Unerfüllter Kinderwunsch: Heiss begehrte Samenspender
Aktualisiert

Unerfüllter KinderwunschHeiss begehrte Samenspender

Die Nachfrage nach Spermien aus dem Röhrchen steigt. Die Ärzte versuchen mit neuen Standorten Spender zu gewinnen. Mehr Geld soll es für die Spermien aber nicht geben.

von
Jessica Pfister
Gute, gesunde Spermien sich gesucht. Hier ein Sperma, das sich in eine weibliche Eizelle einnistet.

Gute, gesunde Spermien sich gesucht. Hier ein Sperma, das sich in eine weibliche Eizelle einnistet.

Mindestens tausend Kinder kommen in der Schweiz jedes Jahr dank einer Samenspende zur Welt. In Zukunft könnten es gar noch mehr werden. «Die Nachfrage ist in den letzten Jahren stetig gestiegen», sagt Peter Fehr, Arzt und Leiter der grössten Samenbank der Schweiz in Schaffhausen. Vor zehn Jahren hat der Mediziner im Schnitt ein Paar pro Woche beraten – heute sind es bis zu vier. «Ein Grund für die steigende Nachfrage ist sicher der Fakt, dass Paare immer später Kinder wollen und somit die Chance für eine natürliche Befruchtung sinkt», so Fehr.

Doch es sind nicht nur verheiratete Paare, die sich nach einer Spenderinsemination – so der Fachbegriff – erkundigen. «Wir spüren, dass die Anfragen von Singlefrauen und lesbischen Paaren stark zunehmen», sagt Fehr. Im Schnitt komme jede fünfte Anfrage aus dieser Kundengruppe. Doch mehr als ein Beratungsgespräch können Ärzte diesen Frauen in der Schweiz nicht bieten. «Das Gesetz erlaubt eine Samenspende nur für verheiratete heterosexuelle Paare.» Deshalb vermittelt Fehr die Interessentinnen nach einer ersten Abklärung an eine Klinik in Spanien, wo die künstliche Befruchtung auch alleinstehenden Frauen gestattet ist.

Tessin importiert Spermien aus den USA

Das spanische Gesetz unterscheidet sich aber nicht nur in diesem Punkt von der Schweiz. In Spanien sind die Samenspender anonym – hierzulande schreibt das Fortpflanzungsmedizingesetz vor, dass die Identität des Spenders beim Bundesamt für Zivilstandswesen gespeichert wird. Nach seinem 18. Geburtstag hat jedes künstlich gezeugte Kind das Recht, Einblick in die Daten zu bekommen und via Amt den Kontakt zum biologischen Vater herzustellen. «Das schreckt viele potentielle Spender ab», so Fehr. Die Folge des vor zehn Jahren eingeführten Gesetzes: Es fehlt in der Schweiz an spendewilligen Männern.

Von den drei grossen Samenbanken in der Schweiz kann nur gerade das Zentrum in Schaffhausen den Bedarf einigermassen decken. Zur Zeit werden dort Samenzellen von 100 Spendern gelagert. «Doch auch wir kommen ohne ständige Werbung in der Presse, im TV und im Internet nicht aus», so Fehr. Besonders spendenfaul sind die Tessiner Männer. Deshalb importiert das Zentrum in Lugano eingefrorenes Sperma aus den USA. In der Romandie hat die Reproduktionsklinik Fertas mit Sitz in Lausanne im letzten Jahr in Vevey und Neuchâtel Ableger eröffnet und Ende Mai eine weitere Samenbank in Fribourg. Laut der Westschweizer Zeitung «Le Matin» erhofft sich Fertas, durch die vielen Ableger neue Spender anzulocken.

Abgeschlossene Schulbildung ist Pflicht

Doch auch wenn diese Strategie aufgehen sollte – der Spermienmangel ist damit noch lange nicht behoben. «Wir sind bei der Auswahl der Spender sehr wählerisch», sagt Fehr. Die Männer sollen zwischen 20 und 40 Jahren alt und Mitteleuropäer sein. «Das hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern ist schlicht auf die Nachfrage nach diesem Typ zurückzuführen.» Ausserdem sollten die Kandidaten über eine abgeschlossene Schulbildung verfügen oder noch studieren. «Wenn ein potentieller Spender in einer Anfrage per E-Mail in zwei Sätzen sieben Fehler macht, ist das für uns ein Ablehnungsgrund», so der Arzt. Sind die wichtigsten Anforderungswünsche erfüllt, folgt noch die genetische Untersuchung auf Erbkrankheiten, in der wieder eine Reihe von Spendern wegfällt. «Am Schluss bleibt uns in der Regel einer von acht Spendern, dessen Spermien wir für eine Behandlung verwenden können.»

Die Typen von Spendern kann man laut Fehr in drei Kategorien aufteilen: die Helfer, die Neugierigen und solche, die es aus finanziellen Gründen tun. Denn obwohl es für die Spender laut Gesetz kein Entgelt für ihre Leistung gibt, zahlen die Samenzentren eine Spesenentschädigung. Diese liegt im Bereich von mehreren Hundert Franken, kann aber auch mal 2000 bis 3000 Franken betragen – wobei laut Gesetz ein Spender nicht mehr als acht Kinder zeugen darf. «Reich werden die Männer durch das Samenspenden nicht, aber sie können sich sicher Ferien oder anderes finanzieren.» Eine Erhöhung der Entschädigung, um mehr Spender zu gewinnen, ist für Fehr keine Option. Das würde nämlich bedingen, dass auch die Behandlungskosten für die Paare steigen. Momentan bezahlen diese für das Einspritzen fremder Samen 800 Franken. «Wenn man bedenkt, dass unter Umständen mehr als fünf Inseminationen nötig sind, würde ein höherer Preis viele Paare abschrecken.»

Wie funktioniert eine Insemination ?

Der Arzt wählt, welche Spermien zu welchem Paar kommen. Laut Gesetz darf er dabei Blutgruppe, Grösse, Haar- und Augenfarbe des Mannes, der die Vaterrolle übernehmen wird, berücksichtigen. Ist diese Auswahl getroffen wird mittels Ultraschall die Grösse der Eizellen der Frau gemessen. Ist die Grösse optimal, wird mit einer Hormonspritze der Eisprung ausgelöst. Etwa 36 Stunden später wird das aufbereitete Sperma mittels einer Kanüle in die Gebärmutter gespritzt. Die Erfolgschancen liegen zwischen fünf und zehn Prozent. Im Gegensatz zur Adoption oder einer Invitro-Behandlung, die sich beide über Jahre hinziehen können, tritt die Schwangerschaft bei einer erfolgreichen Insemination schnell ein. Im Durchschnitt gebärt eine Frau schon anderthalb Jahre nach Unterzeichnung des Vertrags ein Kind. (jep)

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