Aktualisiert 13.07.2014 09:08

Kischis Einwurf

«Helmut» und die Argentinier

Man kann sie lieben oder hassen - aber eines muss man ihnen lassen: Die Deutschen sind gründlich!

von
M.Kistler, Rio de Janeiro

Als ich heute Morgen zum Strand gehen wollte, sah ich einen Wagen, auf dem in grossen Lettern «Fanbotschaft» geschrieben stand. Das machte mich neugierig. Also besuchte ich den Stand, und mir wurde schnell erklärt, dass mit dem Betreuungsangebot deutsche Fans bei der Reise zu den Spielorten und den Stadien unterstützt werden sollen. Der Deutsche Fussballbund (DFB) finanziert das Fanbetreuungsangebot, das durch seine Fananlaufstelle gemeinsam mit der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) organisiert und durchgeführt wird, so steht es auf jeden Fall in «Helmut», dem WM-Fanzine, geschrieben.

Das ganze Projekt beruht auf deutscher Gründlichkeit. Es gab Prospekte von Rio mit den besten Sehenswürdigkeiten und Stadtpläne. Gleichzeitig wurde mir eine Visitenkarte mit einer Helpline-Nummer in die Hand gedrückt. Auch die neuste Ausgabe von «Helmut» wurde mir überreicht.

Ticket für 2000 Franken

Dass es so eine Anlaufstelle braucht, wurde schnell klar. Denn schon kam einer und suchte für die Nacht eine Unterkunft. Ob ihm dabei geholfen werden konnte oder ob er am Strand der Copacabana übernachten muss, ist unklar. Denn es gibt nur zwei Dinge, bei der dir momentan nicht geholfen werden kann: bei Übernachtungsmöglichkeiten und Tickets für den WM-Final.

Ein Deutscher, der sich am Stand aufhielt, hätte für ein Final-Ticket 5000 Reais (2000 Franken) bezahlen müssen. Das war es ihm dann doch nicht wert, vor allem, weil er in Belo Horizonte dabei war. «Ich sah ja das Jahrhundertspiel gegen Brasilien», meinte er. «Und besser kanns nicht werden.»

Fangesänge die ganze Nacht

Und die argentinischen Fans? Auf jedem Parkplatz in Rio de Janeiro steht ein Fahrzeug mit argentinischem Kennzeichen. Und die Hellblauen feiern - trotz Regens - Tag und Nacht! Um 23.45 Uhr wurde ich aus dem Schlaf gerissen, weil irgendeiner irgendwo anfing, das Lied «Brasil decime que se siente ?» anzustimmen. Und aus den Häusern und von der Strasse erhielt er im Nullkommanichts Unterstützung. Um 3 Uhr das Gleiche, nur hiess der Schlachtgesang diesmal «Vamos, vamos Argentinos ?» Doch spätestens am Montag ist Schluss damit. Dann müssen sie nach Hause.

Übrigens: Kaum hatte ich ein wenig Sympathien für die Deutschen aufgebaut, kam der Dämpfer. In meinem Kiosk, in dem ich meine Zigaretten kaufe, gibt's meine (Not)Marke nicht mehr. Der Angestellte meinte nur: «Viele Deutsche!»

Markus «Kischi» Kistler, Leiter Produktion Print bei 20 Minuten, weilt während der WM in Rio de Janeiro und bleibt in seiner zweiten Heimat mit seinen Einwürfen auch abseits des Spielgeschehens immer auf Ballhöhe.

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