So ein Theater!: «Happy Hour» sprengt Grenzen des Gamens
Aktualisiert

So ein Theater!«Happy Hour» sprengt Grenzen des Gamens

Im interaktiven Theatergame «Happy Hour» treten zwei Gruppen gegeneinander an. Statt Videogame-Figuren steuert das Publikum Schauspieler aus Fleisch und Blut. Doch nach 45 Minuten droht das Game-over.

von
Jan Graber

Der Ort: Die Bar Stall 6 in der Zürcher Gessnerallee. Mitten im Barbetrieb stehen zwei Tische, um die je sechs Zuschauer mit Kopfhörern sitzen. Gebannt schauen sie auf einen Bildschirm, auf denen zwei Figuren zu sehen sind – den Barbetrieb um sich nehmen sie nicht wahr. Die Figuren auf dem Bildschirm scheinen sich in einer misslichen Lage zu befinden: Sie sind Gefangene eines Raumes und wollen daraus flüchten. Sie können es offensichtlich nur mit Hilfe der Zuschauer. Diese diskutieren, schieben hektisch zwei Karten mit Aufschriften in dafür vorgesehene Kästen und drücken einen roten Knopf. Woraufhin die Figur am Bildschirm eine Aktion ausführt.

Hinter den Kulissen

Einen Stock höher: Im Dachgeschoss der Gessnerallee herrscht derweil das geordnete Chaos. Zwei Schauspieler stehen in je einer Szenerie, die von einer Kamera gefilmt wird und die den Raum darstellt, den die Zuschauer im unteren Stock gerade sehen. Über ein Headset erhalten sie die Befehle, welche die Zuschauer gerade über die Karten eingegeben haben. Haben die Spieler unten die richtige Kombination der Karten gewählt, agiert der Schauspieler entsprechend korrekt und entdeckt einen weiteren nützlichen Gegenstand, der ihm zur Flucht verhilft. Macht die Kombination keinen Sinn, agiert auch der Schauspieler unsinnig – und stellt sich zum Beispiel einen Becher auf den Kopf. Die Techniker kümmern sich derweil an einer Schaltzentrale ums technische System und den reibungslosen Ablauf. Zudem geben Sie dem Concierge im unteren Raum Anweisungen und spielen Filmsequenzen ein, wenn sich die Schauspieler zum nächsten szenischen Raum begeben.

Was sich anhört wie ein unvorstellbar komplexes System, um die Illusion eines Videospiels in der Realität zu schaffen, ist es auch: Sieben Wochen haben die neun Mitglieder des deutsch-schweizerischen Ensembles machina eX in der Gessnerallee gearbeitet, um das Stück «Happy Hour» auf die Beine zu stellen. Sie haben künstliche Räume präpariert, kilometerlange Kabel verlegt, Videoeinspielungen vorbereitet und ein System programmiert, das die Karteneingaben der Zuschauer erkennt und in automatisch generierte Sprachbefehle umwandelt. Das Ziel: Ein interaktives Theaterstück zu schaffen, das als Game funktioniert. Die Zuschauer sind gleichzeitig die Spieler, die Spielfiguren werden durch Schauspieler verkörpert.

Faszination wie beim Gamen

machina eX sprengt mit «Happy Hour» Grenzen: Auf zuvor ungesehen Weise vermischt die Truppe zwei Welten, die bisher unvereinbar schienen. Und sie schaffen es mit Bravour: Das Stück absorbiert die Zuschauer-Spieler auf eine ähnliche Weise, wie es ein Game vermag. Die Improvisationskunst der Schauspieler führt zu äusserst witzigen Situationen, die Zuschauer sehen sich bisweilen mit Knacknüssen konfrontiert, die zu heftigen Diskussionen führen. Die Befriedigung über ein gelöstes Rätsel entspricht derjenigen eines Videogames – das Stück unterscheidet sich abgesehen von den realen Schauspielern kaum von einem herkömmlichen Point'n'Click-Abenteuer.

Gewonnen hat übrigens die Gruppe, deren Figur zuerst flüchten kann. Nach 45 Minuten ist der Spass allerdings vorbei – wenn die Spielfigur bis dahin nicht frei ist, heissts «Game over». Befriedigt gehen die Zuschauer-Spieler dennoch nach Hause.

«Happy Hour» ist in der Gessnerallee noch bis zum Samstag, 29. Oktober zu sehen. Spielzeiten unter

www.machinaex.de.

machina eX

Die Idee für machina eX entstand im Jahr 2010 von Philip Steimel und Laura Schäffer, die sich für ihre Diplomarbeit des Kulturwissenschaftstudiums in Hildesheim mit der Kombination von Theater und Film auseinandersetzten. Zusammen mit sieben weiteren Studenten gründeten Sie das Ensemble, das sich immer mehr auch mit Gamemechanismen beschäftigte und einen Weg suchte, diese mit Theater zu verbinden. Mittlerweile hat machina eX sieben Projekte umgesetzt, die in Deutschland und Österreich aufgeführt wurden. Eines davon – «15.000 Gray» – wurde mit Preisen ausgezeichnet. «Happy Hour» ist die Schweizpremiere für das deutsch-schweizerische Ensemble.

Die Hintergrundinformationen zur aktuellen Aufführung lieferten die Dramaturgin und Schauspielerin Anna Fries und Technikchef Robin Krause.

www.machinaex.de

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