Gar nicht gratis? - Hausärzte verrechnen bis zu 100 Franken für «gratis» Corona-Impfung
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Gar nicht gratis?Hausärzte verrechnen bis zu 100 Franken für «gratis» Corona-Impfung

Die Corona-Impfung ist gratis, so das Versprechen des Bundesrats. Ärztinnen und Ärzte verrechnen aber teils im Graubereich «Zusatzleistungen» an die Krankenkassen der Kundinnen und Kunden weiter.

von
Daniel Graf
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Im Impfzentrum ist die Corona-Impfung gratis. 

Im Impfzentrum ist die Corona-Impfung gratis.

20min/Simon Glauser
Das gilt grundsätzlich auch für die Impfung bei der Hausärztin oder beim Hausarzt – ist aber nicht immer so. 

Das gilt grundsätzlich auch für die Impfung bei der Hausärztin oder beim Hausarzt – ist aber nicht immer so.

20min/Matthias Spicher
In einer St. Galler Hausarztpraxis wurden einem Impfwilligen fast 100 Franken verrechnet. 

In einer St. Galler Hausarztpraxis wurden einem Impfwilligen fast 100 Franken verrechnet.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Hausärztinnen und -ärzte verrechnen teils «Zusatzkosten» für die Impfung – bis zu 100 Franken.

  • Wer die Franchise seiner Krankenkasse noch nicht ausgeschöpft hat, muss das selber bezahlen.

  • «Ein Graubereich», sagt Krankenkassen-Experte Felix Schneuwly, der die Praxis nicht okay findet.

Nach seiner zweiten Corona-Impfung erhielt P.M.* eine Abrechnung seiner Krankenkasse zugestellt: Knapp 100 Franken stellte seine Hausarztpraxis im Kanton St. Gallen ihm in Rechnung. Auf Nachfrage bestätigte die Krankenkasse, dass die Rechnung für Zusatzleistungen beim Impftermin ausgestellt worden sei. Weil er seine Franchise noch nicht ausgeschöpft hatte, muss M. die 100 Franken selber bezahlen.

Auch in einem Aushang informiert die Arztpraxis darüber, dass «zusätzliche Beratungsleistungen, Nachüberwachung etc.» grundsätzlich den Krankenkassen der Patientinnen und Patienten verrechnet werden dürften. Das stimmt nur teils: «Die Kosten für die 15 Minuten Nachüberwachung sind in der Impfpauschale des Tarifvertrags integriert und dürfen nicht zusätzlich verrechnet werden», stellt BAG-Mediensprecher Grégoire Gogniat klar.

Offenbar kein Einzelfall

«Die Impfung ist kostenlos, zusätzliche Abgeltungen für Impfleistungen sind grundsätzlich nicht möglich», sagt Gogniat. Einige wenige Ausnahmen gebe es, etwa Konstellationen bei vorangehenden allergischen Überempfindlichkeitsreaktionen, Immunsuppression oder schwangere Frauen mit chronischen Krankheiten. Nichts davon trifft auf M. zu.

Laut Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte bei Comparis, handelt es sich dabei nicht um einen Einzelfall: «Ich habe schon öfter davon gehört, dass Hausärztinnen und -ärzte bei der Impfung Zusatzkosten berechnen.» Er hat eine deutliche Meinung dazu: «Der Tarifvertrag zwischen den Kantonen und den Krankenkassen regelt klar, dass sämtliche Leistungen im Zusammenhang mit der Impfung vergütet sind und diese für die Patientinnen und Patienten kostenlos ist. Dass Hausärztinnen und -ärzte im Graubereich irgendwelche Zusatzkosten verrechnen, geht nicht.»

«Ärztinnen und Ärzte sollen Kosten nicht weiterverrechnen»

Schneuwly hat zwar Verständnis dafür, dass die Hausärztinnen und -ärzte mit der Höhe des Tarifs nicht einverstanden sind (siehe unten). Aber: «Dann müssen sie dafür sorgen, dass der Tarif angepasst wird, und nicht Kosten an die Patientinnen und Patienten verrechnen, damit die Impfung sich für sie lohnt.»

Anderer Meinung ist Yvonne Gilli, Präsidentin des Ärzteverbands FMH: «Grundsätzlich ist es so, dass eine Hausärztin oder ein Hausarzt in der Praxis zusätzlichen Beratungsaufwand zuhanden der Krankenkasse in Rechnung stellen darf.» Die zusätzliche Beratung sei auch der Hauptunterschied zwischen einer Hausarztpraxis und einem Impfzentrum. «Wenn die Patientinnen und Patienten Fragen haben, nehmen sich die Hausärztinnen und -ärzte dafür Zeit. Das darf nicht routinemässig, aber im individuellen Einzelfall verrechnet werden. Und die Patientin oder der Patient muss darüber informiert werden.»

«Aushang über vermeintliche Zusatzkosten ist sehr unüblich»

Auch Matthias Müller, Kommunikationsleiter beim Krankenkassenverband Santésuisse, sagt: «Es kommt hie und da vor, dass Hausärztinnen und -ärzte Zusatzkosten weiterverrechnen, ist aber unüblich.» Klar sei, dass bei Hochrisikopatientinnen und -patienten, wo tatsächlich ein Mehraufwand entstehe, Zusatzkosten abgerechnet werden dürften. «Dass eine Praxis mit einem Aushang über vermeintliche Zusatzkosten informiert, ist aber sehr unüblich. In den allermeisten Fällen sind sämtliche Leistungen in Zusammenhang mit der Impfung über die Pauschale vergütet.»

Müller rät M., sich noch einmal an seine Krankenkasse zu wenden: «Wenn tatsächlich Kosten in Rechnung gestellt wurden, die eigentlich über den Tarifvertrag abgegolten sind, kann die Krankenkasse mit der entsprechenden Hausarztpraxis Rücksprache halten.»

Eine Anfrage bei der betreffenden Arztpraxis blieb am Donnerstag unbeantwortet.

* Name der Redaktion bekannt.

Der Kampf um die Vergütung

Der Tarif, den die Hausärztinnen und Hausärzte pro Corona-Impfung erhalten, wurde zwischen den Krankenkassen und den Kantonen auf 24.50 Franken bis Ende Juni und 16.50 Franken ab Juli festgelegt. Die Tarifanpassung im Juli erfolgt laut Matthias Müller, weil davon ausgegangen wird, dass bis Ende Juni der grösste Teil der Risikogruppen geimpft ist, und der Aufwand pro Impfung kleiner wird. Die Hausärztinnen und -ärzte waren von Anfang an nicht mit diesen Tarifen einverstanden: «Insgesamt reichen die 24.50 Franken nicht ansatzweise aus, um die Kosten der Hausärztinnen und -ärzte zu decken», sagt FMH-Präsidentin Yvonne Gilli. Sie fordert, dass spätestens dann, wenn Nachfolgeimpfungen nötig werden, ein neuer Tarifvertrag ausgehandelt wird. «Und zwar mit den Ärztinnen und Ärzten am Verhandlungstisch und nicht einfach gestützt auf das Epidemiegesetz über unsere Köpfe hinweg.»

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