Hariri-Attentat erschüttert Nahost
Aktualisiert

Hariri-Attentat erschüttert Nahost

Die Autobombe, die Libanons Ex-Regierungschef Rafik Hariri in den Tod riss, hat den gesamten Nahen Osten erschüttert.

Der Mord an der Symbolfigur des libanesischen Wiederaufbaus nach dem Bürgerkrieg (1975-1990) wird nach Meinung fast aller politischer Beobachter dazu beitragen, die arabische Welt noch tiefer ins Chaos zu stürzen. Denn sie trifft die Region in einem Moment, wo die Gewalt in Nahost, die Krise im Irak, islamistischer Terror und der Streit um die iranischen Nuklear-Ambitionen bereits für grosse Verunsicherung sorgen.

In Libanon ist die latente politische Instabilität nun mit einem Schlag offen ausgebrochen. Bei dem erbitterten Streit, der bei einigen die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg aufkommen liess, geht es im Kern darum, wer nun der bessere Patriot ist: Derjenige, der - wie Hariri - die Macht der Syrer in Libanon beschneiden will oder derjenige, der in der Anwesenheit von 15 000 syrischen Soldaten und politischen Vorgaben aus Damaskus eine Garantie gegen westliche Einflussnahme sieht.

Verhindern von Mauscheleien

Vor allem die Opposition, die mit Hariri ihre Gallionsfigur verloren hat, will nun sicherstellen, dass die Suche nach den Mördern nicht durch Vorverurteilungen und politische Mauscheleien gestört wird.

«Den Behörden kann man nicht vertrauen, wenn es um eine derartige Untersuchung geht», hiess es am Dienstag in einer Erklärung der Opposition. Wie gross diese Gefahr auch von Aussenstehenden eingeschätzt wird, machte Frankreichs Präsident Jacques Chirac deutlich, der direkt nach dem Mord eine internationale Ermittlung forderte.

Wer sind die Hintermänner?

Die Liste der in Beirut genannten Verdächtigen ist lang. Libanesische und syrische Regierungskreise beschuldigten mehr oder weniger direkt Israel. Zur Begründung heisst es, Israel sei an einer Destabilisierung des Nachbarlandes interessiert.

Dies komme vor allem deshalb in Frage, weil sich Beirut und Damaskus bisher geweigert haben, die Operationen der pro-iranischen Hisbollah-Miliz an der Grenze zu Israel und die Aktivitäten radikaler Palästinensergruppen zu stoppen.

Syrer im Brennpunkt

Dschibran Tueni, ein führender christlicher Oppositionspolitiker kann dieser Theorie jedoch nichts abgewinnen: «Jedes Mal, wenn sie ein Verbrechen begehen, beschuldigen sie den israelischen Geheimdienst, aber wir fragen: Wer kontrolliert denn alle sicherheitsrelevanten Bereiche in diesem Land? Es sind die Syrer und ihr libanesisches Marionetten-Regime.»

Ebenfalls im Verdacht steht Syrien, weil sich Hariri in den vergangenen Monaten verstärkt gegen syrische Einmischung in die libanesische Innenpolitik gewandt hatte. Wieder andere beschuldigen die USA, sie wollten das Verbrechen Syrien in die Schuhe schieben, um dadurch einen Vorwand für weitere Zwangsmassnahmen gegen das Regime unter Präsident Baschar al-Assad zu haben.

Dschihadisten eher unwahrscheinlich

Daneben werden auch noch rivalisierende libanesische Gruppen als mögliche Drahtzieher genannt. Auch das vom Nachrichtensender Al- Dschasira ausgestrahlte Bekennervideo, das auf eine Tat islamistischer Terroristen hinweist, konnte die Verschwörungstheoretiker bisher nicht von ihrer jeweiligen These abbringen.

Zu sehr an den Haaren herbeigezogen erscheint ihnen das Motiv der angeblichen Täter: Ein Attentat auf Hariri, weil er ein Freund des saudi-arabischen Königshauses war.

(sda)

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