17.06.2020 02:53

Facebook-Aufruf

«Hat jemand etwas zu essen?»

Weil sie so lange kein Arbeitslosengeld erhalten hat, fragt die 34-jährige Alex* auf der Facebook-Seite «Hät öper ..?» nach Essen. Sie ist nicht der einzige Fall, sagen Hilfswerke. Die Arbeitslosenkasse begründet die Verzögerung mit der Antragsflut infolge Corona-Krise.

von
Anja Zingg, Jan Dino Kellenberger

Darum gehts

  • Alex* ist seit Februar beim RAV angemeldet.
  • Der Lohn ihres Teilzeitjobs reicht nicht zum Überleben.
  • Als Kühlschrank und Konto leer sind, entscheidet sie sich, auf Facebook nach Essen zu fragen.
  • Die Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich ist aufgrund der Corona-Krise so ausgelastet wie noch nie.

Es ist der 3. Juni 2020, als Alex* folgenden verzweifelten Facebook-Post verfasst: «Hat jemand etwas zu essen? Die Arbeitslosenkasse ist hart im Verzug mit Geld überweisen.» Ihr Kontostand zeigte ein Minus von 200 Franken an, dazu kamen offene Rechnungen von rund 2000 Franken. Geld für Lebensmittel war keines mehr da.

Im ersten Moment sei es eine Impulsreaktion gewesen, sagt Alex. «Ich schäme mich nicht dafür, arm zu sein und Hilfe zu fordern, wenn der Staat seine Arbeit nicht korrekt erledigt.» Der Post löste Hunderte Reaktionen aus. Durchs Band alle positiv. «Ich habe versucht, mich bei jedem Einzelnen zu bedanken. Ich war richtig überwältigt!» Im Video erzählt Alex, ob sie die Lebensmittel von Fremden angenommen hat und wie sie momentan finanziell dasteht.

Verzögerungen haben mehrere Gründe

Das Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich kann keine Auskunft zu Einzelfällen geben. Zur allgemeinen Situation sagt die Kommunikationsverantwortliche Lucie Hribal: «Normalerweise dauert es rund einen Monat, bis geprüft wird, ob und wie viel Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung besteht.» Es komme jedoch häufig vor, dass Unterlagen unvollständig seien oder fehlen würden. «Die Mitarbeitenden der Arbeitslosenkasse müssen Fehlendes einfordern, was zu einem erheblichen Zusatzaufwand führt.» Dies verzögere den Bearbeitungsprozess auch in Normalzeiten, aktuell sei die Situation zusätzlich verschärft.

«Aufgrund der Corona-Pandemie ist die Anzahl Anträge auf Arbeitslosenentschädigung deutlich gestiegen», so Hribal. Das Antragsvolumen sei massiv. Nicht nur unvollständige Unterlagen führen zu Verzögerungen. «Die Bearbeitung von Gesuchen kann sich auch aufgrund von Personalengpässen verzögern.» Man sei derzeit daran, mehr Personal bereitzustellen. «Die Arbeit ist sehr komplex. Es ist daher anspruchsvoll, schnell mehr Ressourcen zu schaffen.»

Arbeitslosenkasse nicht erreichbar

Auch Dani* wartete lange auf Geld von der Arbeitslosenkasse. Seit dem 1. Februar ist er beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet. Das RAV unterstützt gemeldete Personen, damit ein schneller Wiedereintritt ins Arbeitsleben möglich ist. Um Geld von der Arbeitslosenkasse zu erhalten, ist es Pflicht, beim RAV gemeldet zu sein.

Bis Anfang Juni sah Dani keinen Rappen. Warum, wusste er nicht. «Es war fast unmöglich, die Arbeitslosenkasse des Kantons zu erreichen.» Wenn das Telefon mal nicht besetzt gewesen sei, sei er bei einer Zentrale gelandet, wo sich niemand gemeldet habe. «Nach mehrmaligem Nachfragen, telefonisch und per E-Mail, wurde mir dann Ende April mitgeteilt, dass noch Dokumente fehlen.» Er habe die besagten Unterlagen am selben Tag nachgereicht, so Dani. «Geld habe ich auch dann nicht bekommen. Damit ich meine Fixkosten trotzdem zahlen konnte, musste ich mein Konto um 13’000 Franken überziehen.»

Er hätte Glück gehabt, dass seine Frau noch Geld verdient habe. «Ausserdem haben wir Ersparnisse. Trotzdem war die Ungewissheit, wann das nächste Mal Geld kommt, kaum auszuhalten.»

Schnelle Hilfe gefordert

Die Hilfswerke Caritas Zürich und Siidefade kennen das Problem. Für Fabienne Menna vom Hilfswerk Siidefade, das bedürftigen Personen mit Geld und Lebensmitteln aushilft, ist klar: «Jede Person, die online nach Essen fragen muss, ist eine zu viel.» Ihr sei bewusst, dass Abklärungen nötig seien, bevor Institutionen Geld auszahlen würden. «Es wäre aber schön gewesen, wenn in dieser Krisenzeit gewisse Standardprozesse verkürzt worden wären.» Dass in der reichen Schweiz Menschen Hunger leiden müssten, gehe einfach nicht.

Auch für SP-Nationalrätin Mattea Meyer ist klar: «Stellensuchende müssen sich auch in dieser Ausnahmesituation darauf verlassen können, dass sie das Geld erhalten, welches ihnen zusteht.» Gerade für Leute ohne Reserven sei es zentral, dass Ende Monat Geld reinkomme. «Wer auf Stellensuche ist, leidet oft unter Zukunftsängsten. In der aktuellen Situation sowieso. Die Ängste verstärken sich, wenn man nicht weiss, wann man das nächste Mal Geld erhält.»

Mattea Meyer hat für beide Seiten Verständnis. «Es ist eine Ausnahmesituation, sowohl für die Arbeitslosenkasse als auch für die Stellensuchenden.» Die Ämter seien sehr gefordert durch zahlreiche Anträge auf Kurzarbeit und RAV-Anmeldungen.


*ganzer Name der Redaktion bekannt.

Arbeitslosigkeit

Kanton Zürich

Ende Mai waren in den RAV 27’356 Personen als arbeitslos gemeldet. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent. Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise im Februar lag die Quote bei 2,3 Prozent. Das Amt für Wirtschaft (AWA) schreibt in einer Mitteilung, dass die 20- bis 29-Jährigen am stärksten von der Zunahme der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Sie seien oft in Branchen tätig, die von der Corona-Krise stark getroffen sind, hätten kürzere Kündigungsfristen und seien oft befristet angestellt, schreibt das AWA.

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