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Afghanistan«Unbeschreibliche Schande» – Kritik an Bundeswehr nach Flug mit sieben Passagieren

In der Nacht auf Dienstag landete ein Flugzeug der deutschen Bundeswehr in Kabul. Nur eine halbe Stunde später flog es mit sieben Passagieren wieder ab. Das sorgt für Kritik und Unverständnis.

von
Reto Heimann
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Ein deutsches Militärflugzeug landete in der Nacht auf Dienstag in Kabul.

Ein deutsches Militärflugzeug landete in der Nacht auf Dienstag in Kabul.

Lino Mirgeler/dpa
Vierzig Minuten später hob das Flugzeug wieder ab. An Bord hatte es sieben Passagiere.

Vierzig Minuten später hob das Flugzeug wieder ab. An Bord hatte es sieben Passagiere.

Moritz Frankenberg/dpa
Zuvor war es stundenlang über Kabul gekreist.

Zuvor war es stundenlang über Kabul gekreist.

Hauke-Christian Dittrich/dpa

Darum gehts

  • Ein deutsches Militärflugzeug, das zur Rettung nach Afghanistan geschickt wurde, kreiste am Montagabend während Stunden über dem Flughafen von Kabul.

  • Nachdem es endlich landen konnte, hob es 40 Minuten später bereits wieder ab – mit sieben Passagieren an Bord.

  • Der Einsatz wird auf Social Media von links bis rechts scharf kritisiert.

Spät am Montagabend landete ein Flugzeug der deutschen Bundeswehr am Flughafen Kabul in Afghanistan. Es war für einen Rettungseinsatz deutscher Staatsangehöriger und Botschaftsmitarbeitenden dorthin geflogen. Nach nur 40 Minuten am Boden hob die Maschine aber bereits wieder ab. An Bord: Sieben Passagiere. Darüber berichten mehrere deutsche Medien übereinstimmend.

Das deutsche Verteidigungsministerium teilte über Twitter mit, dass das Flugzeug der Bundeswehr Kabul verlassen habe und nun in Richtung Taschkent in Usbekistan unterwegs sei. Von dort aus werden die Geretteten mit einer Chartermaschine zurück nach Deutschland gebracht.

Das Militärflugzeug des Typs A400M wäre eigentlich für den Transport von 116 Personen ausgerichtet. Auf der Liste der zu Rettenden stehen gemäss «Bild» 57 Botschaftsangehörige und 88 weitere deutsche Staatsangehörige. Warum also transportierte es nur sieben Personen?

Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte, dass die Zeit gefehlt habe, um mehr Personen retten zu können. «Wir hatten nur ganz wenig Zeit und deswegen haben wir nur die mitgenommen, die jetzt wirklich auch vor Ort waren. Und die konnten gestern wegen der chaotischen Situation noch nicht in einer grösseren Zahl am Flughafen sein», sagte Kramp-Karrenbauer gegenüber der ARD.

Flugzeug musste wegen zu wenig Sprit umdrehen

Die Situation am Flughafen Kabul sei sehr chaotisch, vor allem wegen der Menschenmengen am Boden, führte Kramp-Karrenbauer weiter aus. «Wir haben es gestern geschafft, in einer wirklich halsbrecherischen Landung unsere Maschine zu Boden zu bringen». Zuvor war das Flugzeug fast fünf Stunden über dem Flughafen gekreist – so lange, bis ihr beinahe der Sprit ausging. Ein anderes Militärflugzeug des gleichen Typs hatte davor seinen Landungsversuch abbrechen und nach Taschkent in Usbekistan zum Nachtanken umdrehen müssen.

Nun soll bald eine weitere Militärmaschine in Richtung Kabul aufbrechen, um mehr Personen in Sicherheit zu bringen, heisst es aus Regierungskreisen. Der Auftrag der Bundeswehr laute, «solange es irgendwie geht, so viele wie möglich rauszuholen», so Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer.

Der Einsatz der Bundeswehr und die Tatsache, dass das Flugzeug mit sieben Personen an Bord zurückkehrte, sorgt für heftige Kritik. Der deutsche Starpianist Igor Levit, der sich immer mal wieder dezidiert politisch äussert, schreibt auf Twitter von einer «unbeschreiblichen Schande».

Die grüne Bundestagsabgeordnete Canan Bayram teilte ein Bild des Innenraums einer A400M-Maschine und schrieb dazu: «In dieses Flugzeug passen mehr als sieben Menschen aus Afghanistan».

Bern Riexinger, von 2012 bis 2021 Vorsitzender der Linkspartei in Deutschland, bezeichnet den Einsatz als Desaster und fordert den Rücktritt des deutschen Aussenministers Heiko Maas.

Auch am anderen Ende des politischen Spektrums ist man unzufrieden über die Rettungsaktion. Benedikt Brechtken, der der deutschen FDP nahesteht, zeigt sich bestürzt darüber, wie wenige Menschen gerettet werden konnten.

Andere Nutzer stören sich vor allem daran, dass Flugzeuge anderer Nationen hunderte von Personen aus Kabul retten, während das deutsche Flugzeug fast leer wieder umdrehte.

Eine C-17 Globemaster III der US-Luftwaffe hat am späten Sonntag rund 640 Afghanen sicher aus Kabul evakuiert, wie ein Foto des US-Verteidigungsministeriums zeigt. Das Flugzeug wäre eigentlich für 134 Personen ausgerichtet gewesen. «Holy Cow», entfuhr es einem Besatzungsmitglied, als es hörte, wie viele Personen sich an Bord befinden.

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