Sicherheitshaft: «Heiler von Bern» kassiert über 12 Jahre Gefängnis
Aktualisiert

Sicherheitshaft«Heiler von Bern» kassiert über 12 Jahre Gefängnis

Für das Gericht ist klar: Er hat 16 Menschen vorsätzlich mit HIV infiziert. Deshalb kassiert der «Heiler» 12 Jahre und 9 Monate Gefängnis. Er muss in Sicherheitshaft - und es wird teuer für ihn.

von
ann/jam

Der selbsternannte «Heiler von Bern» ist zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren und 9 Monaten verurteilt worden. Nach Überzeugung des Regionalgerichts Bern-Mittelland hat er 16 Menschen vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert. Aufgrund der schweren Indizienlast ist er der schweren Körperverletzung und der Verbreitung menschlicher Krankheiten schuldig gesprochen worden, wie Gerichtspräsident Urs Herren am Freitag deutlichmachte. «Der Angeklagte und niemand anders ist für die Infizierung der 16 Menschen verantwortlich», sagte Herren. Die phylogenetische Analyse und die Aussagen aller Beteiligten seien wie einzelne Puzzleteile, die sich zu einem schlüssigen Bild zusammenfügten.

Damit folgt das Gericht mehrheitlich dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte für den 54-jährigen Angeklagten 15 Jahre Gefängnis gefordert. Der Mann hat stets seine Unschuld beteuert. Der Verteidiger blieb mit seinem Antrag auf Freispruch nahezu chancenlos. Diesen hatte er am Montag damit begründet, dass zu viele Zweifel an der Schuld des selbsternannten Heilers bestünden. Der Heiler verfolgte die Urteilsverkündung ohne grosse Regung. Er wirkte vor Gericht jedoch mitgenommen, den Kopf gesenkt; er blickte über seine Halbbrille die Richter an, schaute dann immer wieder auf den Boden. Sein krauses Haar war verwuschelt, die Augen waren eingefallen.

Auf den «Heiler» kommen grosse Kosten zu

Das Gericht zeigte sich überzeugt, dass der Mann zwischen 2001 und 2005 16 Menschen mit Aids infiziert hat. Das Gericht entschied aufgrund der vorliegenden Beweise, die insgesamt das Bild einer «selten klaren Beweislage» ergäben. Die Aussagen der Geschädigten, die verschiedenen Gutachten, die Polizeiberichte und die Berichte aus dem Inselspital haben das Gericht überzeugt. Eines der Gutachten zeigt, dass alle Opfer mit demselben verseuchten Blut angesteckt worden waren. Der Richter zweifelte keinen Moment an der Aussagekraft dieses Gutachtens.

Den 13 Privatklägern unter den Opfern muss der «Heiler» eine Genugtuung von je 100'000 Franken zahlen. Alle 16 Infizierten können zudem auf zivilem Weg noch Schadenersatz geltend machen. Die Verfahrenskosten von 478'000 Franken muss ebenfalls der Verurteilte tragen.

Aussagen der Opfer waren glaubhaft

Dabei ging es auch um die Glaubwürdigkeit der Aussagen. Jene der Opfer stufte das Gericht praktisch durchgehend als glaubwürdig ein - sie seien sehr individuell und detailliert. Ausserdem bilden die Opfer eine sehr heterogene Gruppe von jungen und älteren Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Es gebe nichts, was alle miteinander verbinde, ausser dass sie alle HIV-positiv seien und den Heiler gekannt hätten, so der Richter. Angesichts der Vielzahl der übereinstimmenden Aussagen sei es unwahrscheinlich, dass Absprachen getroffen worden seien. Eine solche Verschwörung wäre nach Überzeugung des Gerichts aufgeflogen.

Die Opfer, die im Rahmen einer angeblichen «Behandlung» gestochen worden seien, hätten eine exakte Schilderung der Vorgänge liefern können. Diejenigen Leute, die aus dem Nichts von hinten gestochen worden seien, hätten das «Stichereignis» ebenfalls genau beschrieben. Einzig die Opfer, die offenbar einen K.o.-Drink erhalten hätten, seien naturgemäss nicht zu näheren Beschreibungen imstand gewesen. Die allermeisten Aussagen der Opfer seien im Verlauf der Ermittlungen «konstant» geblieben.

Handelte der «Heiler» vorsätzlich? Das Gericht sagt Ja

Für das Gericht stellte sich des Weiteren die Frage, ob der Täter vorsätzlich gehandelt hat. Dazu hielt Gerichtspräsident Herren fest, dass der «Heiler» zwischen 1999 und 2001 über die Aidshilfe in Zürich aktiv Kontakt zu HIV-Positiven gesucht habe. Er habe ihnen erzählt, er habe die Absicht, ein Buch zu schreiben. Beim Treffen interessierte er sich aber vor allem dafür, ihnen Blut abzunehmen. Seinem Schüler nahm er dann im Wissen, dass er positiv ist, Blut ab und infizierte seine Patienten und Schüler damit.

Der Heiler wiederum bestritt alle Vorwürfe. Mehr noch: Er ging sogar zum Gegenangriff über und behauptete, die Opfer hätten an Drogenpartys teilgenommen und ungeschützten Sexualverkehr gehabt. Dafür gab es aber aus medizinischer Sicht keinen Hinweis. Diese Behauptungen hätten sich gar als «absurd» erwiesen, stellte Herren fest.

Der «Heiler von Bern» sei nach dem Urteil «sehr niedergeschlagen», sagte sein Verteidiger Ernst Reber am Freitag vor dem Berner Amthaus. Der Mann hatte stets seine Unschuld beteuert. Ob er das Urteil weiterziehen werde, sei noch nicht entschieden, sagte Reber. Er werde nun Berufung anmelden und die schriftliche Urteilsbegründung abwarten; der definitive Entscheid werde erst danach gefällt.

Zufrieden zeigte sich erwartungsgemäss Staatsanwalt Hermann Fleischhackl: Das Gericht sei zu denselben Schlüssen gekommen wie er, stellte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA fest. Aber auch er behält sich vor, die schriftliche Urteilsbegründung abzuwarten und erst danach über einen allfälligen Weiterzug zu entscheiden.

Obwohl es sich um ein erstinstanzliches Urteil handelt, bleibt der Verurteilte einstweilen hinter Gittern: Das Gericht verfügte Sicherheitshaft. (ann/jam/sda)

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