06.04.2018 19:11

LeistungHausaufgaben-Verbot soll Migrantenschülern helfen

Ein hoher Anteil an Migrantenkindern in Schulklassen bringt laut Experten Probleme. Sie schlagen verschiedene Massnahmen vor. Pädagogen hingegen kontern: Die Herkunft spielt keine Rolle.

von
vro
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Damit die Leistung von Schülern mit Migrationshintergrund nicht abnimmt, sollen in den ersten Primarschuljahren keine Hausaufgaben erteilt werden. (Symbolbild)

Damit die Leistung von Schülern mit Migrationshintergrund nicht abnimmt, sollen in den ersten Primarschuljahren keine Hausaufgaben erteilt werden. (Symbolbild)

Keystone/Georgios Kefalas
Pädagogen hingegen finden, dass Multikulti-Klassen auch Vorteile haben. (Symbolbild)

Pädagogen hingegen finden, dass Multikulti-Klassen auch Vorteile haben. (Symbolbild)

Keystone/Georgios Kefalas

«Ich erwarte deutlich mehr von der Schweiz.» Das sind die Worte des Erfinders der Pisa-Studie und Bildungsdirektors der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD, Andreas Schleicher, die er gegenüber der «Aargauer Zeitung» äussert. Er bezieht sich auf die Leistung von Schülern mit Migrationshintergrund.

Eine neue Studie der OECD zeigt, dass sich knapp die Hälfte davon in der Schule nicht richtig integriert fühlt. Sie wiesen gegenüber ihren Schweizer Mitschülern zudem ein Defizit auf: Zwei von fünf Schülern, die im Ausland geboren wurden oder mindestens einen Elternteil haben, der im Ausland aufwuchs, konnten bei der Pisa-Studie 2015 keine ausreichenden Kenntnisse in allen drei Testgebieten Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften vorweisen. Bei den Schweizern war es einer von fünf, schreibt die «Aargauer Zeitung».

Quote für Deutsch sprechende Schüler

Auch eine Studie des Bundes zeigt Probleme auf: Bei einem Migrantenanteil von 20 Prozent nimmt die Leistung von fremdsprachigen Kindern in der Klasse ab. Stefan Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Uni Bern, schlug deshalb 2015 vor, dieser Situation mit einer Quote für Deutsch sprechende Schüler zu begegnen.

Diese Idee ist nicht ganz neu, bereits in der Vergangenheit sprachen sich Politiker für eine solche Quote aus, die dafür sorgen sollte, dass es in einer Klasse einen bestimmten Mindestanteil an Deutsch sprechenden Schülern gibt. Eingeführt wurde sie jedoch nie, da die Schüler nicht einfach auf andere Schulen umverteilt werden können.

«Hat nichts mit der Herkunft zu tun»

Wolter hat deshalb noch einen anderen Vorschlag: Während der ersten vier Primarschuljahre sollten Schüler keine Hausaufgaben bekommen. Das wäre zugunsten von Kindern von Migranten, die selbst Mühe mit der deutschen Sprache haben und deshalb nicht helfen können, schreibt die Zeitung. Stattdessen ist Wolter für spezielle Lektionen, in denen die Schüler die Hilfe ihrer Lehrer in Anspruch nehmen können.

Doch nicht überall zeigt man sich mit den Ergebnissen der Studie einverstanden. «Die schulischen und sozialen Probleme der Jugendlichen haben nichts mit der Herkunft zu tun», sagt etwa Simon Wullschleger, Schulleiter der Schule Neuenhof, zur «Aargauer Zeitung». Und: «Das Zusammensein der verschiedenen Kulturen führt automatisch zur Integration.» Die Jugendlichen würden sehr gern zur Schule gehen.

Friedliches Miteinander ist «ein riesiges Geschenk»

Lehrerin Maren Gauch pflichtet ihm bei. Das Problem liege woanders. Manche Familien würden das Schweizer Bildungssystem zu wenig kennen und deshalb nicht verstehen, weshalb ihr Kind eine Lehre machen oder an die Bezirksschule gehen sollte. In diesen Fällen arbeite man mit Vermittlern zusammen, sagt sie der Zeitung.

Gauch sieht sogar Vorteile darin, dass Kinder mit unterschiedlicher Herkunft in einer Klasse sitzen: «Kinder aus verschiedenen Balkan-Ländern mit teils schwieriger Vergangenheit lernen hier, friedlich miteinander umzugehen. Das ist ein riesiges Geschenk.»

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