08.04.2020 15:52

Vorwürfe an die WHO

Hat Trump recht oder lenkt er ab?

Der Präsident wirft der WHO Versagen im Umgang mit der Covid-19-Pandemie vor. UNO-Kenner Andreas Zumach zur Frage, wo Trump richtig liegt und wo nicht.

von
gux
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Us-Präsident Donald Trump macht der Weltgesundheitsorganisation schwere Vorwürfe im Umgang mit der Covid-19-Pandemie.

Us-Präsident Donald Trump macht der Weltgesundheitsorganisation schwere Vorwürfe im Umgang mit der Covid-19-Pandemie.

AP
Bruce Aylward, ein führender Berater des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus (im Bild), wies Trumps Kritik zurück, die WHO sei «China-zentriert». Es sei sehr wichtig, mit den Chinesen zusammenzuarbeiten, um den frühen Ausbruch zu verstehen. Das habe mit China im Besonderen nichts zu tun. In der Volksrepublik war das neuartige Coronavirus zuerst bestätigt worden und hat sich von dort aus weltweit verbreitet.

Bruce Aylward, ein führender Berater des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus (im Bild), wies Trumps Kritik zurück, die WHO sei «China-zentriert». Es sei sehr wichtig, mit den Chinesen zusammenzuarbeiten, um den frühen Ausbruch zu verstehen. Das habe mit China im Besonderen nichts zu tun. In der Volksrepublik war das neuartige Coronavirus zuerst bestätigt worden und hat sich von dort aus weltweit verbreitet.

Keystone
Mit fast 400'000 sind die weltweit meisten Infektionsfälle in den USA bekannt. Insgesamt starben mehr als 12'700 Menschen, allein im Bundesstaat New York erlagen binnen 24 Stunden 731 Menschen der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19.

Mit fast 400'000 sind die weltweit meisten Infektionsfälle in den USA bekannt. Insgesamt starben mehr als 12'700 Menschen, allein im Bundesstaat New York erlagen binnen 24 Stunden 731 Menschen der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19.

Reuters

US-Präsident Donald Trump wirft der Weltgesundheitsorganisation WHO vor, es in der Coronavirus-Pandemie «wirklich vermasselt» zu haben. Zudem legte er nahe, dass die WHO «wahrscheinlich» zu Beginn der Pandemie mehr gewusst habe, als sie offengelegt habe. Die WHO sei ohnehin zu sehr auf China ausgerichtet, habe den USA zudem falsche Empfehlungen zu Beginn der Krise gegeben und Trump für Einreisebeschränkungen kritisiert.

Bestimmt nicht wenige würden dem US-Präsidenten in einem ersten Reflex zustimmen – zu Recht? Oder lenkt Trump mit den Vorwürfen von eigenen Fehlern in der Handhabung der Pandemie ab? Wir haben nachgefragt.

Herr Zumach*, hat Trump mit seinen Vorwürfen an die WHO recht?

Nein. Sie sind mehrheitlich schlicht falsch. Etwa der Vorwurf, die WHO habe zu spät vor der Pandemie gewarnt. Tatsächlich sprach sie bereits am 30. Januar vor einer internationalen gesundheitlichen Notlage. Es stimmt zwar, dass die WHO sich Ende Januar noch gegen Reiserestriktionen aussprach. Das ergab aber Sinn, denn zu diesem Zeitpunkt waren nur 15 Länder von Covid-19 betroffen, und davon traten 95 Prozent der Fälle in China auf. Später korrigierte man diese Haltung entsprechend der weltweiten Entwicklung.

Weitere Falschaussagen?

Leider ja. Trump deutet an, die WHO habe von der ausgehenden Gefahr mehr gewusst, als sie bekannt gegeben habe. Das ist eine reine Unterstellung – ausgerechnet von jemandem, der Covid-19 erst als einfache Grippe bezeichnete und sogar die Demokraten hinter dem Virus vermutete. Und: Anders als Trump behauptet, sind die USA nicht der grösste Geldgeber der WHO. Das ist die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die USA folgen an zweiter Stelle, dann kommt Grossbritannien.

Das müsste der US-Präsident eigentlich wissen ...

Trump erscheint mir tatsächlich der ungeeignetste Kritiker der WHO im Moment. Denn die USA sind zu einem hohen Grad mitverantwortlich dafür, dass die WHO stark von Lobby-Interessen der Pharmakonzerne abhängig geworden ist. So kürzte Ronald Reagan in den 80er-Jahren die Beitragszahlungen. Um dies zu kompensieren, öffnete die WHO sich privaten Unternehmen wie der Bill-Gates-Stiftung. Mittlerweile stammen 20 Prozent der Finanzierung der WHO von den Mitgliedstaaten und 80 Prozent aus anderen Quellen. Der viertgrösste Geldgeber der WHO etwa ist die Impf-Allianz Gavi, ein Zusammenschluss aller grossen Pharmakonzerne der Welt. So sitzen in den Beratergremien der WHO die Lobbyisten dieser Pharmariesen, was einen grossen Einfluss hat.

Können Sie ein Beispiel von Einfluss durch Lobbyisten in der WHO geben?

2009 erklärte die WHO die Schweinegrippe zur Pandemie. Es gab allerdings nur 152 Tote. Ähnliches geschah bei der Vogelgrippe. Alle Welt kaufte damals das Grippemittel Tamiflu, was ganz im Interesse der Pharmariesen war. Als dann aber 2014 Ebola zur Gefahr wurde, reagierte die WHO nur zögerlich. In erster Linie, weil man ihr bereits Panikmache bei der Schweine- und Vogelgrippe vorgeworfen hatte. Zudem dürfte der Druck der Pharmaindustrie auf die WHO ausgeblieben sein, denn gegen Ebola hat sie bis heute kein Mittel gefunden.

Welchen Vorwurf machen Sie der WHO im Umgang mit Covid-19?

Grundsätzlich muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie China und den Angaben aus Wuhan zu gutgläubig vertraut hat. Aber: Die WHO ist von der Informationsbereitschaft ihrer Mitglieder abhängig, sie ist, wie die UNO auch, nur so gut, wie es ihre Mitglieder sind. Ich teile also die Kritik an der WHO in dieser Pandemie, aber man muss auch den Umkehrschluss zu lassen: Was hätte die WHO sonst tun sollen?

Die Frage gebe ich an Sie zurück.

Sehen Sie, die WHO steckt immer etwas in einem Dilemma. Als sie am 11. März die Pandemie ausrief – zu diesem Zeitpunkt waren bereits 115 der 149 Mitgliedsstaaten betroffen –, erklärte der chinesische UN-Botschafter am selben Tag in New York, dass man die Lage im Griff habe und dass China dabei sei, Schritt für Schritt zur Normalität zurückzufinden. Ein haarsträubender Widerspruch, auf den die WHO aber kaum reagieren kann.

Wie ist Trumps Kritik an der WHO letztlich zu werten?

Alles in allem ist sie ein lächerlicher Versuch, von den eigenen Fehlern im Umgang mit dem Virus abzulenken. Unter den entwickelten Industrieländern stehen die USA nicht nur in der Handhabung der Pandemie eindeutig am schlechtesten da. Das Gesundheitssystem ist marode, und auch auf die Empfehlungen der WHO für die Begrenzung oder Quantifizierung von Fett, Zucker oder Tabak werden von den USA seit Jahren in den Wind geschlagen. Entsprechend verbreitet sind Fettleibigkeit und Herzbeschwerden unter der Bevölkerung – schlechte Voraussetzungen in dieser Pandemie.

Könnte China wegen seiner mangelnden Kommunikation in irgendeiner Form bestraft werden?

Sicher nicht durch die WHO. So einen Sanktionsmechanismus müssten die Mitgliedstaaten beschliessen – und das würde wohl Jahre dauern. Ob sich die einzelnen Länder daran halten würden, ist zu bezweifeln. Ich möchte noch anfügen: Wir wissen eigentlich nirgends, ob die von den Regierungen kommunizierten Zahlen stimmen, denn in allen Ländern wird beim Sammeln der Fallzahlen unterschiedlich vorgegangen. Sicher ist, dass die Dunkelziffern überall enorm hoch sind. Nur in Ländern wie Südkorea oder Taiwan, wo 85 Prozent der Bevölkerung getestet wurden, verhält es sich anders.

*Andreas Zumach ist ein deutscher UNO-Korrespondent für die «Tageszeitung» (taz) mit Sitz am europäischen Hauptsitz der Vereinten Nationen in Genf.

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