Seltsame Kampagne: Heidi, Mao und die Buchpreisbinder

Aktualisiert

Seltsame KampagneHeidi, Mao und die Buchpreisbinder

Der Verband der Buchhändler und Verleger wirbt mit der Bildsprache des sozialistischen Realismus für die Buchpreisbindung. Unsere Recherche zeigt: Es hätte noch schlimmer kommen können.

von
Kian Ramezani

Plakatdebatten gehören in der Schweiz zur politischen Kultur. War es bislang eher die Rechte, die mit schwarzen Schafen und Minaretten polarisierte, sorgen diesmal linke Kreise für einen Farbtupfer, allerdings in einer Frage, welche die Emotionen nicht gerade hochkochen lässt: Soll die 2007 abgeschaffte Buchpreisbindung wieder eingeführt werden? In einem Monat werden die Schweizer an der Urne darüber befinden.

Im Abstimmungskampf an vorderster Front dabei ist der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV), der die Buchpreisbindung befürwortet. Auf seinem Abstimmungsplakat hält ein Mädchen ein Buch in die Luft – es ist grandios vor einer urbanen Skyline und einem Bergpanorama in Szene gesetzt. Beim Fräulein handelt es sich um Heidi, was manchem erst klar werden dürfte, wenn er am unteren Rand zwei winzige Figuren als Geiss und Geissenpeter identifiziert hat.

Der einzigen Schweizer Romanfigur mit Weltruhm legt der SBVV «Buchvielfalt statt Discounter-Einheitsbrei» sowie «Ja zum Buch mit Buchpreisbindung» in den Mund. Auf die Wahl des Sujets angesprochen, erklärt Marianne Sax, Präsidentin des SBVV: «Heidi ist eines der meistverkauften Schweizer Bücher weltweit.» Dass der berühmte Roman von Johanna Spyri damit nicht zu den gefährdeten Werken im Sinn der kulturellen Vielfalt gehört, welche von der Buchpreisbindung profitieren sollen, sieht sie nicht als Widerspruch: «Heidi garantiert einen maximalen Wiedererkennungswert und ist die perfekte Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.»

Heidi mit Strahlenkranz um den Kopf

Etwas gar stark in der Vergangenheit verankert mutet allerdings die Bildsprache des Plakats an. Vor allem wer Heidi nicht sofort erkennt, könnte zunächst an eine glühende Anhängerin Mao Zedongs mit seinem «Kleinen Roten Buch» denken. Wirbt der SBVV mit sozialistischem Realismus für die Buchpreisbindung? Die Präsidentin zieht es vor, in diesem Zusammenhang von der «Ästhetik der 1940er- und 50er-Jahre» zu sprechen. Tatsächlich habe man negative Reaktionen aus Deutschland erhalten, wo sich einzelne an die DDR erinnert fühlten. Diesem Urteil schliesst sich auch Lucio Maron an, der im März für die FDP in den St. Galler Kantonsrat einziehen will. «Mit Sowjetheidi gegen den freien Markt», höhnt er auf seinem Blog. Der SBVV hält fest, dass die Stilrichtung hierzulande historisch nicht belastet und somit «unproblematisch» sei.

Allerdings hat auch die kulturelle Toleranz der Schweizer Grenzen: In einem früheren Entwurf des Plakats trug das SBVV-Heidi einen Strahlenkranz um den Kopf. Die Verantwortlichen kamen zum Schluss, dass dies zu nordkoreanisch anmutete, und verwarfen die Idee. Eine seltsame Bildsprache, deren sich dieser Verband bedient.

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