Jom Kippur: Hartes Brot für israelische Hühner
Aktualisiert

Jom KippurHartes Brot für israelische Hühner

Seit Jahrhunderten feiern orthodoxe Juden den Vorabend von Jom Kippur, indem sie lebende Hühner herumschwingen und töten. Jetzt regt sich aber Widerstand.

von
Daniella Cheslow
AP

Für Generationen war es das unverkennbare Zeichen für den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Traditionell schwingen Ultraorthodoxe am Vorabend des Versöhnungstages lebende Hühner über dem Kopf, während sie beten. Anschliessend werden die Tiere geschlachtet. Das Ritual symbolisiert die Reinigung der Seele von Sünden. Das Fleisch wird anschliessend an Bedürftige gespendet. Seit mehr als 800 Jahren wird Kapparot (hebräisch für Sühne) so praktiziert, doch nun gerät das Ritual zunehmend in die Kritik - auch vonseiten ultraorthodoxer Rabbiner.

Mehrere Rabbiner sprechen sich gegen das Praktizieren des Kapparot mit Hühnern aus. Die grausame Behandlung der Tiere sei nicht mit den Regeln des Judentums vereinbar. «Man kann kein Gebot befolgen, indem man eine Sünde begeht», sagt Rabbi Meir Hirsch, Mitglied der ultraorthodoxen Gruppe Neturei Karta. Die Schlachter lieferten die Hühner in der Nacht vor dem Feiertag in Plastikkäfigen an. «Sie stehen den ganzen Tag in der Sonne, ohne Futter und Wasser», sagt der Rabbi. Ihr klägliches Geschrei habe ihn dazu gebracht, das Ritual kritisch zu sehen.

Ultraorthodoxe bestehen auf die Verwendung von Tieren

Prominente Juden in Israel und den USA hatten die Behandlung der Hühner beim Kapparot bereits in der Vergangenheit als Tierquälerei verurteilt und sich für Alternativen ausgesprochen. Doch ultraorthodoxe Gruppen hatten darauf bestanden, das Ritual weiterhin mit Tieren zu praktizieren.

Allerdings ist das Kapparot mit Hühnern bereits seit Jahrhunderten umstritten. Bereits im 16. Jahrhundert bezeichnete Rabbi Josef Karo, einer der wichtigsten Verfasser jüdischer Vorschriften, das Schwingen von Hühnern als «albernen Brauch». In der Tradition der sephardischen Juden wird das Kapparot seitdem ohne Hühner praktiziert. Gläubige schwingen stattdessen Säcke mit Münzen über ihre Köpfe. Anschliessend wird das Geld gespendet. In der Tradition der Aschkenasim, der mittel- und osteuropäischen Juden, lebte die Tradition mit Hühnern jedoch fort.

Tierschützer verteilen Flugblätter mit Rabbi-Zitaten

Inzwischen weichen allerdings selbst ultraorthodoxe Juden von dem ursprünglichen Ritual ab. Rabbi Hirsch verwendet beim Kapparot nun einen 10-Dollar-Schein anstatt eines Huhns. Andere orthodoxe Juden protestieren organisiert gegen das Schwingen von Hühnern. Jehuda Schein, ein Aktivist aus dem Jerusalemer Vorort Beit Schemesch, gründete im vergangenem Jahr die ultraorthodoxe Tierschutzorganisation «Behemla» («mit Mitgefühl»). Rund 50 Mitglieder verteilten dieses Jahr Flugblätter mit Zitaten von Rabbinern, die sich gegen das Kapparot mit Hühnern aussprechen.

Das Spenden von Geld als Alternative zu Hühnern setze sich als Trend in Israel und auf der ganzen Welt durch, sagt Menachem Friedman, Experte für die jüdische Religionsgemeinschaft. «Es ist inzwischen verbreitet, für das Kapparot Geld in die Synagoge mitzubringen. Jeder wählt dann die Organisation aus, an die er es spenden möchte.» Die Mehrheit der ultraorthodoxen Juden würde aber weiterhin Hühner verwenden.

Deine Meinung