Hongkong: Hausangestellte sind die «Sklaven der Moderne»
Aktualisiert

HongkongHausangestellte sind die «Sklaven der Moderne»

Das Schicksal von Erwiana bewegt die Gemüter. Die Indonesierin war bis vor Kurzem eine von über 310'000 Hausangestellten in Hongkong. Sie geriet an eine sadistische Arbeitgeberin.

von
Philippe Wenger
Hongkong

Erwiana Sulistyaningsih konnte kaum noch selber gehen, als sie aus ihrer Folterkammer befreit wurde, in der sie acht Monate leben musste. Die 23-jährige Indonesierin hat schwere Verbrennungen an den Füssen, ihr Gesicht ist mit Schnittwunden übersäht und ähnelt eher dem einer alten Frau. Hände und Körper sind mit Blessuren überzogen.

Erwiana hatte im Mai 2013 eine Arbeit als Hausangestellte in Hongkong begonnen. So wie es über 310'000 weitere Frauen machen – 98 Prozent davon stammen aus Indonesien und den Philippinen. Doch sie hatte das Pech, an eine sadistische Arbeitgeberin zu geraten, die sie schlug, verbrühte und mit dem Tod bedrohte. Zuletzt wurde Erwiana mit umgerechnet 11.65 Franken und einem T-Shirt nach Hause geschickt. Ein Verwandter musste sie durch den Flughafen tragen, zurück in Indonesien musste sie sich in Spitalpflege begeben.

Bei weitem kein Einzelfall

Erwianas Fall ist symptomatisch für die Gefahren, denen Hausangestellte ausgesetzt sind. Wenn ihr Fall auch extrem ist: Es fehlen die Mittel, um alltägliche Schikanen und Ausbeutungen zu unterbinden.

Fälle wie jener von Erwiana sind schon mehrfach vorgekommen und finden als Medienhype in der lokalen Presse jeweils kurzfristig Beachtung. Tatsächlich ist es naturgemäss schwierig, das komplette Ausmass abzuschätzen, in dem die Angestellten von ihren Arbeitgebern ausgenutzt oder misshandelt werden. Allerdings kam eine Studie, die von fünf Gewerkschaften und Migranten-Vertretungen 2001 durchgeführt und von den Behörden unterstützt wurde, zu beunruhigenden Ergebnissen: Demnach wird ein Viertel aller Angestellten Opfer von verbaler oder physischer Belästigung, knapp jede 20. wird sexuell missbraucht.

Die Situation hat sich seit 2001 kaum verbessert. Eine Umfrage von Amnesty International Ende 2013 unter knapp 1000 indonesischen Maids brachte ähnliche Befunde zu Tage. Gemäss dieser Umfrage arbeiten die Frauen im Durchschnitt 17 Stunden pro Tag, etliche erhielten weniger als den gesetzlichen Mindestlohn, wurden daran gehindert, ihren Glauben auszuüben, und durften den vorgeschriebenen freien Tag pro Woche nicht einziehen.

Vermittlungsagenturen sind Teil des Problems

Indonesierinnen sind dabei besonders anfällig für schlechte Behandlung, weil sie gezwungen sind, mit Vermittlungsagenturen zusammenzuarbeiten. Diese kümmern sich im Krisenfall nicht um ihre Klientinnen.

Und die Agenturen versuchen häufig auch, ihren Teil am Kuchen zu vergrössern, indem sie den Frauen exorbitante Vermittlungsgebühren aufzwingen: «Als ich im Trainingszentrum der Agentur ankam, war ich schockiert. Wir waren von hohen Zäunen umgeben, den Frauen wurden die Haare kurz geschnitten und man gab mir ein auf Englisch verfasstes Papier, das ich zu unterschreiben hatte. Davon verstand ich nur die Zahl 27 Millionen. Später sagten sie mir: ‹Was du unterschrieben hast, heisst, dass du uns 27 Millionen Rupien (rund 2000 Franken) schuldest›», sagte die ehemalige Hausangestellte Eni Lestari zu Amensty International. Heute arbeitet Lestari für die NGO International Migrants Alliance.

Bei Erwiana waren es angeblich 18'000 Hongkong-Dollar (2090 Franken). Bei einem gesetzlichen Mindestlohn von gerade einmal 4050 Dollar (470 Franken) im Monat. Erlaubt wären gerade einmal 401 Dollar (46 Franken) an Vermittlungsgebühren. Die Verfasserin der Amnesty-Studie, Norma Kang Muico, bezeichnet die Arbeitsbedingungen als «moderne Form der Sklaverei».

Erfahrene Hausangestellte sind deutlich weniger anfällig für solche Fehlbehandlungen. Die philippinische Hausangestellte Edna arbeitet bereits seit 18 Jahren in Hongkong. Auf die Frage, ob sie wisse, wo sie Hilfe suchen müsste, wenn etwas bei der Arbeit schiefliefe, kann sie gleich mehrere Anlaufstellen aufführen. Meist handelt es sich dabei um kirchliche Insititutionen. Erwiana war neu und hatte lediglich eine Kollegin als Ansprechperson, die sie bei der Ankunft am Flughafen kennengelernt hatte.

Hausangestellte sind rechtlich im Nachteil

Ein grosses Problem im Kampf gegen die Schikanen ist die Rechtslage der Hausangestellten, die gegenüber ihren Arbeitgebern wesentlich schlechter gestellt sind. Beispielsweise beträgt die Kündigungsfrist beidseitig einen Monat. Doch die Angestellte wird sich hüten, zu kündigen, würde sie doch so die einzige Unterkunft verlieren, die sie hat. Und findet sie nach dem Ende der Arbeit nicht innert zwei Wochen eine neue Stelle, muss sie das Land verlassen – und bleibt auf den Vermittlungsgebühren sitzen. Dies nützen die Arbeitgeber aus und biegen das Recht zu ihren Gunsten.

Trotz all dieser Probleme kommen seit den 70er-Jahren immer mehr Frauen aus Indonesien und den Philippinen nach Hongkong, um die Hunde, Kinder und Wohnungen der vermögenden Hongkong-Chinesen und nunmehr der westlichen Arbeitsmigranten zu pflegen und zu unterhalten. Damals begann die Wirtschaft zu boomen und die hier lebenden Frauen fanden bezahlte Jobs. Noch vor wenigen Jahren waren 85 Prozent der Arbeitgeber Hongkong-Chinesen, 12 Prozent kamen aus westlichen Nationen.

Der Grund für die Arbeitsmigration der Haushälterinnen ist simpel: In ihren Heimatländern ist es den Frauen nicht möglich, genug Geld zu verdienen. Häufig hängt die Existenz einer ganzen Familie an den regelmässigen Geldsendungen ihrer in der Fremde lebenden Mütter, Schwestern oder Tanten. «Um das geht es doch: um Geld nach Hause zu schicken», sagt Edna. Wären diese Überweisungen nicht nötig, ginge sie sofort wieder nach Hause. «Manchmal ist man für zwei oder drei Jahre daheim und dann merkt man, dass das Geld aufgebraucht ist, und schon heisst es wieder: zurück nach Hongkong», erklärt sie.

Konkrete Verbesserungsvorschläge von den Gewerkschaften

Um die Situation zu verbessern, fordern Gewerkschaften, NGOs und die Hausangestellten bei Demonstrationen – wie es sie gab, als der Fall Erwiana bekannt wurde – konkrete Verbesserungerungen. So soll die 2-Wochen-Frist bis zur Ausweisung nach einer Entlassung abgeschafft werden, der Mindestlohn soll mit dem Preisniveau steigen und nicht dem Gutdünken der Behörden überlassen werden, Hausangestellte sollten nicht bei ihren Arbeitgebern leben müssen und eine maximale tägliche Arbeitszeit müsse im vorgeschriebenen Standard-Arbeitsvertrag festgehalten werden.

Allerdings arbeiten die Behördenmühlen in Hongkong träge, wenn es um den Schutz der Frauen geht. Als Erwianas Agentur den Fall der Polizei meldete, wollte diese nicht sofort mit den Untersuchungen beginnen, weil die Agentur «nicht genügend Beweise für die Herkunft der Verletzungen» liefern könne. Man könne «nur hoffen, mehr Details zu erfahren», sagte damals eine Polizeisprecherin.

Nach massiven öffentlichen Protesten wurden doch noch Untersuchungen eingeleitet und eine Gruppe Beamter besuchte das Opfer im Spital in Indonesien, die mutmassliche Sadistin wurde Tage später am Flughafen verhaftet, als sie in ein Flugzeug nach Thailand steigen wollte. Indonesien plant nun sogar, gar keine Frauen mehr als Hausangestellte nach Hongkong zu schicken.

Lestari hält davon wenig: «Der Plan der indonesischen Regierung ist eine Illusion. Die Regierung ist damit gescheitert, Arbeitsplätze bereitzustellen. Gleichzeitig war sie nicht in der Lage zu erkennen, dass die meisten Jobs im Ausland eben in Hausarbeit bestehen», sagte sie der «South China Morning Post».

Womöglich braucht es noch ein paar Fälle wie jener von Erwiana, bis sich grundlegend etwas zugunsten der Hausangestellten ändert.

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