Aktualisiert 22.07.2014 16:25

Vernunftehe

Heirat ohne Liebe – ein Modell für die Zukunft?

In einem Buch wirbt ein deutsches Paar für die Vernunftehe. Auch Schweizer Paartherapeuten sehen darin langfristige Vorteile.

von
Nicole Glaus
Ein positiver Faktor einer Vernunftehe sei auch die geringe Erwartungshaltung, sagt der Paartherapeut Reinhard Felix: «Dadurch ist die Gefahr von Enttäuschungen geringer und die Erfolgsaussichten sind viel besser.»

Ein positiver Faktor einer Vernunftehe sei auch die geringe Erwartungshaltung, sagt der Paartherapeut Reinhard Felix: «Dadurch ist die Gefahr von Enttäuschungen geringer und die Erfolgsaussichten sind viel besser.»

Keine Schmetterlinge im Bauch, keine erste Verliebtheit, keine grosse Leidenschaft: Dies scheint das Erfolgsrezept einer langfristig funktionierenden Beziehung zu sein. Zumindest wenn man Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich glauben will. Sie haben vor drei Jahren die Suche nach dem Traumpartner aufgegeben – und «aus Vernunft» geheiratet. Ihr Sohn ist inzwischen zwei Jahre alt. Nun haben sie ein Buch über ihre vernünftige Beziehung geschrieben.

Sie hätte keine Lust mehr gehabt, auf den Richtigen zu warten, sagt Susanne Wendel in einem Interview mit der «Welt.de». Deshalb habe sie den Mann geheiratet, den sie drei Jahre zuvor an einer Weiterbildung kennengelernt habe und mit dem sie nur locker befreundet gewesen sei. «Wir haben nur die Phase mit den Schmetterlingen übersprungen», so Wendel. Es habe zwar ein bisschen gedauert, aber heute liebe sie ihren Mann: «Wir sind ein tolles Paar.»

«Liebe ist ein Gefühl und daher sehr kurzlebig»

Laut dem Surseeer Paartherapeuten Reinhard Felix funktionieren Vernunftehen erfahrungsgemäss «erstaunlich» gut und lange: «Es sind eher die romantischen Liebesbeziehungen, die nicht von langer Dauer sind. Denn Liebe ist ein Gefühl und daher sehr kurzlebig.» Für eine langfristig funktionierende Beziehung brauche es vielmehr Wohlwollen, die Bereitschaft etwas zu geben, Geduld und Durchhaltevermögen.

Ein weiterer positiver Faktor einer Vernunftehe sei auch die geringe Erwartungshaltung, so Felix: «Dadurch ist die Gefahr von Enttäuschungen geringer und die Erfolgsaussichten sind viel besser.»

Jede Beziehung wird irgendwann vernünftig

Auch Felix' Berufskollege Hans-Peter Dür findet, ein Paar könne die Verliebtheitsphase auslassen und trotzdem – oder gerade deswegen – eine gute Beziehung führen. «Viele Leute, die sich heute über das Internet kennenlernen, wissen bereits, bevor sie sich treffen, einiges voneinander.» Sie fänden also eher aufgrund gleicher Wertvorstellungen und Interessen zusammen als wegen einer Liebe auf den ersten Blick.

Zudem werde jede Beziehung früher oder später vernünftig – oder scheitere: «Man muss Probleme lösen können, miteinander kommunizieren und gegenseitig füreinander da sein. Das braucht unheimlich viel Organisation und Absprache», so Dür. Es sei somit einfacher, wenn bereits zu Beginn der Beziehung ein gewisses Mass an Vernunft mit dabei sei.

«Es kann nicht jeder eine Claudia Schiffer heiraten»

Dies würden auch die meisten Ehen der Generation der heute Siebzig-, Achtzigjährigen zeigen, betont Reinhard Felix. Demnach hätten früher viele Ehepaare eine gemeinsame Aufgabe gehabt – etwa das Führen eines Bauernhofes: «Es ging damals ums Überleben, um Existenzsicherung. Ob der Ehepartner eine krumme Nase hatte oder nicht, war nicht so wichtig.»

Felix hofft deshalb, dass sich die Gesellschaft etwas von den stark romantisierten Vorstellungen einer Beziehung löse und die Partnerschaft wieder realistischer betrachte: «Es kann nicht jeder eine Claudia Schiffer heiraten.» Deshalb müsse jeder ehrlich zu sich selber sein. «Und zwar in Bezug darauf, was wir für uns selber wollen, als auch darauf, was wir dem Partner zu bieten haben.»

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