Aktualisiert 20.01.2020 15:42

«Als Diebin abgestempelt»

Hausverbot bei Migros, weil Frau getrennt zahlte

J. K. aus St. Gallen wollte die Einkäufe für sich und ihre WG separat bezahlen. Dafür kassierte sie eine Busse und ein Hausverbot. «Ein Fehler», so die Migros.

von
ehs
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Eine solche Self-Checkout-Station wurde für die Studentin J. K. aus St. Gallen zum Verhängnis. (Symbolbild)

Eine solche Self-Checkout-Station wurde für die Studentin J. K. aus St. Gallen zum Verhängnis. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally
Weil sie für ihre WG einerseits und für sich selbst andererseits Einkäufe tätigte, wollte sie die beiden Einkäufe getrennt bezahlen. Doch bevor es so weit kam, ...

Weil sie für ihre WG einerseits und für sich selbst andererseits Einkäufe tätigte, wollte sie die beiden Einkäufe getrennt bezahlen. Doch bevor es so weit kam, ...

Keystone/Gaetan Bally
... geriet sie am Freitagabend im Einkaufszentrum Neumarkt in St. Gallen in eine Stichprobe.

... geriet sie am Freitagabend im Einkaufszentrum Neumarkt in St. Gallen in eine Stichprobe.

Migros/Zentrum Neumarkt

Die Masterstudentin J. K.* wollte am Freitagabend im Migros-Supermarkt Neumarkt in St. Gallen für sich und ihre WG einkaufen. Wie so oft wollte sie die beiden Einkäufe mit separaten Karten bezahlen. Einen Teil scannte sie deshalb bereits im Laden mit dem Handscanner, den anderen wollte sie an den Self-Checkout-Maschinen bezahlen.

Doch so weit kam es nicht: Beim Self-Checkout angekommen, geriet K. in eine Stichprobe. Noch hatte sie den mit dem Handscanner erfassten Teil ihrer Einkäufe nicht bezahlt. «Ich habe die Situation der Mitarbeiterin erklärt», sagt K. Diese sei ratlos gewesen und habe den Ladendetektiv und den Filialleiter hinzugeholt.

«Schon einmal aufgefallen»

Was die beiden diskutiert hätten, habe sie nicht mitgehört. «Ich hörte nur, wie der Filialleiter den Ladendetektiv fragte: ‹Schon wieder?›», so K. Was er damit gemeint habe, wollte sie vom Filialleiter wissen. Im Büro des Ladendetektivs sei ihr dann eröffnet worden, dass sie bereits schon einmal aufgefallen sein soll. Dieser Vorfall sei offenbar mit ihrer Cumulus-Karte verknüpft worden, weshalb sie beim Einkauf in der St. Galler Filiale in eine sogenannte «Vollvalidierung», also eine ausführliche Stichprobe, geriet.

«Der Filialleiter sagte mir, ich sei auf einem Video einer anderen Filiale in St. Gallen zu sehen. Dieses zeige, dass ich nur einen Teil der Einkäufe bezahlt habe.» Dabei habe sie auch dort einen Teil der Einkäufe separat bezahlt. Das tue sie öfter, so K. Screenshots aus der Cumulus-App, die 20 Minuten vorliegen, stützen diese Aussage. «Die Videoaufnahmen wurden offenbar nicht einmal vollständig angeschaut, sonst hätte die Migros bemerkt, dass ich immer alle Einkäufe bezahlt habe.» Das angebliche Beweisvideo habe sie nicht anschauen dürfen.

«Hausverbot hat schwere Konsequenzen»

Die Erklärung überzeugte die Verantwortlichen aber nicht. Sie sprachen ihr ein provisorisches Hausverbot für alle Läden der Migros Ostschweiz und eine Busse von 200 Franken aus. «Wenn ich eine Migros betreten würde, könnte man mich anzeigen», so K.

Zu Hause angekommen, schrieb sie einen Brief an die Migros-Verantwortlichen. «Ich wurde fälschlicherweise als Ladendiebin abgestempelt», so K. «Das ist nicht fair. Ein Hausverbot in allen Migros-Läden hat schwerwiegende Konsequenzen.»

Hausverbot aufgehoben

Lange bestand das Hausverbot allerdings nicht. Schon am Montagmorgen entschuldigte sich die Migros bei K. «Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ergab sich ein falscher Verdacht», so Sprecher Andreas Bühler. Man habe sich telefonisch bei der Kundin entschuldigt, wolle sich aber auch noch bei einem persönlichen Gespräch erklären. «Selbstverständlich darf die Kundin ihre Einkäufe weiterhin jederzeit in unseren Läden tätigen.»

Für K. zeigt diese Reaktion Grösse. «Ich bin froh, dass die Migros so schnell reagiert», sagt sie. Offenbar sei der Vorfall in Gossau fälschlicherweise als Diebstahl registriert worden, weil die Kamera in einem Winkel hing, der es nicht erlaubt habe, alle Bezahlvorgänge aufzunehmen. Die Migros müsse nun aber dringend ihr System überdenken, so K. «Sonst kann das auch anderen passieren.»

*Name der Redaktion bekannt

Ist die Video-Überwachung erlaubt?

Die Videoüberwachung sei grundsätzlich zulässig, sagt Anwalt Martin Steiger. Die Migros dürfe die gewonnenen Erkenntnisse zumindest gemäss AGB mit Cumulus-Daten verknüpfen. «Die Migros kann ein überwiegendes privates Interesse behaupten», so Steiger. Aber: «Die Richtigkeit der Daten muss gemäss dem Datenschutzgesetz gewährleistet sein.»

Sollte die Migros fälschlicherweise einen Diebstahl feststellen, weil sie die Bilder nicht richtig analysierte und deshalb den zweiten Bezahlungsvorgang nicht erkannte, so müsse sie das berichtigen. «Die Betroffene kann dann die Berichtigung oder Vernichtung der falschen Daten verlangen», so Steiger.

Hinzu komme: Wer überwache, habe Informationspflichten. «Es ist zwar ersichtlich, dass die Migros Videoüberwachung einsetzt. Ob sie aber auch ausreichend über die Analyse und Verknüpfung der Daten informiert, ist unklar.» Er empfehle deshalb jedem Konsumenten, Einblick in die Daten zu nehmen, die ein Unternehmen über einen speichere. «Betroffene Personen haben ein Auskunftsrecht», so Steiger.

Die Migros äussert sich nicht zur Frage, ob sie Videoaufnahmen auswertet und die Kunden anhand ihrer Cumulus-Karte entsprechend markiert. Auch die Frage, warum Kunden nicht darüber informiert werden, lässt sie aus «sicherheitsrelevanten Gründen» unbeantwortet.

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