Kiental-Prozess : Ausländer in die Schlucht gestossen? Verteidiger fordert Freispruch für 65-Jährigen

Kiental-Prozess Ausländer in die Schlucht gestossen? Verteidiger fordert Freispruch für 65-Jährigen

Einem heute 65-jährigen Berner wird vorgeworfen, in Kiental zwei Männer in eine Schlucht gestossen zu haben. 20 Minuten berichtete live aus dem Gericht.

von
Simon Ulrich

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Freitag, 23.09.2022

Max. 2 Jahre für Sexualdelikte

Dem Beschuldigten werden ausserdem diverse Sexualdelikte mit Kindern und Minderjährigen vorgeworfen. Diese hat er teilweise gestanden. Der Verteidiger erachtet hierfür eine Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren als ausreichend. Dies unter Anrechnung der Untersuchungshaft sowie des vorzeitigen Strafvollzugs.

Todeszeitpunkt unklar

Ebenso sei sein Mandant von der Anschuldigung der vorsätzlichen Tötung im Mai 2019 freizusprechen. Im Obduktionsbericht habe der Todeszeitpunkt des 18-jährigen Afghanen nicht genau definiert werden können; die angegebene Zeitspanne erstrecke sich vom Abend des 24. Mai bis in den frühen Morgen des Folgetages.

Der Rechtsanwalt berief sich zudem auf die Aussagen eines Buschauffeurs, der das Opfer um 7.30 Uhr aufgeladen und um 7.50 Uhr wieder ausgeladen haben will. Folglich könne sein Klient mit der Tat nicht in Verbindung gebracht werden, da er sich nach dieser Zeit anderswo aufgehalten habe. Die Aussagen des Chauffeurs seien glaubhaft, so der Verteidiger.

Verteidiger fordert Freispruch

Der Verteidiger des Beschuldigten fordert in den Hauptanklagepunkten, vorsätzliche Tötung und versuchte vorsätzliche Tötung, einen Freispruch. Dies teilte die Gerichtsschreiberin am Freitagmittag gegenüber 20 Minuten mit.

Was den Fall vom November 2019 betreffe (versuchte vorsätzliche Tötung), so würden das Verletzungsbild des Privatklägers und der Ort, an dem dieser laut eigenen Angaben hinunterstürzte, nicht übereinstimmen. Fallhöhe und -geschwindigkeit hätten zu schwereren Verletzungen führen müssen, argumentierte der Verteidiger. Daher seien die Aussagen des Privatklägers diesbezüglich nicht glaubhaft.

Donnerstag, 22.09.2022
14:53

Ende der Berichterstattung

Damit schliessen wir die Berichterstattung für heute. Das Wichtigste aus dem Plädoyer des Verteidigers des Angeklagten folgt morgen. Vielen Dank fürs Mitlesen!

14:26

19 Jahre Haft gefordert

In Anbetracht sämtlicher ihm vorgeworfener Delikte fordert die Staatsanwältin für den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von 19 Jahren.

Zur Erinnerung: Er wird der vorsätzlichen Tötung, der versuchten vorsätzlichen Tötung, der sexuellen Nötigung, der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern sowie der sexuellen Handlungen mit Minderjährigen gegen Entgelt beschuldigt.

Zudem verlangt die Staatsanwältin ein lebenslanges Verbot von Tätigkeiten, die einen regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfassen.

14:05

Keine Beweise, aber Indizien

Nun gehts um den ersten Vorfall im Mai 2019: Aufgrund der Handydaten könne als erwiesen angesehen werden, dass sich die beiden Männer seit mehreren Monaten gekannt und auch schon getroffen hätten, so die Staatsanwältin. Trotz Handydaten bestreite der Beschuldigte jedoch, den Verstorbenen gekannt zu haben. Ferner seien weder Abrutschspuren noch das Handy des Verstorbenen gefunden worden.

Zwar gebe es keine Beweise, dass der Beschuldigte den damals 18-Jährigen in die Tiefe gestossen habe, räumt die Staatsanwältin ein. Doch ergebe die Gesamtheit der Indizien ein klares Bild: «Es gibt keine vernünftigen Zweifel, dass der Beschuldigte das Opfer wissentlich und willentlich in den Bach gestossen hat.»

13:29

Opfer glaubhaft

Der Privatkläger habe demgegenüber die Ereignisse bei all den Einvernahmen immer gleich beschrieben, ohne Widersprüche. Seine Aussagen würden zudem von den objektiven Beweismitteln gestützt, z. B. durch die DNA-Hinweise des Opfers am Baum. «Es gibt keinen Zweifel, dass der Vorfall so passiert ist, wie ihn der Privatkläger schildert», schlussfolgert die Staatsanwältin.

12:46

«Ja, was denn nun?»

Es geht weiter mit dem Plädoyer der Staatsanwältin. Sie geht zunächst auf den Fall des 29-jährigen Afghanen ein und damit auf den Tatvorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung.

Bei den Aussagen des Beschuldigten während mehrerer Einvernahmen falle auf, dass er diese verschiedentlich verweigerte oder Gegenfragen stellte. Zum Sturz des Opfers habe er nur knappe Aussagen gemacht. Weiter würden die Aussagen zum Kerngeschehen keine Gefühle oder Gedanken beinhalten.

Mal habe der Beschuldigte angegeben, der Privatkläger sei ausgerutscht, dann, er sei gestolpert, dann, er habe das Gleichgewicht verloren. «Ja, was denn nun?», fragt die Staatsanwältin. Dass er den Sturz gar nicht gesehen habe, habe der Beschuldigte bei der heutigen Hauptverhandlung zum ersten Mal vorgebracht.

«Es gibt keine Realkriterien in den Aussagen des Beschuldigten, sodass man nicht auf diese abstellen kann», hält die Staatsanwältin fest.

11:10

Mittagspause

Damit ist die Befragung des Beschuldigten zu Ende, und damit auch das Beweisverfahren. Nun gehts in die Mittagspause. Um 14:30 gehts weiter mit dem Plädoyer der Staatsanwältin.

10:44

Beschuldigter verweigert Aussage

Nun geht es um den Vorfall im Mai 2019, als ein 18-jähriger Afghane in die Schlucht stürzte und starb. Die Auswertung der Handydaten ergab, dass auf dem Mobiltelefon des Beschuldigten die Nummer des Opfers gespeichert war. Zudem hatten die beiden nachweislich kurz vor dem Todeszeitpunkt des Opfers SMS-Kontakt.

«Zu diesem Fall mache ich keine Aussagen», sagt der Beschuldigte. «Die Geschichte geht mich nichts an.» Er macht damit von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

10:25

«Habe ihn nicht mehr gesehen im Wasser»

Nach Aussage des Beschuldigten ist das Bord, über welches das Opfer hinunterstürzte, «nicht so hoch». Die Höhe reiche nicht aus, damit jemand bei einem Sturz dort ums Leben komme. Warum er dennoch anschliessend nichts unternommen habe, will eine Richterin wissen. «Ich habe ihn nicht mehr gesehen im Wasser. Das ist die blanke Wahrheit», gibt der Beschuldigte nochmals an.

09:57

DNA-Hinweise an Baum

Am Baum, an dem sich das Opfer vor seinem Sturz angeblich festhielt, wurden Hinweise auf dessen DNA festgestellt. Wenn die Version des Privatklägers stimmen würde, «hätte man auch meine DNA am Baum nachweisen können», sagt der Beschuldigte.

Und: «Es gibt keinen Beweis, dass ich ihn dort hinunterstiess.»

Anschliessend muss der Angeklagte auf einem Foto einzeichnen, wo sich der Vorfall ereignete.

09:44

Opfer sei gestolpert

Oben auf der Griesalp habe man an besagtem Nachmittag zusammen Messungen durchgeführt. Dabei sei das Opfer gestolpert, gibt der Beschuldigte an. «Auf einmal war er weg und ich habe ihn nicht mehr gesehen.»

Er sei vor dem Sturz auf der einen Seite des ausgerollten Messbandes gestanden, das Opfer auf der anderen. Als er das Messband aufgerollt habe, habe er seinen Begleiter nicht mehr auffinden können, so die Version des Angeklagten.

Auch habe sich der Privatkläger aus eigenen Stücken beim Abgrund positioniert: «Ich habe ihm das nicht befohlen.»

Was er anschliessend unternommen habe? «Was hätte ich denn tun sollen? Handy-Empfang gabs keinen dort oben.» Also sei nach Hause gefahren, habe zu Abend gegessen, Bürosachen erledigt.

Der Beschuldigte bestätigt zudem frühere Aussagen bei Polizeieinvernahmen, wonach er davon ausgegangen sei, sein Begleiter sei untergetaucht und jede Hilfe komme ohnehin zu spät.

Auf Detailfragen antwortet der Beschuldigte des Öfteren: «Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.»

09:36

Vermessung war fiktiv

«Ich habe den Tatvorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung von Anfang an bestritten», sagt der Beschuldigte zum Vorfall im November 2019.

Zum Privatkläger, der den Sturz überlebte, hatte der Beschuldigte laut eigenen Aussagen eine «gute Beziehung, nie gabs ein ungrades Wort zwischen uns, nie Streit».

Man habe sich jeweils abseits in der Natur getroffen, um Sex zu haben. Die zu tätigenden Vermessungen seien vorgeschoben gewesen – um sich noch ein weiteres Mal am gleichen Tag mit dem Privatkläger treffen zu können und Geschlechtsverkehr zu haben. Für den Sex habe er ihm jeweils 100 Franken gezahlt.

«Ich habe mit ihm x Ausflüge gemacht, war gern mit ihm zusammen», so der Beschuldigte.

08:59

Pause

Nun gibt es eine Pause. Danach wird der Beschuldigte zu den Kiental-Vorfällen befragt.

08:45

«Haben meine Nummer weitergegeben»

Die Richterin will wissen, wie es zu all den Kontakten zu minderjährigen, afghanischen Asylsuchenden gekommen sei, mit denen er sexuelle Handlungen vollzogen habe. «Das hat sich so ergeben», antwortet der Beschuldigte. «Zum Teil haben die meine Nummer einfach weitergegeben. Manchmal hatte ich Anfragen für ein Treffen und ich wusste nicht einmal, von wem sie kam.»

Manchmal habe er auch Jugendliche am Bahnhof angesprochen und sie zuerst zu einem Kaffee eingeladen.

Wie hat er seine sexuellen Kontakte ausgewählt? Klar habe er sich Jüngere ausgesucht. «Wenn Sie einen Mann suchen, dann wollen Sie ja auch keinen 90-Jährigen», entgegnet der Angeklagte der Richterin.

Immer wieder sagt der Beschuldigte: «Es hat sich einfach so ergeben.»

08:32

17-Jährigen am Glied gerieben

In einem anderen Fall soll der Beschuldigte einem 17-Jährigen Fahrstunden gegeben und ihn gegen seinen Willen am Glied gerieben haben. Diesen Vorwurf bestreitet der Mann: Der Privatkläger sei damit «voll einverstanden» gewesen. Auch habe der Jugendliche ihm gegenüber behauptet, er sei schon 18 Jahre alt.

«Ich weiss nicht, warum er diese Anschuldigungen gegen mich vorbringt», so der Beschuldigte über den Privatkläger. «Ich habe ihn nicht genötigt.»

Ob er dem Privatkläger während der Fahrt am Glied gerieben habe, so eine weitere Frage der Richterin. «Ömu ned während em Fahre, das wösst i de.»

08:21

«Ich könne ihm Geld geben, dafür wollte ich aber Sex»

Zunächst geht es um die sexuellen Handlungen mit Minderjährigen, so auch einem 14-Jährigen.

Den Jungen habe er bei seiner Tätigkeit als Buschauffeur kennengelernt, da sei dieser acht oder neun Jahre alt war gewesen, erzählt der Beschuldigte. Im Alter von 14 Jahren habe der Privatkläger ihn dann um Geld gefragt. «Da wurde ich schwach. Ich sagte ihm, ich könne ihm Geld geben, dafür wollte ich aber Sex von ihm. Das war ein Fehler und ich entschuldige mich heute in aller Form bei ihm.»

08:05

Leben im Gefängnis

Im Gefängnis bekomme er regelmässig Besuch von seiner Lebenspartnerin. Während der U-Haft noch jede Woche, jetzt noch alle zwei Wochen. Daneben telefoniere man zusammen. «Das Zellentelefon ist eine ganz gute Sache», findet der Angeklagte.

Wie sieht sein Alltag im Gefängnis aus? Der Beschuldigte verliert sich zunächst in räumlichen Beschreibungen des Gebäudes. Erst als die Richterin interveniert, beschreibt er präzise seinen Tagesablauf. Er arbeite in der Industrie des Gefängnisses. Sport mache er selten, ab und zu gehe er auf den Stepper, erzählt er in breitem Berndeutsch. Abermals lobt er das Zellentelefon.

08:03

Car- und Lastwagenchauffeur

Der Beschuldigte spricht in gemächlichem Berndeutsch. Er sei Lastwagen- und Carchauffeur gewesen. «Das Fahren hatte einen sehr hohen Stellenwert in meinem Leben.» Nach seiner Zeit im Gefängnis wolle er – Pensionierung hin oder her – weiter als Chauffeur arbeiten. 1987 habe er seine Lebenspartnerin kennengelernt.