Umstrittene Konversionstherapien – «Heilung» von LGBTIQ-Menschen soll in der Schweiz verboten werden
Publiziert

Umstrittene Konversionstherapien «Heilung» von LGBTIQ-Menschen soll in der Schweiz verboten werden

In der Schweiz gibt es verschiedene Gruppierungen, die mit umstrittenen Methoden der Psychotherapie zum Ziel haben, die homosexuelle Veranlagung eines Menschen in eine heterosexuelle Neigung zu verändern.

1 / 3
Sogenannte Konversiontherapien haben zum Ziel, homosexuelle Menschen «umzupolen». 

Sogenannte Konversiontherapien haben zum Ziel, homosexuelle Menschen «umzupolen».

20min/Simon Glauser
SP-Nationalrat Angelo Barrile fordert ein schweizweites Verbot von Konversionsmassnahmen. Das Vorstandsmitglied von Pink Cross hat eine parlamentarische Initiative eingereicht.
SP-Nationalrat Angelo Barrile fordert ein schweizweites Verbot von Konversionsmassnahmen. Das Vorstandsmitglied von Pink Cross hat eine parlamentarische Initiative eingereicht.Facebook
Auch SP-Nationalrätin Sarah Wyss hat eine entsprechende parlamentarische Initiative eingereicht, die ein Verbot von Konversionsmassnahmen fordert.
Auch SP-Nationalrätin Sarah Wyss hat eine entsprechende parlamentarische Initiative eingereicht, die ein Verbot von Konversionsmassnahmen fordert.sarahwyss.ch

Darum gehts

  • Konversionstherapien sind in der Schweiz nicht strafbar.

  • In Deutschland und Österreich wurden Konversionsmassnahmen bereits verboten.

  • Eine Nationalrätin und ein Nationalrat haben nun zwei parlamentarische Initiativen eingereicht.

In der Schweiz sind weiterhin Gruppierungen tätig, die vorgeben, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von Menschen verändern zu können. Solche als Konversionstherapien bekannt gewordenen Massnahmen seien nicht nur unwirksam, sondern auch höchst schädlich, heisst es in einer Medienmitteilung von Pink Cross, der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und Transgender Network Switzerland (TGNS) vom Montag.

«Wir sind nicht als ‹Homo-Heiler› einzuordnen»

In Österreich und Deutschland wurden in den letzten Jahren Massnahmen verboten, die das Ziel haben, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von LGBT-Menschen zu verändern oder zu unterdrücken. In der Schweiz hat der Gesetzgeber bisher kein solches Verbot erlassen. Aufgrund der verschärften Gesetzeslage in Deutschland hat sich unter anderem die Gruppierung «Bruderschaft des Weges» in die Schweiz abgesetzt.

Sie hat hierzulande im Mai 2020 einen Verein gegründet. Gegen die Vorwürfe, Konversionstherapien durchzuführen, wehrt sich die Gruppierung. Markus Hoffmann von der «Bruderschaft des Weges» betonte damals, man biete überhaupt keine Beratung und Therapie an. «Wir müssen niemanden missionieren und sind nicht als ‹Homo-Heiler› einzuordnen.»

Zwei parlamentarische Initiativen eingereicht

SP-Nationalrätin Sarah Wyss und SP-Nationalrat Angelo Barrile, Vorstandsmitglied von Pink Cross, haben nun jeweils eine parlamentarische Initiative für ein Verbot von Konversionshandlungen eingereicht. Wyss sagt: «Bei Betroffenen führen solche Konversionsmassnahmen zu grossem Leiden, psychischen Schäden bis hin zur Suizidalität. Wir dürfen das in der Schweiz nicht zulassen. Deshalb fordern wir ein strafrechtliches Verbot und ein Arbeitsverbot für Anbieter und Anbieterinnen solcher unnützen und schädlichen ‹Therapien›». Barrile ergänzt: «Speziell Minderjährige und junge Erwachsene sind davon betroffen. Sie werden meist von ihrer Familie und ihrem Umfeld zu solchen Konversionsmassnahmen gedrängt. Zu ihrem Schutz ist ein explizites Verbot dringend notwendig, da es abschreckend-präventiv wirkt und weiteren Schaden verhindert.»

Die parlamentarischen Initiativen fordern, dass das Anbieten, Vermitteln und Bewerben von Konversionsmassnahmen verboten werden. Hilfreiche und sinnvolle Unterstützungsangebote, genauso wie Therapien von strafrechtlich relevanten Sexualpräferenzen und Verhalten, sollen jedoch nicht vom Verbot betroffen sein, wie Alecs Recher, Leitung Rechtsberatung von TGNS, erläutert: «Professionelle und ergebnisoffene Begleitungen von Personen, die mit ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität hadern, bleiben weiterhin möglich. Auch medizinisch indizierte Massnahmen zur Geschlechtsangleichung sind für viele trans Personen sehr wichtig und sollen selbstverständlich nicht verboten werden.»

So läuft die «Therapie» ab

Wie eine Konversionstherapie ablaufen kann, beschrieb die «SonntagsZeitung» anhand zweier Fälle. Oft besteht die «Therapie» aus Gesprächen. Bei Wüstenstrom Schweiz kostet eine Beratung über 1¼ Stunden 135 Franken und versucht, «unbewusste Gefühle und Bedürfnisse» zu ergründen. Ein Mann berichtete in der «SonntagsZeitung», bei einem anderen Anbieter seien auch typisch männliche Aktivitäten Teil des Programms gewesen. «Mit Mentoren spielte ich Fussball und balgte.» Ihm sei auch eine «Umarmungstherapie» verschrieben worden. Beim Umarmen von Männern sollte er männliche Nähe auf eine kollegiale, nicht sexuelle Art kennenlernen. In Deutschland und den USA kursieren auch Berichte über Elektroschocktherapien für Homosexuelle, wie sie bis in die 1960er-Jahre verbreitet waren.

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

(job)

Deine Meinung