Süchtige selber schuld?: Heftige Kritik an Patientenschützerin

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Süchtige selber schuld?Heftige Kritik an Patientenschützerin

Nach einer umstrittenen Aussage zu Drogensüchtigen kritisieren Gesundheitsorganisationen Margrit Kessler scharf: Sie stelle das Solidaritätsprinzip in Frage. Diese wehrt sich.

von
jbu
Margrit Kessler ist sich bewusst, dass ihre Aussagen gewagt waren.

Margrit Kessler ist sich bewusst, dass ihre Aussagen gewagt waren.

Das Interview mit Margrit Kessler hat eingeschlagen wie eine Bombe: Die Patientenschützerin und GLP-Nationalrätin schlug im Gespräch mit 20 Minuten vor, dass das teure Hepatitis-C-Medikament Sovaldi nur Menschen bezahlt werden soll, die ihre Krankheit nicht selbst verschuldet haben - etwa durch Heroinkonsum. «Das BAG und die Politik müssen sich fragen, ob sie die vielen Milliarden in die Therapie von ehemaligen und immer noch Drogensüchtigen investieren wollen.»

Mit dieser Aussage hat sie zahlreiche Fachleute aus dem Sucht- und Gesundheitsbereich gegen sich aufgebracht. In einem offenen Brief wenden sich unter anderem hochrangige Vertreter der Aidshilfe, der Zentren für Suchtmedizin und der eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit an Kessler. «Sucht ist eine Krankheit. Süchtige sind also Patienten und sollten dementsprechend behandelt und auch von Ihnen geschützt werden», heisst es im Schreiben.

Auch Vertreter von Organisationen wie der Diabetes-Gesellschaft und der Adipositas-Stiftung haben den Brief unterzeichnet. Sie verstehen Kesslers Aussage als grundsätzlichen Angriff auf das Solidaritätsprinzip im Gesundheitswesen. «Was ist dann mit dem krebskranken Raucher? Wird er behandelt oder nicht? Was mit dem Übergewichtigen, der an Diabetes erkrankt?», fragen sie. «Wir erwarten etwas anderes von einer bekannten Schweizer Patientenschützerin, als mit dem Finger auf die Schwächsten zu zeigen und ihnen die Solidarität aufzukündigen.»

Kessler fordert Debatte

Margrit Kessler sagt zu 20 Minuten, sie sei sich bewusst, dass sie sich mit dem Interview weit aus dem Fenster gelehnt habe. «Wenn ich damit Betroffene verletzt habe, möchte ich mich dafür entschuldigen.» Ihr sei es in der Aussage jedoch weder um krebskranke Raucher noch um übergewichtige Diabetiker gegangen, sondern um eine Debatte über die Rationierung von Medikamenten.

Das Problem: Damit die Gesundheitskosten nicht weitersteigen, entscheidet das Bundesamt für Gesundheit (BAG), wer besonders teure Medikamente erhält und wer nicht. Auf das fragliche Hepatitis-C-Medikaments Sovaldi haben heute nur Patienten Anspruch, die bereits einen schweren Leberschaden haben.

«Mich stört, dass diese Entscheidung beim BAG Juristen treffen - und keine Ärzte», wiederholt Kessler ihren Vorwurf aus dem Interview. «Aus meiner Sicht müssen die Kriterien für die Vergütung nach medizinischen Kriterien von Ärzten gestellt werden.» Die Frage nach dem eigenen Verschulden wird im Parlament diskutiert und sollte erlaubt sein, so Kessler: «Schliesslich diskutiert die Politik derzeit auch darüber, ob Komatrinker ihren Spitalaufenthalt selbst bezahlen sollen.»

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