26.09.2017 05:43

«Wegwerf-Mentalität»Haustiere landen als Futter im Tiger-Käfig

Haben Besitzer die Nase voll von ihrem Häsli oder Meerschweinchen, schenken sie es oft dem Zoo. Dort wird es etwa an Raubkatzen verfüttert.

von
Silvana Schreier
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Im Tierpark Dählhölzli in Bern werden immer wieder Haustiere verfüttert: Es handle sich meist um Kleinnager wie Mäuse, Ratten, Meerschweinchen und Kaninchen sowie um Hühner, die an die Luchse, Wildkatzen, Wölfe und Leoparden (im Bild) verfüttert werden.

Im Tierpark Dählhölzli in Bern werden immer wieder Haustiere verfüttert: Es handle sich meist um Kleinnager wie Mäuse, Ratten, Meerschweinchen und Kaninchen sowie um Hühner, die an die Luchse, Wildkatzen, Wölfe und Leoparden (im Bild) verfüttert werden.

Keystone/Peter Schneider
Wer sein Kaninchen nicht mehr will, gibt es meist im Tierheim ab. Doch regelmässig wenden sich tiermüde Besitzer auch an Zoos und Tierparks. Diese nehmen das Haustier entgegen, verfüttern es aber an die hungrigen Raubtiere.

Wer sein Kaninchen nicht mehr will, gibt es meist im Tierheim ab. Doch regelmässig wenden sich tiermüde Besitzer auch an Zoos und Tierparks. Diese nehmen das Haustier entgegen, verfüttern es aber an die hungrigen Raubtiere.

Keystone/Anthony Anex
Alex Rübel, Direktor des Zoo Zürich: «Rund sechsmal pro Jahr werden im Zoo Zürich Haustiere abgegeben und anschliessend getötet sowie verfüttert.»

Alex Rübel, Direktor des Zoo Zürich: «Rund sechsmal pro Jahr werden im Zoo Zürich Haustiere abgegeben und anschliessend getötet sowie verfüttert.»

zvg

Wer sein Kaninchen, Meerschweinchen, seine Ratte oder Maus nicht mehr will, gibt das Tier meist im Tierheim ab. Doch regelmässig wenden sich tiermüde Besitzer auch an Zoos und Tierparks und fragen, ob diese nicht Interesse an den Tieren hätten. Das haben diese oft auch. Allerdings erwartet die Tiere kein langes Leben unter Artgenossen.

Beim Zoo Zürich etwa werden abgegebene Haustiere an fleischfressende Raubtiere verfüttert. Einigen Haustierbesitzern scheint das recht zu sein und sie unterschreiben eine Einverständniserklärung. Rund sechsmal pro Jahr werden im Zoo Zürich laut Direktor Alex Rübel Haustiere abgegeben.

«Zuerst fachgerecht getötet, dann verfüttert»

«Die abgegebenen Meerschweinchen oder Kaninchen werden fachgerecht von einem Tierarzt getötet, dann an die Tiger, Löwen und Schneeleoparde verfüttert», sagt Rübel. Die Mäuse gebe man den Eulen. Seltener hat der Zoo Zürich auch Anfragen von Hundebesitzern erhalten, die ihren Vierbeiner abgeben wollten. Solche Tiere würden nicht angenommen. «Diesen Leuten war klar, dass der Zoo selber keine Hunde hält. Sie wollten wissen, wo sie ihren Hund abgeben könnten», erklärt Sprecherin Rita Schlegel. Das sei aber die Ausnahme.

Die abgegebenen Tiere würden nach dem Einschläfern ganz und nicht etwa zerstückelt verfüttert: «Grund dafür ist, dass wir zeigen wollen, was natürlich ist. Und Raubtiere essen nun mal Fleisch samt Eingeweide», so der Zoodirektor weiter. Das werde ganz bewusst auch vor den Besuchern so gemacht.

Laut Rübel ist es besser, die Tiere offiziell beim Zoo abzugeben, als sie etwa im Masoala Regenwald auszusetzen. Das komme zwei- bis dreimal pro Jahr vor und stelle ein grosses Problem dar: «Die Tiere können Krankheiten in die Anlagen bringen.»

Zoo Basel nimmt keine Haustiere an

Auch der Berner Tierpark Dählhölzli erhält Anfragen von Besuchern, die ihr Haustier loswerden wollen: «Wir sprechen von einem bis fünf Tiere pro Woche, die zu Futter werden», sagt Kurator Marc Rosset. Es handle sich meist um Kleinnager wie Mäuse, Ratten, Meerschweinchen und Kaninchen sowie Hühner, die an die Luchse, Wildkatzen, Wölfe und Leoparden verfüttert werden.

Im Kinderzoo, wo auch Kaninchen und Haus-Meerschweinchen leben, könnten die Haustiere nicht aufgenommen werden: «Unsere Tiere leben in eingespielten, kleinen Populationen. Wir können diese Zusammensetzung nicht immer wieder durch neue Tiere durcheinanderbringen», sagt Rosset.

Der Zoo Basel erhält ebenfalls öfters entsprechende Anfragen. «Wir nehmen solche Tiere nicht an, da wir ihren Gesundheitszustand nicht kennen», sagt Sprecher Valentin Kressler.

«Man schickt doch ein Tier nicht bewusst in den Tod»

Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz ist empört: «Es geht nicht, dass man den Tod seines Haustiers in Kauf nimmt. Man schickt ein Tier doch nicht bewusst in den Tod.» Als Haustierbesitzer habe man die Verantwortung für das Lebewesen übernommen. Dazu gehöre auch, dass man sich um einen guten Platz kümmere, wenn man es nicht mehr behalten könne. «So viel Anstand sollte doch vorhanden sein», sagt Sandmeier. Ausserdem wisse man doch, dass es Tierheime gebe.

Antoine Goetschel, Rechtsanwalt und Gründer von Global Animal Law, hält es für bedenklich, dass Haustierbesitzer ihr Tier überhaupt loswerden wollen: «Das spricht für die vorherrschende Wegwerfmentalität. Haben die sich bei der Anschaffung des Tieres keine Gedanken über die Verantwortung gemacht?» Für ihn wäre es als Kind eine belastende Vorstellung gewesen, dass das Haustier, das man doch geliebt habe, lebendig zu Schlangenfutter werde. «Man verfügt damit über den Tod des Tieres. Immerhin wird das Tier heute im Zoo fachgerecht eingeschläfert», sagt Goetschel.

Verständnis für Zoos

Weder der Schweizer Tierschutz noch der ehemalige Tieranwalt Goetschel machen den Zoos einen Vorwurf: «Falls sie öffentlich die Aufnahme von Haustieren anbieten würden, würden sie zu einer Auffangstation von nicht gewollten Heimtieren werden», so Goetschel. Damit hätten die Haustierbesitzer, die ihr Tier loswerden wollen, eine akzeptable Alternative. «Menschen, die ihr Haustier so entsorgen, reden sich das schön, um es sich selbst angenehmer zu machen.»

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