissen uns nicht nur Farben an, sondern schmeissen uns weg vor Lachen. Farben sind wohl der direkteste Ausdruck von Spass. Das Wasser weicht unsere Gemüter auf. Wir sehen aus wie Fantasiefiguren aus «Avatar» oder «Krieg der Sterne» und springen und tollen wie Kobolde herum. Als ich mit Moshin ein Selfie schiesse, sehe ich, dass meine Zähne blau sind. Ein gemeinsamer Farbenorgasmus als Ausdruck unserer Freundschaft!

Auf dem Rückweg auf dem Motorrad muss ich immer noch grinsen, weil überall farbige Figuren herumkurven. Eine Teletubbie-Familie, Sternenkrieger mit grünen Gesichtern, ein pink Buddha in einer Rikscha. Vor lauter überschwänglicher Love and Happiness habe ich glatt vergessen, dass ich keinen Schluck Alkohol getrunken habe und es noch hell ist.

Das Badezimmer ist im Nu pink. Die Farbe haftet weiter am Körper. Ich dusche eine halbe Stunde lang. Nichts passiert. Ich rufe Mohsin an: «Du, wie kriegt man denn jetzt diese Farbe wieder weg?» Er sagt gelassen: «Gar nicht. Du kannst es mit Teig versuchen. Gedulde dich ein paar Tage. Dann verschwindet die Farbe von selbst.» Jetzt verstehe ich die wahre Botschaft von Holi: Die Farbe soll möglichst lange haften bleiben – als Erinnerung an einen der schönsten Tage meines Lebens.

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Nach seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitete er für Tages-Anzeiger und 20 Minuten, danach als freiberuflicher Journalist für Das Magazin, NZZ, Die Zeit oder Monocle. David pendelt zwischen Zürich und Berlin. Zurzeit weilt er in Bhopal, Indien.

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