Gericht muss entscheiden: Hat eine Frau über 50 ein Recht auf Sex?
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Gericht muss entscheidenHat eine Frau über 50 ein Recht auf Sex?

Eine Pfusch-OP zerstört das Sexleben einer Frau. Wegen ihres Alters und der zwei Kinder halb so schlimm, urteilt ein Gericht. Jetzt kämpft sie in Strassburg für Gerechtigkeit.

von
kko
Hier wurde die Frau operiert: Das Centro Hospitalar in Lissabon.

Hier wurde die Frau operiert: Das Centro Hospitalar in Lissabon.

Der Europäische Gerichtshof muss sich mit der Frage beschäftigen, ob Sex für über 50-jährige Frauen noch wichtig ist.

Grund dafür ist der Fall einer portugiesischen Raumpflegerin, die ihren 20-jährigen Rechtskampf nach Strassburg weiterzieht, um eine ihr angemessen erscheinende Entschädigung für eine Pfusch-Operation zu erhalten. Nach dem gynäkologischen Routineeingriff im Jahr 1995 konnte A, wie die Frau in den Akten genannt wird, kein erfüllendes Sexualleben mehr pflegen. A war damals 50 Jahre alt, sie wird dieses Jahr 70.

In Portugal hatte ein Gericht der Frau nach langjährigen Verhandlungen erst 172'000 Euro zugesprochen. Nachdem das verantwortliche Spital aber Berufung eingelegt hatte, senkte das Oberste Verwaltungsgericht die Genugtuung auf 111'000 Euro.

Um für die reproduktiven Rechte und die Würde seiner Mandantin zu kämpfen, werde er bis vor das höchstmögliche Gericht ziehen, kündigte As Anwalt Vitor Manuel Parente Ribeiro an.

«Als Frau und Mutter diskriminiert»

Die heute 70-Jährige befindet sich nach eigenen Angaben wegen Depressionen in Behandlung. Dem US-Sender CNN schreibt sie per E-Mail, sie sei tieftraurig über das Urteil des portugiesischen Gerichts und fühle sich als Frau und Mutter diskriminiert.

«Die Behandlung des Gerichts im Bezug auf Frauen ist sehr unterschiedlich», ist sich A sicher. Sie verstehe den Entscheid als eine Verletzung ihrer Menschenrechte und fordere vom Staat eine Entschädigung, führt ihr Anwalt aus.

Physisch und psychisch am Boden zerstört

Bei der Operation vor 20 Jahren hätten A Zysten an der Bartholin-Drüse entfernt werden sollen. Diese sondert bei sexueller Erregung der Frau ein Schmiersekret ab. Die Zysten hatten zu einer schmerzhaften Schwellung geführt.

Nach mehreren Versuchen, die Zysten zu entfernen, hätten die Ärzte zu tief geschnitten, sagt Anwalt Ribeiro. Dadurch sei der Pudendusnerv beschädigt worden, der für die Funktion der Schliessmuskeln von Darm und Blase sowie der äusseren Geschlechtsorgane und den After verantwortlich ist.

Die Folgen der Verletzung seien für die Frau, die bisher ein normales Leben genossen hatte, physisch und emotional verheerend gewesen, so Ribeiro. So litt sie fortan unter Inkontinenz und muss seitdem Windeln tragen. «Ihr Leben wurde zerstört», sagte Ribeiro. Ob der Belastung sei auch die Ehe seiner Mandantin in die Brüche gegangen.

Demütigung von weiblichen Richtern

Besonders stossend ist für A und Ribeiro auch die Begründung des Obersten Verwaltungsgerichts, warum der Betroffenen nur 111'000 Euro zustehen. So erklärt das Gericht in einem Absatz: «Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass die Klägerin zum Zeitpunkt der Operation bereits 50 Jahre alt war und zwei Kinder hatte. So hatte sie ein Alter erreicht, in dem Sexualität nicht mehr eine so grosse Rolle spielt wie bei jüngeren Menschen und mit der Zeit immer weniger wichtig wird», zitiert CNN aus dem Urteil.

Diese Aussage hatte in Portugal und weltweit für Empörung von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen gesorgt.

Auch Ribeiro sagt, dieser Entscheid eines so hohen Gerichts sei ein juristischer Rückschlag für die Frauenrechte im Land. «Das ist eine Form von sexueller und altersbedingter Diskriminierung und greift die Würde von Müttern und Frauen an.»

Die Ironie an dem ganzen Fall sei, dass zwei Frauen den Vorsitz führten, sagt Ribeiro. «Eine war über 55. Ich weiss nicht, was ihr Problem war.»

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