Aktualisiert 22.07.2014 13:28

Undurchsichtig und unverständlich

Harsche Kritik an Zürcher Schutzbehörden

Profis leiten seit eineinhalb Jahren den Zürcher Kindes- und Erwachsenenschutz. Gemeinden beklagen, dass die Behörde zu undurchsichtig und technokratisch arbeitet.

von
som
Wenn Menschen nicht mehr für sich selbst oder für ihre Kinder sorgen können, entscheidet die Kinder- und Erwachsenen-Schutzbehörde (Kesb). Allerdings wird diese seit ihrer Einführung harsch kritisiert.

Wenn Menschen nicht mehr für sich selbst oder für ihre Kinder sorgen können, entscheidet die Kinder- und Erwachsenen-Schutzbehörde (Kesb). Allerdings wird diese seit ihrer Einführung harsch kritisiert.

Ein Arzt und ein Sozialarbeiter von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) klingelten bei Alois W.*. Es liege eine Gefährdungsmeldung vor, sagten die Männer: Margrit W.*, die schwer demente Ehefrau von Alois W., solle in ein Billig-Pflegeheim ins Ausland abgeschoben werden. Wer die Kesb informierte, weiss Alois W. nicht: «Ich habe mich damals bei verschiedenen Stellen erkundigt, wo Margrit am besten gepflegt werden kann», sagt er zum «Tages-Anzeiger».

Nach dem Besuch verboten die Behörden ihm, für seine Frau zu entscheiden. Dabei hatte sich das Ehepaar genau für einen solchen Fall gegenseitig eine beglaubigte Vollmacht erteilt. Wehren konnte sich Alois W. nicht. Dafür hätte ihm die Kesb die Erlaubnis geben müssen, als Vertreter seiner Frau zu handeln. Genau dieses Recht hatten sie ihm aber abgesprochen. Alois W. schrieb Einsprache um Einsprache. Als seine Frau nach acht Monaten starb, schwelte der Streit noch immer.

Zu viele Juristen und viele Personalwechsel

Er ist nicht der Einzige, der mit der neuen Behörde schlechte Erfahrungen gemacht hat. Seit sie vor eineinhalb Jahren eingeführt wurde, kommt sie nicht aus der Kritik. So beklagt etwa ein Mediator, der immer wieder mit Behörden zu tun hat, aber nicht genannt werden will, die Kesb sei sehr von Juristen dominiert. «Das hat zur Folge, dass sie und nicht Sozialarbeiter das Vorgehen festlegen – was eine pragmatische Lösung oft verunmöglicht», sagt er. Laut dem «Tages-Anzeiger» sind die Beschlüsse für Laien teilweise völlig unverständlich, da streng juristisch argumentiert werde.

Weiter hatten fast alle Kesb von Anfang an zu wenig Personal und mussten aufgestockt werden. Auf der anderen Seite hatten viele Gemeinden schon Monate vor der Einführung der neuen Behörden Fälle nicht erledigt, was den Kesb viel Arbeit bescherte. Ebenfalls gibt es innerhalb der Behörde viele Reibereien und Personalwechsel, da die angestrebte interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht wie geplant funktioniert. Auch die Abgrenzung zu anderen Beratungsstellen, Sozialdiensten und Gerichten sorgt oft für Ärger. «Die reden überall rein», sagt der Mediator, nicht selten mangle es an der gebotenen Neutralität. Gerade kleine Gemeinden fühlen sich oft von den Kesb übergangen. «Wir zahlen, aber in die Entscheide einbezogen werden wir nicht. Die Kesb sind eine einzige Blackbox», klagt etwa Martin Farner, FDP-Kantonsrat und Gemeindepräsident von Oberstammheim: «Dabei wäre in den Gemeinden viel Vorwissen über die Betroffenen vorhanden.»

Bis alles reibungslos läuft, dauert es noch

Ruedi Winet, Geschäftsleiter der kantonalen Kesb-Vereinigung will die Kritik nicht kleinreden. So sagt er etwa zum Vorwurf, Entscheide würden zu juristisch klingen: «Ich kann mir vorstellen, dass Entscheide nicht immer so verfasst werden, dass sie verständlich sind.» Das könne auch am gros­sen Druck liegen. Und es fehle zum Teil noch an der gemeinsamen Sprache innerhalb der Kesb. «Die Entscheide müssen aber vor Gericht haltbar sein. Da sind juristische Argumente zwingend.»

Winet räumt auch ein, dass die Abgrenzung zu anderen Stellen nicht immer einfach sei. Das habe damit zu tun, dass die Kompetenzen und Grenzen der Kesb noch nicht überall bekannt seien. Man arbeite aber daran, die Schnittstellen zu anderen Institutionen zu klären. Für Winet ist klar: Bis alles reibungslos läuft, dauert es noch. «Wir müssen wohl mit rund drei Jahren rechnen, bis der Aufbau überall abgeschlossen ist.»

* Namen geändert

Statt Laien entscheiden Profis

Wenn Menschen nicht mehr für sich selbst oder für ihre Kinder sorgen können, springt der Staat ein. Früher war das Sache der Vormundschaftsbehörden in den Gemeinden oft entscheiden die vom Volk gewählte Gemeinderäte. Vor eineinhalb Jahren haben 13 regionale Profischutzbehörden im Kanton aus Juristen, Sozialarbeitern, Psychologen und Pädagogen diese Laien abgelöst. Seither kommt die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) nicht mehr aus der Kritik.

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