14.09.2020 14:37

Vorwürfe gegen Jugendheim«Heime sind heute vor grössere Herausforderungen gestellt»

Ein 18-Jähriger erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendheim Brüttisellen. Ein Experte erklärt, wo die Probleme und Schwierigkeiten in solchen Heimen liegen.

von
Monira Djurdjevic
1 / 10
Der 18-jährige J.D. war rund sechs Monate im Jugendheim Brüttisellen untergebracht. 

Der 18-jährige J.D. war rund sechs Monate im Jugendheim Brüttisellen untergebracht.

Nun erhebt schwere Vorwürfe gegen das Heim.

Nun erhebt schwere Vorwürfe gegen das Heim.

Dazu sagt er: «Was hier abläuft, ist eine Katastrophe. Die Jugendlichen benehmen sich daneben. Sie trinken, rauchen und konsumieren Drogen.» (Symbolbild)

Dazu sagt er: «Was hier abläuft, ist eine Katastrophe. Die Jugendlichen benehmen sich daneben. Sie trinken, rauchen und konsumieren Drogen.» (Symbolbild)

KEYSTONE

Darum gehts

  • Der 18-jähriger J.D. erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendheim Brüttisellen im Kanton Zürich.
  • Wie er sagt, würden im Heim chaotische Zustände, Drogenkonsum und fehlende Kontrollen zum Alltag gehören.
  • Dirk Baier, Leiter des Instituts Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), erklärt, mit welchen Problemen die Heime heutzutage zu kämpfen haben.

Herr Baier, wie sehen Sie die Situation in den Jugendheimen im Kanton Zürich? Funktioniert das System?

Die Jugendheime haben eine lange Tradition. Es wäre sicherlich überzogen, sie aufgrund einzelner Vorfälle in Frage zu stellen. Das System funktioniert aus meiner Sicht. Ich kann mir aber ebenfalls vorstellen, dass die Arbeitsbedingungen in den Jugendheimen in den letzten Jahren nicht einfacher geworden sind. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass Jugendliche zunehmend multiple Problemlagen aufweisen, also beispielsweise bereits sehr früh im Leben auffällig waren, psychisch labil sind, aggressiv und respektlos auftreten. Andererseits und mit dieser anspruchsvollen Klientel einhergehend, kann ich mir vorstellen, dass es eine Personalfluktuation in den Heimen gibt. Die Mitarbeitenden bleiben nicht lange in den Heimen, Stellen sind dann teilweise nicht besetzt, was die Betreuung und Kontrolle der Jugendlichen erschwert.

Woran liegt das?

Das Hauptproblem ist, wie bei allen Institutionen, die Menschen mit Belastungen, Auffälligkeiten zusammenführen, dass die Konzentration dieser Personen pädagogische Interventionen alles andere als einfach macht und die jungen Menschen sich in diesen Institutionen gegenseitig noch negativ verstärken. Wenn, wie das vermutet werden kann, die Probleme, die diese jungen Menschen haben, zunehmend komplexer werden, sind Jugendheime heute vor noch grössere Herausforderungen gestellt als früher. Und die Gesellschaft ist gegenüber den jungen Menschen ja nicht gerade toleranter geworden. Das heisst, dass deren Aussichten auf ein «normales Leben» nach dem Aufenthalt in einer solchen Institution nicht unbedingt besser werden.

Wo sehen Sie Verbesserungspotential?

Ich als Aussenstehender kann nicht darüber urteilen, wie die Heime intern ihre Arbeitsabläufe oder Interventionen verbessern könnten. Mir erscheint hier etwas anderes wichtig: Die Fachhochschulen, die die Sozialarbeitenden ausbilden, die in diesen Institutionen tätig sind, müssen die Studierenden besser auf diese Tätigkeit vorbereiten beziehungsweise hier tätige Personen mit passenden Weiterbildungsangeboten unterstützen. Dies fehlt sicherlich noch ein Stück weit. Dass Jugendheime wichtig sind und für die jungen Menschen eine Chance darstellen, in dieser «Auszeit» ihr Leben neu zu ordnen, steht für mich ausser Frage. Die Jugendheime erfüllen insofern eine wichtige Funktion.

Das Jugendstrafgesetz kennt zwei Sanktionsformen: Schutzmassnahmen und Strafen. Was halten Sie davon?

Die Zweiteilung hat sich bewährt. Letztlich handelt es sich auch um mehr als eine Zweiteilung, weil innerhalb der Schutzmassnahmen und der Strafen jeweils weitere Sanktionen möglich sind. Es gibt damit eine Bandbreite an möglichen Reaktionen auf jugendliches Fehlverhalten; und dies ist dem Jugendalter völlig angemessen, weil manche Jugendliche eher die eine Sanktion, andere Jugendliche hingegen eine andere Sanktion benötigen – je nach Problemlagen und Bedürfnissen. Schwierigkeiten entstehen dann, wenn Sanktionen nicht wirken.

Für viele Jugendliche ist ein einmaliger Kontakt mit den Strafverfolgungsbehörden ausreichend, dass sie wieder auf den richtigen Weg finden. Schwieriger ist es, wenn Jugendliche wiederholt und mit zunehmender Schwere auffällig werden. Diese Jugendlichen sprechen allerdings nicht gegen das Jugendstrafgesetz an sich; sie führen uns vor Augen, wie schwierig es ist, die richtige Sanktion für einen Jugendlichen zu finden. Das ist die zentrale Herausforderung, zu dem beispielsweise weitere Forschung notwendig ist, damit die verschiedenen Akteure, wie Jugendanwälte und Sozialarbeitende, rechtzeitig richtige Entscheidungen treffen können.

Gab es in den letzten Jahren eher eine Zu- oder Abnahme der Jugendkriminalität?

Die Antwort muss etwas differenziert ausfallen, weil es von Bedeutung ist, welcher Zeitraum betrachtet wird. Im langfristigen Vergleich ist von einem Rückgang der Jugendkriminalität auszugehen. So wurden im Jahr 2009 im Kanton Zürich beispielsweise über 2000 Jugendliche des Begehens einer Straftat beschuldigt; im vergangenen Jahr waren es nur noch 1413. Wird aber das Jahr 2015 zum Ausgangspunkt des Vergleichs genommen, muss ein Anstieg der Jugendkriminalität konstatiert werden. In diesem Jahr wurde die niedrigste Zahl jugendlicher Beschuldigter ausgewiesen, nämlich 1119 im Kanton Zürich.

Besonders interessant wäre es, die Gründe für den Anstieg der Zahlen seit 2015 zu kennen. Allerdings gibt es hierzu keine verlässlichen Daten. Einige mögliche Gründe für den Anstieg könnten sein: Zunahme von Alkohol- und Drogenkonsum im Jugendalter, zunehmende Wichtigkeit gewalttätiger medialer Vorbilder (z.B. im Musikbereich); damit einhergehend verstärkte Bedeutung von Männlichkeitsnormen; Fokussierung der Präventionsarbeit auf den Islamismus und Vernachlässigung der Gewaltprävention; Verschlechterung der Perspektiven, wie beispielsweise bei der Berufsausbildung.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.