Velofahren in Bangkok: Hauptsache, heil ankommen
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Velofahren in BangkokHauptsache, heil ankommen

Abgase, Hitze, Schlaglöcher: Radfahren in Bangkok ist alles andere als eine entspannte Fortbewegungsmethode. Obwohl sehr gefährlich, findet das Velo immer mehr Anhänger.

von
Hanyarat Doksone
AP

Abgase, Hitze, Schlaglöcher: Radfahren in Bangkok ist alles andere als eine entspannte Fortbewegungsmethode und noch dazu gefährlich. Und doch findet das Fahrrad immer mehr Anhänger in der thailändischen Hauptstadt.

Der thailändische Verkehrsminister erhielt einen guten Ratschlag von seiner Mutter, als sie erfuhr, dass er sich zu dienstlichen Zwecken mitten in Bangkok aufs Rad schwingen will. «Nimm Deinen Ausweis mit», sagte sie. «Wenn Du überfahren wirst, können sie zu Hause Bescheid sagen.»

Gefährlich bei Gluthitze

Lange Zeit waren Fahrräder in der Zehn-Millionen-Metropole praktisch nicht existent. Wer es in Bangkok wagt, Fahrrad zu fahren, muss sich gegen Horden von Autos, Bussen und Motorrädern behaupten - und das in einer Gluthitze. «Es ist ziemlich gefährlich», bestätigt Verkehrsminister Chadchart Sittipunt, der seinen eigenen Auftritt anlässlich der Eröffnung einer Radfahrkampagne allerdings unbeschadet überstanden hat. Die meisten Autofahrer, sagt er, seien nicht gewillt, Radfahrer als Verkehrsteilnehmer zu akzeptieren.

Trotz aller Widrigkeiten setzen sich in der thailändischen Hauptstadt heute mehr Menschen als früher aufs Rad. Die Regierung unterstützt den Trend. Unter anderem wurden 50 Verleihstationen für stadteigene Mieträder im zentralen Geschäftsviertel eingerichtet. Und wenn während des Berufsverkehrs alles zum Stillstand kommt, sind Fahrräder oft die einzigen Fortbewegungsmittel, mit denen man überhaupt noch vorankommt.

Donnernde Auto-Herde

Das weiss auch der Journalist Tomorn Sookprecha zu schätzen. Mit dem Auto brauche er 40 Minuten zur Arbeit, auf dem Fahrrad nur 20 bis 25 Minuten, sagt er. Doch dieser Vorteil hat seinen Preis.

Radfahrer müssen sich durch heisse Abgase und Motorenlärm auf schattenlosen Strassen kämpfen, von Autos und Motorrädern an den Bordstein gedrängt. Sie müssen Schlaglöchern und Gullydeckeln ausweichen und sich vor plötzlich aufspringenden Autotüren in Acht nehmen. Eine rote Ampel gönnt ihnen eine kleine Verschnaufpause, doch sobald sie auf Grün umspringt, heisst es, kräftig in die Pedale treten, um der donnernden Auto-Herde zu entkommen.

Bangkok ist eine Stadt ohne nennenswerte Höhenunterschiede und wäre eigentlich perfekt zum Radfahren geeignet. Doch die Planer hatten so etwas nicht im Sinn. Zwar existieren offiziell 200 Kilometer Radwege in der Stadt, doch es handelt sich nicht um ein durchgängiges Netz. Und dort, wo es Radwege gibt, werden diese meist von Strassenhändlern oder Fussgängern in Beschlag genommen, weil funktionsfähige Bürgersteige fehlen.

«Das muss ein Scherz sein»

Selbst der Verkehrsminister wusste lange Zeit nichts davon, dass in dem Stadtteil, in dem er wohnt, ein Radweg verläuft. «Den kann man nicht benutzen», sagt Chadchart. «Das muss ein Scherz sein.» Seiner Aussage zufolge gibt es mehrere tausend Radfahrer in Bangkok, eine lächerlich geringe Zahl im Vergleich zu den Millionen Auto- und Motorradfahrern, die jeden Tag in der Stadt unterwegs sind - Tendenz steigend.

Allein im vergangenen Jahr wurden fast 580 000 Autos neu zugelassen. Bei rund 245 000 dieser Fahrzeuge handelte es sich um Fahrzeuge von Erstkäufern, denen der Staat die Anschaffung mit einem Steuernachlass von 100 000 Baht (etwa 2900 Franken) versilbert.

Rücksichtslosigkeit

Der Verkehrskollaps, den diese unvorstellbaren Massen verursachen, lässt einige zumindest über den Umstieg aufs Fahrrad nachdenken. Aber die Rücksichtslosigkeit der thailändischen Autofahrer macht das Rad zu einer gefährlichen Alternative. «In anderen Ländern halten Autofahrer an, wenn ein Fussgänger über den Zebrastreifen geht», sagt Tomorn. «In Bangkok macht das keiner.»

Doch nachts und am Wochenende, wenn der Autoverkehr etwas nachlässt, trauen sich zunehmend mehr Radfahrer auf Bangkoks Strassen. Dutzende Rad- oder Radzubehör-Läden haben in den vergangenen Jahren eröffnet. Im September kamen fast 20 000 Radfahrer zum autofreien Tag, der einmal pro Jahr in Bangkok ausgerufen wird. Vor sechs Jahren waren es 2000, vor acht Jahren sogar nur 150.

Nachts Velofahren lernen

Initiativen wie die sogenannte Bangkoker Fahrrad-Kampagne kämpfen für mehr Respekt gegenüber Radfahrern, etwa indem sie jedes Mal das Ordnungsamt informieren, wenn ein Fahrzeug auf dem Radweg parkt.

«Meistens beginnen die Menschen nachts mit dem Radfahren oder sie fahren innerhalb einer grösseren Gruppe», sagt die Gründerin der Gruppe, Nonlany Ungwiwatkul. «Doch sobald sie wissen, wie sie sicher vorankommen, trauen sie sich auch, das Rad im Alltag zu benutzen.»

Narawan Pongpimai gehört zu denen, die nicht mehr aufs Fahrrad verzichten möchten. «Es befreit mich vom Verkehrschaos», sagt die Grafikdesignerin. «Auch wenn ich in der Regenzeit nass werde, ist es immer noch besser, als vergeblich auf den Bus zu warten, von Taxifahrern abgewiesen zu werden oder Stunden im Stau zu stehen.»

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