Strafrecht: Heimlich Kondom entfernt – folgt schärferes Gesetz?
Aktualisiert

StrafrechtHeimlich Kondom entfernt – folgt schärferes Gesetz?

Ein Student entfernt heimlich das Kondom während dem Sex – und wird vor Gericht freigesprochen. Politiker und Gynäkologen reagieren mit Unverständnis.

von
D. Krähenbühl
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Ein Tinder-Date endete vor Gericht. Ein 18-Jähriger hatte während dem Sex das Kondom abgezogen – ohne das Einverständnis oder das Wissen seiner Partnerin.

Ein Tinder-Date endete vor Gericht. Ein 18-Jähriger hatte während dem Sex das Kondom abgezogen – ohne das Einverständnis oder das Wissen seiner Partnerin.

epa/Sascha Steinbach
Gestern wurde er vom Bezirksgericht Bülach vom Vorwurf der Schändung freigesprochen.

Gestern wurde er vom Bezirksgericht Bülach vom Vorwurf der Schändung freigesprochen.

Das Entfernen des Kondoms ohne ihr Einverständnis, das sogenannte «Stealthing», sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen. Eine Schändung habe nicht vorgelegen, so das Gericht.

Das Entfernen des Kondoms ohne ihr Einverständnis, das sogenannte «Stealthing», sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen. Eine Schändung habe nicht vorgelegen, so das Gericht.

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Das erste Treffen auf dem Uetliberg verlief gut. So gut, dass die damals 18-jährige Frau ihr Tinder-Date am Abend zu sich in die Wohnung einlud und es zum Sex kam – mit Kondom. Weil der 19-Jährige dieses schon kurze Zeit später heimlich entfernte, zeigte sie ihn an. Das Bezirksgericht Bülach sprach den Jus-Studenten nun aber frei. Das Entfernen des Kondoms ohne ihr Einverständnis, das sogenannte «Stealthing», sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen. Eine Schändung habe nicht vorgelegen (siehe Box).

Für die Zürcher Frauenärztin und Sexualtherapeutin Yvette Plambeck ist es «ein Schlag ins Gesicht der Frauen, wenn ein Mann nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn er heimlich das Kondom auszieht und sie damit gefährdet.» Es impliziere, dass Männer solche Übergriffe machen können und damit davonkommen, sagt Plambeck. «Sexuell übertragbare Infektionen nehmen stetig zu, das Risiko, sich mit etwas zu infizieren, hat zugenommen.»

Psychische Belastung

Frauen empfehle sie, vor dem Geschlechtsverkehr klare Spielregeln durchzugeben, sagt Plambeck. Und wenn der Mann auf Geschlechtsverkehr ohne Kondom beharrt? «Dann kommt er einfach nicht mit ins Bett.» Dass Frauen auf solche Weise getäuscht werden, kommt aber immer wieder vor. Für die Frauen gehe mit der Täuschung ein grosser Vertrauensverlust einher – sowohl in die Männer als auch in sich selbst. Plambeck: «Betroffene Frauen haben stets Angst, dass es wieder passiert und machen sich gleichzeitig selber Vorwürfe.»

Dass ein solcher Vorfall für betroffene Personen extrem belastend sein kann, bestätigt David Scheiner, Gynäkologe am Universitätsspital Zürich. «Bis man abschliessend weiss, ob man tatsächlich HIV-positiv ist, vergehen drei Monate.» Die zahlreichen Arztbesuche, die Tests und die dafür aufgewendete Zeit kämen hinzu.

Überholtes Strafrecht

«Der medizinische, psychologische und finanzielle Schaden ist gross – und völlig unnötig.» Schliesslich brauche es nur ein Kondom, um all dem vorzubeugen. Das Gerichtsurteil ist für ihn indessen ein Schritt zurück in mittelalterliche Zeiten. «Es zeigt, dass die Frau dem Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.»

Ähnlich sieht es Andrea Gisler, Anwältin und Präsidentin der Frauenzentrale Zürich: «An diesem Beispiel sieht man, wie vorsintflutlich unser Strafrecht funktioniert.» Denn gerade Fälle, in denen der Mann das Kondom heimlich abstreift, würden vom Gesetz nicht erfasst. «Hier existiert eine Lücke, die von der Politik geschlossen werden muss.»

Bundesgericht soll entscheiden

Eine Verantwortung, vor der sich die Politik nicht drücken sollte, sagt Rechtsanwalt und FDP-Ständerat Andrea Caroni. «Wir werden in der Rechtskommission bald über Sexualdelikte sprechen und sollten dabei auch diese Konstellation anschauen. Es ist offensichtlich, dass der Sex nach dem Abstreifen des Kondoms nicht mehr einvernehmlich war.» Caroni rät der betroffenen Frau deshalb, gegen das Urteil zu rekurrieren: «Ein Entscheid des Bundesgerichts würde Klarheit schaffen.»

Ob jetzt im Strafrecht ein expliziter Konsens beim Sex gefordert werden sollte, steht auch für Min Li Marti zur Diskussion. Vorschnell handeln will sie nicht: «Weil meist Aussage gegen Aussage steht und die Beweisführung schwierig ist, könnte es trotz Gesetz zu keinen Verurteilungen kommen.» Für die Opfer wäre das schlimm, ja vielleicht sogar kontraproduktiv. Das ist nicht das Ziel», sagt Marti.

Was ist Schändung? Das sagt das Strafgesetzbuch

Art. 191:Wer eine urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung missbraucht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe bestraft.

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