Putschversuch: Hass und Hetze unter Türken in Deutschland

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PutschversuchHass und Hetze unter Türken in Deutschland

Der Konflikt zwischen Erdogan-Fans und -Gegnern schwappt nach dem Putschversuch nach Deutschland. Im Netz und auf der Strasse regiert der Hass.

von
mlr
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Vor der Sultan-Ahmet-Moschee im nordrhein-westfälischen Hagen hing laut «Bild» am Montag ein Plakat mit der Aufschrift: «Vaterlandsverräter raus».

Vor der Sultan-Ahmet-Moschee im nordrhein-westfälischen Hagen hing laut «Bild» am Montag ein Plakat mit der Aufschrift: «Vaterlandsverräter raus».

Screenshot Facebook
An der Tür einer türkischen Bäckerei in Düsseldorf hing am Montag ein Zettel, der warnte: «Kein Zutritt für Gülen-Anhänger!!»

An der Tür einer türkischen Bäckerei in Düsseldorf hing am Montag ein Zettel, der warnte: «Kein Zutritt für Gülen-Anhänger!!»

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Erdogan-Anhänger demonstrierten am 16. Juli vor der türkischen Botschaft in Berlin gegen den Putschversuch.

Erdogan-Anhänger demonstrierten am 16. Juli vor der türkischen Botschaft in Berlin gegen den Putschversuch.

AP/Markus Schreiber

Der Putschversuch in der Türkei treibt einen Keil zwischen die in Deutschland lebenden Türken. Die Spannungen zwischen Unterstützern und Gegnern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sorgen für Hetze in den sozialen Medien, aber auch in Geschäften, Moscheen und auf der Strasse.

Wie Bild.de berichtet, rufen Erdogan-Anhänger auf Facebook vermehrt dazu auf, «Landesverräter» dem türkischen Staat zu melden. Die Hetzer nennen Telefon- und E-Mail-Adressen der vermeintlichen Sympathisanten von Fethullah Gülen, dem türkischen Staatsfeind Nummer eins, der einst ein enger Vertrauter Erdogans war und heute in den USA lebt. In mehreren Posts wird gar die Erschiessung von Gülen-Anhängern gefordert.

«Kein Zutritt für Gülen-Anhänger»

An einer Moschee im nordrhein-westfälischen Hagen hing laut «Bild» am Montag ein Schild mit der Aufschrift «Vaterlandsverräter raus», an einer Düsseldorfer Bäckerei warnte ein Plakat: «Kein Zutritt für Gülen-Anhänger». Beide Hinweise wurden inzwischen entfernt. In Gelsenkirchen und Augsburg wurden in mehreren Einrichtungen, darunter in einem Jugendtreff, Fensterscheiben eingeworfen. In Stuttgart steht eine türkische Schule seit dem Putschversuch unter Polizeischutz.

Unionspolitiker sehen die Entwicklung in Deutschland mit Sorge: «Die Gefahr einer Eskalation der Gewalt im Konflikt zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern ist auch in Deutschland gestiegen», sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Montag dem «Münchner Merkur». «Wir wollen solche Konflikte nicht in unserem Land», sagte der Minister.

Polizei ist alarmiert

Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, befürchtet, dass sich der türkische Konflikt bis nach Deutschland ausbreiten könnte. Er bekomme bereits Drohanrufe, sagte er der «Passauer Neuen Presse». In Nordrhein-Westfalen seien bereits Geschäfte von türkischstämmigen Inhabern geplündert worden, die angeblich der Gülen-Bewegung nahestehen.

Gemäss Sofuoglu soll auf Betreiben Erdogans eine Telefon-Hotline existieren, über die Hinweise auf türkische Oppositionelle in Deutschland gesammelt würden. Dabei würden «alle, die etwas gegen Erdogan sagen, entweder als PKK-Aktivisten oder als Gülen-Unterstützer angesehen».

Alarmiert ist auch die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG). «Der gescheiterte Putschversuch könnte dazu führen, dass sich Türken, die dem Erdogan-Lager zuzurechnen sind, aufgefordert fühlen, gegen kurdische Menschen in Deutschland gewaltsam vorzugehen», zitiert die Nachrichtenagentur AFP deren Vorsitzenden Rainer Wendt. Auch könnten radikale Islamisten Spannungen zwischen Türken und Kurden ausnutzen. «Die schrecken durchaus auch vor Gewalt nicht zurück», so Wendt.

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