«Schröder-Effekt» - Hat Armin Laschet mit diesem Lachen den Wahlsieg verspielt?
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«Schröder-Effekt»Hat Armin Laschet mit diesem Lachen den Wahlsieg verspielt?

Während Bundespräsident Steinmeier im Hochwassergebiet angemessen ernst auftritt, fangen Kameras im Hintergrund einen lachenden Armin Laschet ein. Gefährdet der Auftritt die Kanzlerambitionen des CDU-Mannes? 20 Minuten hat nachgefragt.

von
Ann Guenter
Kanzlerkandidat und Ministerpräsident des vom Hochwasser schwer getroffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, am Samstag. 
«Eine intellektuelle Flietzpiepe?»

Kanzlerkandidat und Ministerpräsident des vom Hochwasser schwer getroffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, am Samstag.

REUTERS

Darum gehts

  • CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat bei einer unpassenden Gelegenheit gelacht.

  • Die Szene, die sich bei einem Besuch im Hochwassergebiet abspielte, fingen Kameras ein.

  • Das Hochwasser sei ein Wendepunkt im Wahlkampf, so Politologin Andrea Römmele. Jetzt müsse Laschet reagieren.

In der Flut-Katastrophe beklagt Deutschland fast 200 Todesopfer. Ganze Landstriche sind verwüstet, Häuser zerstört, die Schäden noch kaum absehbar. In solchen Krisen sind Politiker und Politikerinnen gefragt, die den Opfern Trost geben und Hilfe zusichern, die sich solidarisch und anteilnehmend zeigen. So wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag bei ihrem Besuch in Rheinland-Pfalz tat.

Und so wie es Armin Laschet (60) eben nicht tat: Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede im Hochwassergebiet hielt, scherzte der Kanzlerkandidat der CDU im Hintergrund – eingefangen von Kameras. Später entschuldigte sich Laschet zwar. Doch der Schaden war angerichtet, die Empörung nicht nur in den sozialen Medien riesig.

«Intellektuelle Flitzpiepe»

«CDU-Mitglieder werden sich im Stillen fragen, wen sie da zu ihrem Kandidaten gemacht haben, dass er nicht einmal bei einer solchen Gelegenheit den Ernst einer Lage erkennt», schreibt hierzu etwa die «Zeit». «CSU-Mitglieder werden sich im Stillen fragen, wie es passieren konnte, dass Markus Söder nicht als Kandidat der Union nominiert wurde, dem Bilderprofi Söder wäre so etwas mutmasslich niemals passiert; und diejenigen, die keine Sympathie für die Unionsparteien hegen, werden sich in ihrer Meinung bestärkt fühlen, dieser Laschet sei eine intellektuelle Flitzpiepe oder gar ein politisch gefährlicher Mann.»

Hat Laschet mit seinem Lacher hinsichtlich der kommenden Kanzlerwahlen den so genannten Schröder-Effekt vergeben? Der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder war 2002 als SPD-Kandidat beim Elbehochwasser Publicity wirksam in Gummistiefeln umhergewatet, während sein Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) sich gar nicht blicken liess. Das, so heisst es heute, habe Schröder die Kanzlerwahlen gewinnen lassen.

Den «Schröder-Effekt» nicht genutzt?

Am 14. August 2002 besuchte Gerhard Schröder die schwer getroffene Stadt Grimma im Landkreis Leipzig. Er versprach unbürokratische Hilfe, was seine Popularitätswerte vor der Wahl deutlich steigen liess. 

Am 14. August 2002 besuchte Gerhard Schröder die schwer getroffene Stadt Grimma im Landkreis Leipzig. Er versprach unbürokratische Hilfe, was seine Popularitätswerte vor der Wahl deutlich steigen liess.

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«Es gibt aber grosse Unterschiede zu damals», so Politologin Andrea Römmele von der Hertie School of Governance. «Heute sind wir gut zehn Wochen vor der Kanzlerwahl, da kann noch viel passieren. 2002 kam es nur vier Wochen vor der Wahl zu der Hochwasser-Katastrophe - und damals war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schröder und Stoiber, wo jede Geste, jedes Wort ins Gewicht fiel.»

Doch auch wenn sie den Vergleich zu 2002 nicht ziehen mag, verweist die Politologin auf die Unterschiede bei den jüngsten Auftritten der Politikerinnen und Politiker im Katastrophengebiet, die Laschet nicht gerade gut dastehen lassen. So hätten die Bilder von Noch-Kanzlerin Angela Merkel, die sich bei der an MS erkrankten Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Manu Dreyer, unterhakte, Wärme und Solidarität ausgestrahlt. «Wir sahen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der mit Hochwasser-Opfern sprach, auch SPD-Kandidat Olaf Scholz unterhielt sich schon früh mit Betroffenen. Nur von Armin Laschet gibt es solche Aufnahmen nicht. Vor den Wahlen ist das natürlich suboptimal.»

Die Frauen laufen gemeinsam, die Männer lachen? Unterschiedliche Auftritte bei der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands.

«Besser harte Sachthemen statt Empörungs-Spirale»

Dennoch hält Römmele fest: «Die Lach-Szene rund um Armin Laschet wird meiner Meinung nach total überbewertet». Auch wie im Vorfeld des Wahlkampfes mit der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock umgegangen werde - Stichwort Plagiatsvorwürfe - zeige, dass «wir uns in einer Empörungs-Spirale» befinden. «Besser wäre es, jetzt wirklich über die harten Sachthemen wie den Klimawandel zu sprechen.»

Allerdings ist die Klimapolitik ein Thema, bei dem sich der CDU-Kanzlerkandidat bislang nie hervorgetan hat. «Aus irgendeinem Grund», sagt er vor zwei Jahren, «ist der Klimawandel plötzlich zu einem weltweiten Thema geworden». Es sind Aussagen wie diese, die Laschet jetzt umso mehr um die Ohren fliegen.

«Hochwasser hat Wendepunkt im Wahlkampf eingeläutet»

«Kommt dazu, dass Laschet als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, das unter dem Hochwasser besonders stark gelitten hat, in seinem Bundesland bei der Klimapolitik keinen besonders guten Leistungsausweis vorweisen kann, etwa Projekte rund um erneuerbare Energie nur teilweise oder gar nicht umsetzte.» Jetzt müsse er sich etwas einfallen lassen, denn: «Das verheerende Hochwasser hat einen Wendepunkt im Wahlkampf eingeläutet».

Für die Politologin ist klar, wo jetzt dringend Handlungsbedarf besteht: «Laschet muss sich klar positionieren und eine klimapolitische Kehrtwende einleiten - ebenso wie das Angela Merkel bei der Fukushima-Katastrophe tat, als sie fast über Nacht eine Wende in der Energiepolitik beschloss. Dazu gehört allerdings auch, dass man Grösse zeigt, Fehler zugibt und die neue Sichtweise begründet.»

«Laschet muss sich endlich der harten Themen annehmen»

Die entscheidende Frage sei allerdings, ob die Wähler und Wählerinnen dem CDU-Mann eine Neuorientierung noch abnehmen - oder ob sie ihre Stimmen nicht doch lieber «dem Original», den Grünen, geben werden.

Seinen unsensibel wirkenden Lacher bereute der CDU-Mann am Wochenende öffentlich. Es wird sich zeigen, ob sich die Wählerinnen und Wähler im September daran noch erinnern werden. Die wahre Herausforderung ist ohnehin eine andere: «Laschets Wahlkampf wurde bislang als Schlafwagen-Wahlkampf bezeichnet, weil er ohne wirkliches Wahlprogramm auskam», sagt Politologin Römmele. «Das muss sich ändern. Laschet darf nicht mehr länger lediglich darauf warten, dass den Gegnern Fehler unterlaufen, sondern muss sich nun endlich der harten Themen annehmen

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