Wegen Fallpauschale: Hebammen warnen vor Betreuungs-Engpass
Aktualisiert

Wegen FallpauschaleHebammen warnen vor Betreuungs-Engpass

Mütter und Neugeborene werden immer früher aus dem Spital entlassen. Das freut die Hebammen - doch in einigen Regionen gibts jetzt schon zuwenige Hebammen. Mit Einführung der Fallpauschale wird sich die Situation verschärfen.

von
ast

Mütter und Neugeborene früher aus den Kliniken zu entlassen, sei in vielen Fällen möglich und sinnvoll, schreibt der Schweizerische Hebammenverband (SHV) zum Internationalen Tag der Hebammen am Mittwoch. Sie brauchten die Spital-Infrastruktur nicht und seien im Krankenhaus einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt als zu Hause.

Zwingend ambulant betreuen

Die Hebammen fordern aber, dass diese Frauen und ihre neu geborenen Kinder von einer Geburtshelferin ambulant betreut werden müssen. 2008 nahmen laut SHV rund 40 000 - etwa die Hälfte aller Mütter - nach der Geburt eine Wochenbett-Betreuung in Anspruch.

Die Nachfrage ist steigend, und schon heute können die Hebammen in einigen Regionen nicht alle Interessentinnen versorgen. Der SHV erwartet, dass die Nachfrage noch zunehmen wird, wenn ab 2012 die diagnose-bezogenen Fallpauschalen (DRG, Diagnosis Related Groups) eingeführt werden.

Krankenkasse zahlt Hebamme

Ohne Vorbereitung werde sich die Geburtshilfe in der Schweiz stark verschlechtern, befürchtet der Verband. Er will nun Kantone und Politik für das Problem sensibilisieren, wie Geschäftsführerin Doris Güttinger auf Anfrage sagte. Der Verband arbeite derzeit an Vorschlägen und hoffe auf Unterstützung der Instanzen.

Die Wochenbett-Betreuung wird von frei praktizierenden Hebammen angeboten und von der Krankenkasse bezahlt. Die Hebammen machen in den ersten zehn Tagen nach der Geburt des Kindes einen Hausbesuch bei der Familie und beantworten zusätzlich am Telefon Fragen, selbst abends und an Wochenenden.

Schlecht bezahlt

Beim Hausbesuch werden Mutter und Kind medizinisch untersucht und die Mutter im Stillen instruiert, wie Güttinger ausführte. Ausserdem hilft die Hebamme der Mutter, sich in der neuen Situation zurechtzufinden.

Laut Güttinger ist die Entschädigung für die Wochenbett-Betreuung schlecht: Die Hebammen haben einen Stundenansatz von rund 100 Franken. Ein einzelner Wochenbettbesuch ist mit rund 80 Franken vergütet und dauert in der Regel 45 Minuten. Die Wegzeit werde nicht vergütet. Beim Krankenkassen-Dachverband santésuisse gebe es keine Bereitschaft, daran etwas zu ändern.

20 Minuten Online befragte Doris Güttinger, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammen-Verbands (SHV).

Wie viele Hausbesuche kann eine Hebamme pro Tag tätigen?

Doris Güttinger: Die Zeit mit einem Neugeborenen ist eine sehr intensive und sensible Zeit. Babys sind nicht nur süss, sie bringen auch viele Fragen und Unsicherheiten mit sich. Die Hebamme kann dies auffangen und unterstützen. Das ist wichtig, um negative Folgen wie schlechter Heilungsverlauf der Geburtswunden, Depressionen oder Überforderung zu verhindern. Die Hebamme braucht dazu aber Zeit für die Familien: Ein Kind lernt nicht in einer Viertelstunde, wie es an der Brust trinkt. Bei Frühentlassungen, die immer mehr stattfinden, braucht es zudem eine enge medizinische Versorgung von Mutter und Kind. Dazu kommt noch die An- und Rückreise. Da bleibt im besten Fall Zeit für 6 Besuche pro Tag.

Das wären bei 6 Hausbesuchen à 80 Franken 480 Franken im Tag. Kein schlechter Lohn. Wie viel verdient eine Hebamme durchschnittlich?

480.- Franken sind leider nicht der Tagesverdienst. Mit den 80 Franken pro Fall bezahlt die Hebamme alles, was sie als selbständig Tätige braucht: ihre gesamte medizinische Infrastruktur, ihre Weiterbildungen, ihr Benzin, ihre Versicherungen etc. Schauen Sie sich einmal die letzte Rechnung ihres Handwerkers an, der Stundenansatz ist deutlich höher als 100.-. Der Hebammenmangel in Zürich und im Waadtland zeigt, dass der Lohn nicht zu hoch ist.

Wenn 100 Franken pro Stunde zu wenig sind, wieviel wäre genug?

Hebammen sind qualifizierte Fachkräfte und tragen eine grosse Verantwortung in anspruchsvollen Situationen. Wie in anderen selbständigen Berufen üblich, sollte der Stundenansatz sowohl die Fachlichkeit als auch die realen Kosten der Freiberuflichkeit spiegeln.

Und Santésuisse sperrt sich gegen eine Erhöhung?

Ja. Der Krankenkassenverband beruft sich auf einen Artikel im KVG, dass ab einer bestimmten Erhöhung der Gesundheitskosten keine Verhandlungen mit Tarifpartnern geführt werden müssen und blockiert so die Gespräche.

Sie sagen, dass sie zur Verbesserung der Situation an Vorschlägen arbeiten. Wie sehen diese aus?

Die Hebammen stärken ihre Organisation um in Netzwerken zusammenzuarbeiten und so die Kosten jeder einzelnen Hebammen zu reduzieren. Diese Eigeninitiative wird aber nicht ausreichen, um den steigenden Bedarf an Wochenbettbetreuung zu decken. Wir erwarten, dass Bund, Kantone und Krankenkassen mitziehen, um eine gute Versorgung der jungen Familien zu erhalten. Die Wochenbettbegleitung ist enorm wichtig, um spätere gesundheitliche Probleme zu verhindern.

Frau Güttinger, wir Danken für das Gespräch. (ast/sda)

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