Aktualisiert 27.09.2018 15:41

Leuthard-Nachfolge

Hat die CVP jetzt ein Frauenproblem?

Der Politologe Louis Perron sieht im Abgang der erfolgreichen CVP-Bundesrätin Leuthard auch eine Chance. Er rechne mit einem Impuls für die CVP.

von
B. Zanni
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Wie sieht die Zukunft von Gerhard Pfisters CVP ohne Doris Leuthard aus? Die Popularität eines Bundesrats lasse sich nicht automatisch in den Erfolg einer Partei ummünzen, so der Politologe Louis Perron. «Aber die anstehenden Ersatzwahlen im Bundesrat für Doris Leuthard könnten der CVP einen Impuls geben.»

Wie sieht die Zukunft von Gerhard Pfisters CVP ohne Doris Leuthard aus? Die Popularität eines Bundesrats lasse sich nicht automatisch in den Erfolg einer Partei ummünzen, so der Politologe Louis Perron. «Aber die anstehenden Ersatzwahlen im Bundesrat für Doris Leuthard könnten der CVP einen Impuls geben.»

Keystone/Peter Schneider
An einer Medienkonferenz spricht Doris Leuthard über ihren Rücktritt. (27. September 2018)

An einer Medienkonferenz spricht Doris Leuthard über ihren Rücktritt. (27. September 2018)

Keystone/Anthony Anex
Es war eine sehr emotionale Medienkonferenz. Immer wieder ist Leuthard den Tränen nahe.

Es war eine sehr emotionale Medienkonferenz. Immer wieder ist Leuthard den Tränen nahe.

Keystone/Anthony Anex

Herr Perron, für CVP-Präsident Gerhard Pfister ist die Rücktrittsankündigung von Bundesrätin Doris Leuthard kein Freudentag. Leuthard hat kaum eine Volksabstimmung verloren, die CVP selber hingegen befindet sich in einer Abwärtsspirale. Verliert die Partei jetzt ihre letzte Wahllokomotive?

Zweifellos war Doris Leuthard eine Wahllokomotive. Sie kam in der Bevölkerung sehr gut an und konnte ihre Argumente erfolgreich vorbringen. Mittlerweile wurde sie aber vor allem als Bundesrätin und nicht explizit als CVP-Vertreterin wahrgenommen. Im Rücktritt von Doris Leuthard sehe ich für die Partei auch eine Chance.

Hat Bundesrätin Leuthard ihrer eigenen Partei die Show gestohlen?

Nein. Die Popularität eines Bundesrats lässt sich nicht automatisch in den Erfolg einer Partei ummünzen. Aber die anstehenden Ersatzwahlen im Bundesrat für Doris Leuthard könnten der CVP einen Impuls geben. Der Partei sind ein paar Wochen angenehme Presse sicher: Es folgen Rückblicke auf die erfolgreichen 13 Amtsjahre von Doris Leuthard, und neue CVP-Gesichter machen die Runde. Der Normalbürger sieht, wer die Leute hinter der CVP sind.

Kann die CVP deshalb damit rechnen, dass sie den schon lange angestrebten Turnaround schafft?

Nein, das allein genügt nicht. Die CVP hat fundamentalere Probleme. Sie befindet sich in strukturellen Schwierigkeiten.

Weil die Mitte nicht mehr gefragt ist?

Nein. Herr und Frau Schweizer sind sehr in der Mitte positioniert. Es wird immer eine starke Mitte geben. Es braucht aber wahrscheinlich längerfristig nicht drei bis fünf Mitteparteien. Die CVP hat nach der BDP auch von der modernen und coolen GLP Konkurrenz bekommen, und die FDP hat auf die Erfolgsspur zurückgefunden. Es findet ein gewisser Verdrängungskampf statt. Die CVP steht im Konflikt zwischen den Stammlanden und dem eher sozialliberalen und urbaneren Kurs.

Wie könnte sie diesen Konflikt lösen?

Die CVP muss sich nicht entscheiden, sondern einen eleganten Spagat zwischen den beiden Kursen schaffen. Innerlich sollte sie sich nicht noch mehr zerstreiten. Auch müsste die CVP Themen aufgreifen, die die Leute beschäftigen, präsenter sein und Lösungen offerieren. Das wäre für die CVP durchaus machbar, denn in Volksabstimmungen ist sie häufig auf der Gewinnerseite.

Darf sich Doris Leuthard dann als abgetretene Bundesrätin noch im Wahlkampf engagieren?

Grundsätzlich schon. Das ist vielleicht aber nicht üblich. Sie könnte sicher helfen, die Basis zu mobilisieren. Ich glaube aber nicht, dass sie das tun wird. Normalerweise beschäftigen abgetretene Bundesräte andere Dinge. Sie ist dann ehemalige Bundesrätin und nicht der neue, aufstrebende Star.

Die Stimmen nach einem reinen Frauenticket für die CVP werden immer lauter. Der CVP mangelt es jedoch an Kandidatinnen. Hat die CVP mit der Frauenförderung ein Problem?

Die Frauenförderung ist kein spezifisches Problem der CVP. Auch andere bürgerliche Parteien haben Mühe, Frauen für politische Ämter zu finden. Karin Keller-Sutter, die als Kronfavoritin für die Nachfolge von Bundesrat Johann Schneider-Ammann gilt, hat sich vor allem selbst aufgebaut. Frauen sind ansonsten oft zurückhaltend und überlegen sich ein Amt zweimal. Männer können auch besser ellbögeln, was in der Politik dazugehört.

Gerhard Pfister wurden Ambitionen und intakte Chancen für die Nachfolge von Doris Leuthard nachgesagt. Am Donnerstag schloss er eine Kandidatur aber offiziell aus. Glauben sie, er könnte es sich doch noch anders überlegen?

Vielleicht überlegt er es sich nochmals. Für die Partei wäre es aber nicht gut, wenn er als CVP-Präsident ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen wochenweise mit der eigenen Bundesratskandidatur beschäftigt wäre.

Könnte auch ein Mann die Positionen einer Frau vertreten?

Das eine ist das Stimmverhalten. Ein Mann kann mehr oder weniger frauenfreundlich stimmen. Jemand wie Cédric Wermuth macht beispielsweise eine pointiert feministische Politik. Etwas anderes sind die Lebenserfahrung und die Sensibilitäten, die man in ein Amt einbringt und was man repräsentiert. Da bleibt ein Mann ein Mann. Der Anspruch nach mehr Frauen in der Regierung scheint mir legitim.

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