Regen, Hagel, Blitze: Heftiges Gewitter zieht über die Schweiz
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Regen, Hagel, BlitzeHeftiges Gewitter zieht über die Schweiz

Hagel und Gewitter sorgen für zum Teil chaotische Szenen in der Schweiz. Zeugen berichten von Ping-Pong-Ball-grossen Körnern und Weltuntergangsstimmung.

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hit/lüs/sda

Gewaltiges Donnergrollen kündigte an, was kurze Zeit später in schlammigen Sturzbächen auf Autostrassen und von Hagelkörnern übersäten Vorgärten endete. Quer durch die Schweiz, von Genf, bis Bern, Zürich und Schaffhausen wüteten schwere Gewitter. Es hagelte und schüttete wie aus Kübeln.

Starke Regenfälle überschwemmten Strassen in vielen Westschweizer Orten. Die Innerschweiz wurde vor allem von heftigen Hagelschlägen überrascht. Diese dauerten zeitweise bis 20 Minuten an und bedeckten Strassen und Gärten teilweise mit Ping-Pong-Ball-grossen Hagelkörnern.

Starke Gewitter wegen «instabiler Luft»

Der Meteorologe Ludwig Zraggen von Meteo Schweiz erklärt, wie es zu solch starken Niederschlägen mit derart grossen Hagelkörnern kommen kann. Grund für die gegenwärtige Wetterlage seien im Prinzip zwei Phänomene: Einerseits befindet sich in Bodennähe «gealterte Luft», die sehr feucht ist und sich durch die Sonneneinstrahlung besonders über dem Jura und den Voralpen tagsüber aufheizt. Durch das Aufheizen werde die Atmosphäre «instabil»: die bodennahe Luft beginne aufzusteigen. «Beim Aufsteigen kühlt sich die Luft ab, damit kommt es zur Wolken- und Niederschlagsbildung», erklärt Zgraggen.

Da das Aufsteigen infolge der «instabilen Luft» sehr rasch erfolge, komme es zu heftigen, gewittrigen Niederschlägen. Die starken Aufwinde sind es auch, welche die Eiskörner eine gewisse Zeit in der Atmosphäre halten, bevor sie zu Boden fallen. Je stärker der Aufwind ist, desto grösser kann auch ein Hagelkorn werden.

«Weltuntergangsstimmung» und «Weisse Wand»

Zahlreiche Leser-Reporter berichten, wie sie die starken Unwetter hautnah miterlebten. «Gegen 16 Uhr wurde es plötzlich gespenstig ruhig. Dann fing es an zu regnen und hagelte schliesslich 15 Minuten durch», sagt ein Leser-Reporter aus Thun. Die Strassen seien wie leer gefegt gewesen. «Niemand hat sich noch vor die Haustür getraut».

Ein Leser-Reporter aus Seftingen in der Nähe von Thun, erinnerten die zehn Minuten Hagel an «Weltuntergangsstimmung». Einzigartig sei die Abfolge der verschiedenen Niederschlagsarten gewesen: «Erst hagelte es kleine Körner, dann wuchsen sie 2-Zentimeter-Kugeln an. Schliesslich folgte ein dichter Regen von Minikörnern.»

Im benachbarten Steffisburg musste der Landschaftsgärtner und Leser-Reporter Sam Veyre am späten Nachmittag mit seinen Arbeitskollegen regelrecht ins Auto flüchten. «Ein paar Donner kündigten die ‹weisse Wand› an, die danach extrem schnell anrollte», sagt er. «Fünfliber-grosse Hagelkörner trommelten während 20 Minuten auf unser Auto ein, das nun sichtlich zerbeult ist», sagt er.

Das Gewitter zog weiter

Das Unwetter würde auch noch das Mittelland erreichen, so Zgraggen, denn «in grösserer Höhe gibt es eine Südwestströmung. Die in den Voralpen gebildeten Gewitterzellen laufen infolgedessen ins Flachland hinaus», erklärt er. Dort werde es aber voraussichtlich nicht mehr derart stark wüten. «Da in der Nacht die bodennahe Luftschicht wieder abkühlt, geht auch die Gewitteraktivität wieder zu Ende», so Zgraggen.

Zumindest Hagel gab es in der Region Zürich am Abend kaum mehr - dafür umso heftigere Regenfälle. In Zürich, Winterthur und Schaffhausen schüttete am Abend bis etwa 22 Uhr fast ohne Unterbruch. In der Erkerstadt gar derart heftig, dass Autostrassen überschwemmt wurden und die Behörden den Notstand ausriefen. Innerhalb einer Stunde wurden dort gemäss MeteoNews rund 50 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen. Zum Vergleich: im gesamten Mai fallen dort normalerweise knapp 90 Liter Regen pro Quadratmeter.

Zahlreiche Lese-Reporter-Videos zeigen die prekären Umstände, unter denen sich Autofahrer in der Region Schaffhausen mühsam durch die Fluten kämpfen.

Umgekippte Heizöl-Tanks in Zürich

So auch in der Stadt Zürich. Dort war die Feuerwehr im Grosseinsatz. «Unsere Einsatzzentrale wurde auf das Maximum hochgefahren, wir haben sämtliches Personal aufgeboten, das wir mobilisieren konnten», sagt Tabea Rüdin, Sprecherin von Schutz & Rettung Zürich. In der Zentrale, die neben dem Kanton Zürich auch Schaffhausen und Schwyz abdeckt, seien mehrere hundert überlaufene Keller gemeldet worden. Allein aus dem Kanton Zürich seien

bis am Freitagmorgen um 6 Uhr 1390 Feuerwehr-Notrufe eingegangen. Die Feuerwehren hätten in der Nacht auf Freitag bereits 546 Einsätze geleistet. 235 Einsätze davon erfolgten in der Stadt Zürich. Dort In der Stadt Zürich sind aufgrund der Wassermassen zudem Heizöltanks umgekippt. Wegen dem ausgelaufenen Öl wurde in der Limmat eine Ölsperre errichtet und das AWEL (Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft) aufgeboten.

Überschwemmte Unterführungen im Zürcher Oberland

Auch über dem Zürcher Oberland entlud sich das Gewitter in aller Heftigkeit. Am S-Bahnhof in Wetzikon im Zürcher Oberland musste die Feuerwehr mit "vier Löschfahrzeugen" ausrücken, um die Wassermengen der gefluteten Unterführung zu kontrollieren, wie ein Leser-Reporter berichtet. Und auch in Zürcher Bauma bahnen sich auf einem Leser-Reporter-Video reissende schlammbraune Bäche ihren Weg durch das Dorf. Ein Bild aus Esslingen/ZH zeigt, dass ein überschwemmter Kreisel für Autofahrer kaum mehr passierbar geworden ist.

Rund fünf Millionen an Gebäudeschäden im Kanton Zürich

Die dadurch im Kanton Zürich entstandenen Schäden sind derzeit schwer zu beziffern. Laut Christian Caduff, dem Sprecher der Kantonalen Gebäudeversicherung (GVZ),sind bei der GVZ derzeit 300 Meldungen wegen Gebäudeschäden eingegangen. «Wir rechnen allerdings mit insgesamt rund eintausend Meldungen und kumulierten Schäden von rund fünf Millionen Franken», sagt Caduff.

Die nächsten Tage wird es nass, kalt und gewittrig bleiben. Schon am Freitag sind gemäss MeteoNews wieder ähnlich starke Niederschläge möglich.

Videos: Lese-Reporter

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