Tod eines Häftlings: Harsche Kritik am Knastregime von Bochuz

Aktualisiert

Tod eines HäftlingsHarsche Kritik am Knastregime von Bochuz

Mangelhafte Ausbildung und eine bis ins Absurde getriebene Weisungshörigkeit des Personals haben zum Tod eines Häftlings im Waadtland geführt.

Der Bericht zum Erstickungstod eines Häftlings in der der Waadtländer Strafanstalt Bochuz fällt vernichtend aus: Blinder Befehlsgehorsam und eine Ausbildung, die nicht auf der Höhe der Aufgabe ist. Zu diesem Schluss kommt der ehemalige Bundesgerichtspräsident Claude Rouiller in seinem am Donnerstag veröffentlichten Bericht.

Ein 30-jähriger Häftling hatte am 11. März dieses Jahres seine Zelle in Brand gesteckt. Die Wärter löschten das Feuer, befreiten den Mann aber erst 90 Minuten später aus der Zelle. Der Häftling starb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung.

Im Gefängnis sass er seit nahezu zehn Jahren. Ursprünglich war er wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und anderen Delikten zu 20 Monaten verurteilt worden. Da der Mann als gefährlich eingestuft wurde, wandelte das Gericht die Strafe in Verwahrung auf unbestimmte Zeit um. Der durch eine schwere Kindheit und Jugend geprägte Häftling hatte sich gegen diesen Entscheid immer gewehrt.

Im Hochsicherheitstrakt

Der Mann sei weder psychisch krank noch ein gefährlicher Krimineller gewesen. Trotzdem habe er die längste Zeit eines Lebens in Hochsicherheitstrakten verbracht, schreibt Alt Bundesgerichtspräsident Rouiller in seinem Bericht.

Der Mann habe den Sinn dieser Verwahrung nie begriffen und habe zunehmend Aggressionen entwickelt, bis zum folgenschweren Zwischenfall vom 11. März. Der Brand in seiner Zelle habe beim Personal mangelnde Ausbildung zu Tage gebracht. Gleichzeitig hätten sich die Wärter bis zur Absurdität den Regeln unterworfen.

Das Personal habe Weisungen und existierende Praktiken miteinander verwechselt und dabei das Wesentliche vergessen: einem Häftling in Gefahr sofortige Hilfe zu leisten. Auch das medizinische Personal sich an Prozeduren gehalten, statt zu handeln.

Weisung falsch begriffen

Der Häftling sei gestorben, weil Weisungen von jenen, die ihn hätten schützen sollen, falsch umgesetzt oder verstanden worden seien. Das Personal habe sich wie Roboter hinter einer Sicherheitsweisung verschanzt, schreibt Rouiller in seinem Bericht in Anspielung darauf, dass erst die Spezialeinheit abgewartet worden war, bevor der «gefährliche» Insasse aus seiner Zelle geholt worden war.

Der ehemalige Bundesrichter stellte sich aber gegen die Gerüchte, dass gegenüber dem unbequemen Häftling mutwillige Nachlässigkeit geübt worden sei. Es habe unangebrachtes Verhalten gegeben, aber niemand habe den Häftling sterben lassen wollen. Man müsse sich auch zu fragen, wie Hochsicherheitstrakte und Verwahrungspraxis humaner gestaltet werden könnten.

Reformbedarf

In dem Bericht macht Rouiller starken Reformbedarf im Strafvollzug aus. Er kritisiert den Personalmangel, die ungenügende Ausbildung der Wärter, die Absenz von Kaderpersonen zwischen 22 Uhr und Mitternacht. Er unterstreicht auch die Furcht des Gefängnispersonals vor jeglichem Verstoss gegen Reglemente wegen drohender Kündigung.

Der Waadtländer Justizdirektor Philippe Leuba zog am Donnerstag erste Konsequenzen aus dem tragischen Fall. Er kündigte tiefgreifende Reformen an und trennte sich im gegenseitigen Einvernehmen von der Direktorin der Waadtländer Haftanstalten, Catherine Martin. Um die Untersuchungsgefängnisse zu entlasten, werden per sofort zusätzliche Haftplätze geschaffen.

Leuba zeigte sich an der Medienkonferenz vom Donnerstag tief betroffen über das Drama. «Ich möchte nicht, dass sich so etwas jemals wieder in einem Waadtländer Gefängnis ereignet», sagte er. Die Strafuntersuchung in dem Fall Bochuz ist noch nicht abgeschlossen. (sda)

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