Aktualisiert 02.04.2020 13:17

Maracanã und Co.

Heilige Fussball-Tempel werden zu Not-Spitälern

Auch in Brasilien ist an Fussball nicht mehr zu denken – die Stadien werden zu Corona-Lazaretten. Neuerdings unterstützt dies sogar Präsident Bolsonaro.

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Lazarett statt Fussball: In Sao Paulo wird die Rasenfläche des Pacaembu Stadion neu genutzt.

Lazarett statt Fussball: In Sao Paulo wird die Rasenfläche des Pacaembu Stadion neu genutzt.

Getty Images/Miguel Schincariol
Die Aufbauarbeiten dauerten nur rund 10 Tage.

Die Aufbauarbeiten dauerten nur rund 10 Tage.

Getty Images/Miguel Schincariol
Am 23. März stand erst das Gerüst.

Am 23. März stand erst das Gerüst.

Getty Images/Miguel Schincariol

Das Umdenken des höchsten Mannes im Lande kommt am Dienstagabend Ortszeit. Jair Bolsonaro, Präsident Brasiliens, sagt in einer Fernsehansprache: «Das Virus ist eine Realität. Wir stehen vor einer der grössten Herausforderungen unserer Generation.» Eine Woche zuvor hatte der 65-Jährige das Coronavirus noch als eine leichte Grippe («gripezinha») betitelt.

Regionalpolitiker die in der Seuchenbekämpfung das Sagen haben, reagierten aber einiges früher und entschlossener als ihr Präsident und bezogen auch Fussballclubs in ihre Überlegungen mit ein. Und weil an Fussball gar nicht zu denken ist, wurden erste Stadien bereits umfunktioniert – zu Notlazaretten für die Corona-Patienten.

Auf «Pelés» Rasen liegen Kranke

Vorzeigebeispiel ist das Estádio do Pacaembu in São Paulo. Am Ort, wo Ikone Pelé einst hunderte Tore für den FC Santos erzielte, steht bereits ein Dorf aus Zelten. Wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, dauerten die Aufbauarbeiten für die 202 Betten nur gerade 10 Tage. Am Dienstag sei das Not-Spital in Betrieb genommen worden. Weniger gravierende Fälle würden hier in Quarantäne gebracht und gepflegt.

Bald sollen andere grosse Stadien im ganzen Land ähnlich aussehen. Millionenmetropolen wie Rio de Janeiro oder die Hauptstadt Brasilia sind von der Pandemie besonders betroffen. Wie der «Tages-Anzeiger» schreibt, haben in den Favelas von Rio Banden die Kontrolle übernommen und eigenhändig Ausgangssperren ab 20 Uhr verhängt.

Rio reagiert – aber langsamer

An anderen Orten der Stadt hat immerhin noch die Politik das Sagen. Sie will eines der ganz grossen Fussball-Heiligtümer weltweit ebenfalls bald zum Lazarett umfunktionieren: Auf dem Gelände des Maracanã, Schauplatz der WM-Endspiele 1950 und 2014, werden erste Zelten aufgebaut. Ganz so zügig voran wie in São Paulo geht es hier aber offensichtlich nicht.

Und auch in der Hauptstadt Brasilia, dort also wo Bolsonaro regiert, soll das Estádio Nacional Mané Garrincha bald Kranke aufnehmen können. Normalerweise bietet die für die WM 2014 gebaute Schüssel Platz für 70'000 Zuschauer, voll war das Stadion seit einem Viertelfinalspiel während den Olympischen Spielen 2016 aber kaum mehr. Das 450 Millionen Euro teure Konstrukt bringt der Bevölkerung in der Krise nun immerhin wieder einen Nutzen.

Ob die Notspitäler die Katastrophe verhindern können, muss aber bezweifelt werden. Eine Studie des Imperial College in London rechnete vor Bolsonaros Kursänderung mit bis zu 1,1 Millionen Toten wegen des Coronavirus allein in Brasilien. Ob da die 202 Betten in «Pelés» Stadion von São Paulo helfen?

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