Ausländer im Heimatland: «Hast du uns wenigstens etwas mitgebracht?»
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Ausländer im Heimatland«Hast du uns wenigstens etwas mitgebracht?»

In der Schweiz lebende Ausländer fahren im Sommer häufig ins Heimatland. Dort freuen sich nicht alle über ihren Besuch. Leser erzählen von ihren Erfahrungen.

von
Camille Kündig
Die 20-Minuten-Leserin A.J. sagt allen Emigrierten, die in ihrem Heimatland schikaniert werden und trotzdem weiter hinfahren: «Respekt!»

Die 20-Minuten-Leserin A.J. sagt allen Emigrierten, die in ihrem Heimatland schikaniert werden und trotzdem weiter hinfahren: «Respekt!»

Im Sommer machen viele Emigranten Ferien in ihrem Heimatland oder besuchen Verwandte. Dabei erleben sie nicht nur Schönes. Sie werden beleidigt, abschätzig behandelt oder der Angeberei bezichtigt. Ein Video von einem jungen Mann aus Deutschland, der sich über die Schikane in seinem Heimatland Kosovo beklagt, ist viral gegangen. Mehrere 20-Minuten-Leser haben sich nun bei uns gemeldet und erzählen von ihren Erfahrungen.

Jedes Jahr sei es das Gleiche, schreibt Leserin A.L.*: Kaum sei man im Kosovo angekommen, fragten die Leute «Hast du uns wenigstens etwas mitgebracht?» F.I.* aus Kroatien berichtet von ähnlichen Erfahrungen: «Ich wollte mir schon extra ein kleines Auto kaufen, um in mein Heimatland zu fahren. So hätte ich mir die dummen Kommentare nicht mehr anhören müssen von wegen ich käme nur, um zu protzen.»

«Die Leute freuen sich nur auf unser Geld»

Ein junger Mann weist auf ein anderes Problem hin: «In Kroatien bin ich der Schweizer und in der Schweiz bin ich der Jugo. Egal wo – die Leute sehen mich überall als Ausländer», schreibt er frustriert.

Viele wissen nicht, dass wir auch in der Schweiz «nur» Ausländer sind, schreibt auch der aus Bosnien stammende C.M.* Sie seien in ihrem Heimatland nicht richtig willkommen: «Die Leute freuen sich dort nur auf unser Geld, nicht aber auf uns als Menschen.» Er liebe seine Heimat trotzdem, sagt er, und versuche «diese Schattenseite so gut es geht zu ignorieren».

«Der Neid ist schuld»

J.D.*, ursprünglich aus dem Kosovo, erklärt sich die Reaktionen mit falschen Annahmen: «Die Einheimischen behandeln uns so, weil sie neidisch sind. Sie haben das Gefühl, wir würden das Geld hier einfach so bekommen, ohne etwas dafür zu leisten.»

Gute wie auch schlechte Erfahrungen hat S.Z.* in seinem Heimatland Kosovo gemacht. «Die Hälfte der Einheimischen ist dankbar, dass wir hier Geld ausgeben, die andere Hälfte nennt uns Scheiss-Ausländer.»

«Für die persönliche Identität verwirrend»

Auch türkische Leser berichten von solchen Erlebnissen: «Oft wurde ich als schwach betitelt und man wollte mir Orte verbieten, weil sie zu gefährlich seien», erzählt C.G.* «Ich wurde in der Türkei nicht wie ein Türke, sondern wie ein Sonderling behandelt», so der 20-Jährige.

S.N.* ist eine schweizerisch-italienische Doppelbürgerin. Sie erzählt, auch die in der Schweiz lebenden Italiener hätten unter ähnlichen Reaktionen gelitten: «Vor 30 Jahren wurden wir in unserem Heimatland nur mit ‹è arrivata la svizzera› begrüsst. Nun werden die Ex-Jugoslawen gemobbt – die Geschichte wiederholt sich.» Solche Reaktionen seien für die persönliche Identität verwirrend. «Heute sehe ich mich deshalb einfach als Kosmopolitin.»

«Besser ein billigeres Zweitauto kaufen»

Der Schweizer R.B.* aber kann die Reaktion gewisser Einheimischen nachvollziehen: «Ich musste mich als Schweizer ohne Migrationshintergrund im Kosovo fast ein wenig fremdschämen», erzählt er. «Ein Kind bettelte um meine angefangene Cola-Dose. Im selben Moment fuhr ein roter Ferrari mit Schweizer Kennzeichen vorbei.»

Praktisch alle neuen Autos im Land seien aus der Schweiz oder aus Deutschland gekommen. «Die, die sich so ein teures Auto leisten, könnten auch ein billigeres Zweitauto in ihrem Heimatland kaufen», findet der Schweizer. «So würde kein Neid entstehen.» Zudem sei das «Angeben nicht gerade eine typisch schweizerische Eigenschaft», aber letztlich müsse jeder selber wissen, was er macht.

*Namen der Redaktion bekannt.

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