Türkischer Geheimdienst nimmt Neffe von Fetullah Gülen im Ausland fest
Aktualisiert

Wie einst Abdullah Öcalan Hat der türkische Geheimdienst auch Gülen-Neffen aus Kenia verschleppt?

Es erinnert an 1999: Damals wurde Abdullah Öcalan, der Chef der kurdischen Untergrundorganisation PKK, in Kenia festgenommen und in die Türkei gebracht. Nun scheint der türkische Geheimdienst in Kenia wieder zugeschlagen zu haben.

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Türkisches Triumph-Foto: In Handschellen und zwischen türkischen Flaggen wurde der Neffe von  Fetullah Gülen der Öffentlichkeit präsentiert. 

Türkisches Triumph-Foto: In Handschellen und zwischen türkischen Flaggen wurde der Neffe von Fetullah Gülen der Öffentlichkeit präsentiert.

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Der ehemalige Verbündete von Präsident Erdogan sitzt in den USA im Exil. Er weist die Umsturzvorwürfe Ankaras zurück.

Der ehemalige Verbündete von Präsident Erdogan sitzt in den USA im Exil. Er weist die Umsturzvorwürfe Ankaras zurück.

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Seriyye Gülen, die Ehefrau von Selahaddin Gülen, stellte bereits am 20. Mai ein Video auf Twitter, in dem sie von der Entführung ihres Mannes in Kenia berichtet.

Seriyye Gülen, die Ehefrau von Selahaddin Gülen, stellte bereits am 20. Mai ein Video auf Twitter, in dem sie von der Entführung ihres Mannes in Kenia berichtet.

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Für die Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdogan steht es ausser Frage: Der islamische Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger versuchen, den türkischen Staat zu unterwandern. In den Augen Ankaras steckt die Gülen-Bewegung auch hinter dem gescheiterten Putsch von 2016.

Grund genug, mit voller Härte gegen mutmassliche Gülen-Anhänger vorzugehen: Zehntausende «Gülenisten» sind in den letzten fünf Jahren inhaftiert, 140’000 aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert worden.

Die Umsturz- und Unterwanderungsvorwürfe weist Gülen, einst ein enger Vertrauter von Erdogan, aus dem Exil in den USA zurück. Obgleich die Türkei seine Auslieferung fordert, lehnen die USA dies aufgrund fehlender stichhaltiger Beweise ab. Umso stärker nimmt der türkische Geheimdienst die Verwandten des Predigers ins Visier.

«Panik, Demoralisierung und psychischen Druck»

So meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Montag, der türkische Geheimdienst habe Selahaddin Gülen, den Neffen des verhassten Predigers, im Ausland festgenommen und in die Türkei gebracht. Ein Foto zeigt Selahaddin Gülen in Handschellen zwischen zwei türkischen Fahnen. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in der «terroristischen Organisation» der Gülen-Bewegung.

Türkische Medien wie die «Hürriyet» zitieren Stimmen aus Sicherheitskreisen: «Die Operation bis hinein in den engsten Kreis der Gülen-Verschwörung wird Panik, Demoralisierung und psychischen Druck auf die Organisation auslösen.»

«Er ist in unseren Händen»

In welchem Land Selahaddin Gülen von türkischen MIT-Geheimdienst (MIT) gefasst wurde, ist offiziell nicht bekannt. Unklar bleibt auch, ob die Aktion mit dem Einverständnis dieses Landes stattfand. Aussagen von Seriyye Gülen, der Frau von Selahaddin Gülen, weisen aber darauf hin, dass Gülen in Kenia und bereits Anfang Mai geschnappt worden war. So hatte sie bereits am 20. Mai ein Video auf Twitter gestellt, in dem sie berichtet, sie beide würden in Kenia leben, wo ihr Mann in Nairobi an einer Schule unterrichte.

Seit dem 3. Mai habe sie jedoch nichts mehr von ihm gehört, er sei offensichtlich in die Türkei «entführt» worden. Auch Persönlichkeiten und Medien im Umfeld der Gülen-Bewegung gehen davon aus, dass Selahaddin Gülen aus Kenia in die Türkei gebracht worden sei. Der türkische Präsident selbst hat am 19. Mai anlässlich des nationalen Jugendsporttages erklärt: «Bald veröffentlichen wir einen wichtigen Namen aus dem Gülen-Lager. Der Mann ist in unseren Händen.»

Vorwurf des Kindsmissbrauchs

Als ihn der MIT in Kenia schnappt, ist Selahaddin Gülen offenbar gerade auf dem Weg zur Polizei in Kiamdu, wo er sich regelmässig melden muss, wie kenianische Medien schreiben. Der Hintergrund: Bei seiner Ankunft im ostafrikanischen Land letztes Jahr war Selahaddin Gülen aufgrund eines Fahndungsgesuch bei Interpol (Red Notice) verhaftet. Vor Gericht wehrte er sich gegen eine Auslieferung in die Türkei: Dort sei er wegen mutmasslichen Kindsmissbrauchs 2008 vor Gericht gestellt und ohne Anklage entlassen worden, gab er an.

Vor einem kenianischen Gericht machte Selahaddin Gülen geltend, dass er in dieser Sache nicht noch einmal belangt werden könne. «Die türkischen Behörden», erklärte er laut Gerichtsdokumenten, «sind erpicht darauf, mich politisch zu verfolgen, so wie sie es mit meiner Schwester, meinem Bruder und 62 Familienangehörigen getan haben.»

Dass Selahaddin Gülen in einen Kindsmissbrauchsfall verwickelt gewesen war, haben anlässlich seiner Verhaftung jetzt auch die türkischen Medien aufgenommen – wobei nicht klar gemacht wird, dass dies bereits 13 Jahre zurück liegt und die Anklage fallen gelassen worden war.

Richterbeschluss kam zu spät

Besonders bitter: Anfang Mai hatte ein Richter verfügt, dass der Türke in Kenia weder verhaftet noch ausgeliefert oder deportiert werden dürfe. Allerdings kam der richterliche Beschluss zwei Tage zu spät, wie die kenianische Tageszeitung The National schreibt. Selahaddin Gülen war da wohl schon ausser Landes gebracht worden.

Schon lange macht Ankara Druck auch auf afrikanische Länder, Bildungseinrichtungen der Gülen-Bewegung zu schliessen. 2016 hatte sich Kenia trotz des Druckes aus Ankara geweigert, sechs solcher Schulen zu schliessen. Gleichzeitig haben sich die Beziehungen zwischen Kenia und der Türkei laut «New York Times» vertieft. Man kooperiert in sicherheitspolitischen und technischen Bereichen, das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern wuchs 2020 auf 251 Millionen Dollar.

Kenia wurde auch Öcalan zum Verhängnis

Kenia war bereits 1999 Schauplatz einer spektakulären Festnahme durch türkische Geheimagenten: Mit Hilfe der USA wurde damals Abdullah Öcalan, der Chef der kurdischen Untergrundorganisation PKK, auf seiner Suche nach einem Exil festgenommen. Bis heute sitzt er in der Türkei in Isolationshaft.

Die türkischen «Auslandseinsätze» laufen nicht immer geräuschlos ab. Als MIT-Agenten 2018 sechs türkische Staatsbürger und mutmassliche Gülen-Anhänger im Kosovo entführten, löste dies internationale Empörung und eine Regierungskrise im Kosovo aus. Der damalige kosovarische Premierminister, Ramush Haradinaj, entliess in der Folge seinen Innenminister und den Geheimdienstchef dafür, dass sie ihn nicht über das türkische Vorhaben informiert hatten.

(gux)

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