Aktualisiert 10.10.2016 12:10

Westlicher VerdachtHat Moskau ein Spionage-Zentrum in Serbien?

Eine Institution in Serbien erhitzt die Gemüter. Moskau sagt, es handle sich dabei um ein Zentrum für Katastrophenhilfe. Nato-Militärexperten zweifeln.

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Von Dusan Stojanovic, AP
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Russische Instruktoren (links) trainieren serbische Feuerwehrmänner im «Zentrum für Katastrophenhilfe» nahe der serbischen Stadt Nis.

Russische Instruktoren (links) trainieren serbische Feuerwehrmänner im «Zentrum für Katastrophenhilfe» nahe der serbischen Stadt Nis.

AP/Darko Vojinovic
Das russische «Zentrum für Katastrophenhilfe» in Serbien erhitzt die Gemüter. Nato-Militärexperten glauben, dass es sich um einen russischen Spionagestützpunkt handelt.

Das russische «Zentrum für Katastrophenhilfe» in Serbien erhitzt die Gemüter. Nato-Militärexperten glauben, dass es sich um einen russischen Spionagestützpunkt handelt.

AP/Darko Vojinovic
Im russischen Lagerhaus sind ein Krankenwagen, ein Jeep, verpackte Zelte, Gummiboote und sonst überwiegend Ausrüstung zur Brandbekämpfung zu sehen.

Im russischen Lagerhaus sind ein Krankenwagen, ein Jeep, verpackte Zelte, Gummiboote und sonst überwiegend Ausrüstung zur Brandbekämpfung zu sehen.

AP/Darko Vojinovic

Eine Einrichtung in Serbien erregt im Westen Argwohn. Im Kommandoraum hat es grosse Überwachungsbildschirme, das Lagerhaus ist voll mit Rettungsausrüstung. Ein graues Betongebäude dient als Trainingsort.

Was ist das für eine Anlage? Ein harmloses Zentrum für Katastrophenhilfe, wie es Moskau behauptet – oder ein Aussenposten für russische Spionage im Herzen des Balkan?

Manche westliche Nichtregierungsorganisationen und Militäranalysten sagen, dass die Russen eine nur leidlich getarnte Militärbasis geschaffen hätten, die amerikanische Militärinteressen in der Region auszuspähen versuche.

Es wäre ein Rückfall in die 1990er-Jahre

Während Serbien Moskau weiterhin nahesteht, sind seine Nachbarn zunehmend misstrauisch, was die russischen Absichten betrifft – vor allem frühere Ostblockstaaten wie Bulgarien, Rumänien und Ungarn, die nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang unter der kommunistischen Herrschaft der Eisernen Faust zu leiden hatten.

Wenn es sich um eine militärische Operation handelt, wäre der Stützpunkt der erste des Kreml in Europa ausserhalb der früheren Sowjetunion seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes in den frühen 1990er-Jahren.

Antwort auf Expansion der Nato?

Die Einrichtung liegt nahe einem Flugplatz in der südserbischen Stadt Nis. Nach Einschätzung westlicher Analysten ist es eine Basis, die gemeinsam von den Regierungen Russlands und Serbiens betrieben wird – als Antwort auf die Expansion der Nato in der Region. Jedes Land um Serbien herum gehört entweder dem westlichen Militärbündnis an oder möchte ein Mitglied werden.

Der russische Partner in dem Zentrum ist das Moskauer Ministerium für Notsituationen, eine mächtige halbmilitärische Behörde, zu deren Aufgaben Hilfe in Katastrophenfällen zählt. Aber sie führt auch Aufträge für russische Sicherheitsdienste aus. Das Ministerium hat schon seit langem eine Rolle in Serbien gespielt, unter anderem bei der Minenräumung und der Beseitigung anderer nicht explodierter Sprengkörper, die nach der Bombardierung Serbiens durch die Nato 1999 zurückgeblieben waren.

EU äussert sich klar

Bei der Eröffnung des Zentrums 2012 wies Russlands damaliger Energie- und heutiger Verteidigungsminister Sergej Schoigu anhaltende Spekulationen zurück, Moskau wolle sich in Serbien eine militärische Basis schaffen. Das sei «reine Erfindung».

Nato-Vertreter ihrerseits haben es abgelehnt, sich über die Art der Einrichtung zu äussern. Sie sagen lediglich, sie seien nicht zu besorgt darüber – worum auch immer es sich handele. Vertreter der Europäischen Union haben klar gemacht, dass Serbien sich den Nothilfe-Programmen der EU anschliessen und russischen den Rücken kehren müsse, wenn es der Nato beitrete, was Serbien möchte.

«Schaut euch diese James-Bond-Technologie an»

Bei einem jüngsten Besuch in dem sogenannten Russisch-Serbischen Humanitären Zentrum gab es kaum sichtbare Hinweise darauf, dass die Einrichtung anderen Zwecken dienen könnte als der Bekämpfung von Waldbränden, Fluten oder anderen Naturkatastrophen. Die Bilder, die Reportern der Nachrichtenagentur AP auf den Videoschirmen in Kommandoräumen gezeigt wurden, stammten weitgehend von Überwachungskameras innerhalb der Einrichtung.

Im Lagerhaus waren ein Krankenwagen, ein Jeep, verpackte Zelte, Gummiboote und sonst überwiegend Ausrüstung zur Brandbekämpfung zu sehen.

«Schaut euch diese James-Bond-Technologie an», scherzte der russische Co-Direktor der Einrichtung, Wjatscheslaw Wlassenko, während Leinwände für eine Videopräsentation jüngster Aktivitäten des Zentrums ausgerollt wurden. Draussen übten derweil russische Ausbilder mit serbischen Feuerwehrleuten.

«Alles nur Gerüchte»

Wlassenko zufolge ist die Einrichtung in keinster Weise dafür ausgerüstet, das benachbarte Rumänien auszuspionieren, wo unlängst amerikanische Abfangraketen stationiert worden sind. Oder auch Kosovo, wo sich Nato-Friedenstruppen und ein US-Stützpunkt befinden.

«Das sind alles nur Gerüchte. Es ist nicht möglich, dieses Zentrum in eine Spionageeinrichtung zu verwandeln. Es ist sehr klein, wir haben nur einen Stab aus drei Serben und fünf Russen und darüber hinaus nichts anderes (...), und die Gebäude gehören uns nicht einmal.»

Russische Hilfe wird oft abgelehnt

Der Russe beklagte, dass Nachbarländer wie das Nato- und EU-Mitglied Kroatien oder auch Mazedonien und Bosnien, die Mitglied werden wollen, abgeneigt seien, sogar bei grösseren humanitären Katastrophen russische Hilfe anzunehmen. So etwa in der Flüchtlingskrise mit fast einer Million Menschen, die im vergangenen Jahr über den Balkan kamen.

Die Kroaten hätten auch während kürzlicher Waldbrände an der Adriaküste den Einsatz grosser russischer Flugzeuge zur Feuerbekämpfung «ohne jede Erklärung» abgelehnt. Sogar Zelte zur Unterbringung der Flüchtlinge habe Kroatien nicht gewollt. Und Bosnien habe auf ein Angebot, eine Vereinbarung über gemeinsame Aktionen im Fall von Naturkatastrophen abzuschliessen, nicht einmal reagiert.

«Es ist alles nur Politik», so Wlassenko. «Sie sagen, Wladimir Putin sei schlecht, Russland wolle dominieren (...). Politische Motivation sollte aus humanitärer Hilfe herausgehalten werden.»

«Öffentlichkeit kennt nicht die ganze Wahrheit»

Serbien möchte auch der EU beitreten, aber will es sich zugleich nicht mit Moskau verderben. So hat es sich geweigert, sich den amerikanischen und EU-Sanktionen gegen Russland wegen dessen Aggressionen in der Ukraine anzuschliessen.

Die von den USA geführte Bombardierung Serbiens 1999 hat viele Menschen im Land stark gegen den Westen aufgebracht und für Russland erwärmt. Die Einwohner von Nis, die damals schwer getroffen wurden, waren geteilter Meinung, als sie gefragt wurden, was sie von der russischen Präsenz in ihrer Stadt halten.

«Ich würde lieber unsere (russischen) Brüder in unserer Stadt sehen als westlichen Abschaum», sagt Radovan Mihajlovic. Petar Jovanovic teilt den Argwohn über die wahre Rolle des Zentrums. «Die Öffentlichkeit kennt nicht die ganze Wahrheit. Ich glaube, dass etwas vor sich geht, von dem die Öffentlichkeit nichts weiss.»

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