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Hockey-Vorschau, Teil 3Herausforderer mit Spektakel-Garantie

Lugano, Zug und Fribourg haben nicht einmal die Playoffs auf sicher. Aber alle drei Teams werden ihre Fans auf und neben dem Eis vortrefflich unterhalten und mit ein bisschen Glück die Titanen ärgern.

von
Klaus Zaugg

HC Lugano: Zu viel Geld, um

Meister zu werden

Genug Geld, um ein NHL-Team zu kaufen, nicht mehr genug Geist, um Meister in der NLA zu werden: Lugano hat ein grandioses Spektakel-Team und müsste eigentlich Meister werden. Aber es wird wohl erneut «nur» zu guter Unterhaltung reichen.

Einer, der für sehr viel Geld letzte Saison in Lugano gespielt hat und jetzt für weniger Geld bei einem anderen NLA-Team arbeitet, hat das ganze Problem in einem Satz erklärt: «Mit so viel Talent arbeiten zu dürfen wie in Lugano ist für jeden Trainer ein Traum. Aber es ist auch für jeden Trainer ein Albtraum, wenn so viel Talent nicht arbeiten will.»

Jahr für Jahr stellt Luganos Sportchef einen Hockey-Zirkus zusammen, dessen Artisten mit ihren Kunststücken an einem guten Abend die ganze Liga verzaubern können. Geld und Talent sind in Lugano uneingeschränkt vorhanden. Aber seit dem letzten Titel von 2006 standen elf (!) Trainer an der Bande. Alle sind gescheitert. Kein einziger hat eine Playoff-Serie gewonnen. Lugano gilt inzwischen als «uncoachbar». Die Schlüsselspieler haben direkten Zugang zu den Vorgesetzten des Trainers.

Geld alleine macht also nicht glücklich. Oder im Falle Luganos: Geld alleine macht nicht erfolgreich. Seit dem letzten Titel von 2006 wird zwar viel investiert. Aber eben nicht reüssiert. Die schmähliche Bilanz: Zweimal ging es in die Playouts, viermal endete die Saison in den Viertelfinals.

Dabei fehlt es nicht an gut gemeinten und leidenschaftlichen Bekenntnissen zum Leistungsport. Der rührige Sportchef Roland Habisreutinger versucht seit 2009 das Unternehmen auf sportlicher Ebene neu auszurichten. Er holt begabte junge Verteidiger und sorgt dafür, dass im Sturm auch eigene Talente zum Einsatz kommen. Jetzt versucht er, die Mannschaft durch die Verpflichtung des Thai-Boxers und Hockeyspielers Johann Morant (vom SCB) und des Rauhbeins Thomas Rüfenacht (von Zug) härter und böser zu machen. Garantiert ist damit freilich nur eines: mehr Strafminuten.

Die wunderschöne Umgebung im Kalifornien der Schweiz und die fürstlichen Saläre machen die Spieler satt und erschweren dem Sportchef und dem Trainer die Arbeit sehr. Nun ruhen die Hoffnungen wieder auf Larry Huras, dem schon einmal gefeuerten Meistertrainer von 2003. Wenn es einer versteht, aus dieser Interessengemeinschaft von Jungmillionären eine Einheit zu formen, dann der dreifache Meister-Coach (2001/ZSC, 2003/Lugano, 2010/SCB). Er ist ein ein brillanter Kommunikator, Motivator und Entertainer.

Aber die Aufgabe, seine Jungs aus der schönsten Komfortzone der Schweiz zu scheuchen, ist fast unlösbar. Gelingt ihm dies (wie bereits 2003), wird Lugano ins Finale einziehen. Wenn nicht, wird wieder am Strich gezittert. Etwas dazwischen wird es nicht geben.

Luganos Chancen

1. Der neue Torhüter Daniel Manzato hat in Amerika, in Basel und bei den Lakers jahrelang gelernt, hinter Lotterverteidigungen zu spielen und wird Luganos erster Meistergoalie seit Ronnie Rüeger.

2. Mit Glen Metropolit, Jaroslav Bednar und Petteri Nummelin organisiert Trainer Larry Huras das beste Powerplay der Liga.

3. Der neue finnische Verteidiger Ilkka Heikkinen ist so produktiv, wie es seine letztjährigen Statistiken aus der schwedischen Elitserien versprechen (18 Tore, 15 Assists).

4. Die Dynamik der jungen Spieler ist stärker als der welsche Schlendrian der arrivierten Stars.

5. Mit dem Abgang von Kevin Romy ist die leistungshemmende French Connection um ein langjähriges und einflussreiches Mitglied ärmer.

6. Die schlagkräftigen Thomas Rüfenacht und Johann Morant verschaffen dem Team mehr Respekt.

7. Präsidentin und Milliardärin Vicky Mantegazza hat endlich die staatsmännische Gelassenheit, alle Spieler vor die Türe zu setzen, die sich bei ihr über den Trainer oder die Mitspieler beschweren wollen.

Luganos Risiken

1. Larry Huras ist zu sehr Entertainer und zu selbstverliebt. Er ist nicht mehr böse und konsequent genug, um die Stars aus der Komfortzone zu vertreiben.

2. Glen Metropolit möchte mit seiner Familie in erster Linie den wohlverdienten Hockey-Vorruhestand unter Palmen geniessen.

3. Wenn Trainer Larry Huras die Stars in die dritte oder vierte Linie zurückversetzt oder im Powerplay zu wenig berücksichtigt, provoziert er die nächste Palastrevolution gegen den Trainer.

4. Goalie Daniel Manzato hat viel Erfahrung mit Lotterverteidigungen – doch in Lugano ist er genauso überfordert wie seine Vorgänger Benjamin Conz und David Aebischer.

5. Petteri Nummelin ist ein altmüder Schillerfalter mit zu viel politischem Einfluss.

6. Johann Morant beschert unserem Hockey eine neue Rekordsperre: 20 Spiele nach einer von Larry Huras angeordneten Schlägerei im Kabinengang gegen SCB-Manager Marc Lüthi.

7. Der neue Wohlstand macht auch den spielerischen Rock'n'Roller Daniel Steiner bequem.

EV Zug: Doug Shedden und

die Hollywood-Garantie

Schon jetzt wissen wir: Der EVZ wird im Frühjahr 2013 nicht Meister. Kein Problem: Die Unterhaltung ist trotzdem vorzüglich. Eigentlich hätten Zugs Manager Grund zur Sorge. Liga-Topskorer Damien Brunner, der beste Einzelspieler, wechselt in die NHL. Nach ihrem besten Verteidiger (Rafael Diaz zu Montreal) haben sie nun ein Jahr später auch den besten Stürmer mit Schweizer Pass verloren.

Die Mannschaft ist nominell schwächer geworden und eine Meisterfeier ist im nächsten Frühjahr noch unwahrscheinlicher als im letzten. Aber Zugs Manager schlafen trotzdem gut. Sie haben Doug Shedden. Die Zuschauer leben ja nicht von Meisterfeiern alleine. Sie wollen auch unterhalten werden. Und genau das garantiert Trainer Doug Shedden.

Seine Mannschaft wird in der neuen Saison zwar nicht so oft siegen wie in den letzten Jahren. Aber der kanadische Trainer garantiert dafür jeden Abend Spektakel. Erst recht, wenn es nicht mehr so gut laufen sollte wie letzte Saison. Er wird toben, sich mit gegnerischen Trainern und Spielern und den Schiedsrichtern anlegen, Polemik provozieren und auch mit einer offensiven Rock'n'Roll-Taktik dafür sorgen, dass es in Zug auf und neben dem Eis nie windstill sein wird.

Bei Doug Shedden gibt es keine Erfolgsgarantie, ja nicht einmal eine Playoff-Garantie. Aber eine Hollywood-Garantie. Wir dürfen uns auf ein grandioses Qualifikations-Gaudi freuen. Was spielt es da für eine Rolle, dass in den Playoffs jeweils schon nach einer Runde die Lichter gelöscht werden? Lieber Kurzweil von September bis März und anschliessend zwei Wochen Frust als Langeweile von September bis März für einen kurzen Playoffrausch.

Zugs Chancen

1. Linus Omark hält auch 30 Minuten Eiszeit durch und kompensiert mit seiner Präsenz die fehlende Abschlussstärke des dritten und vierten Sturms.

2. Josh Holden ist nach dem Abgang von Glen Metropolit wieder der unbestrittene Leitwolf und erlebt seinen zweiten Frühling.

3. Andy Wozniewski und Jussi Markkanen brauchen im Frühjahr neue Verträge. Sie werden sich anstrengen wie noch nie.

4. Reto Suri ist wenigstens ein halber Damien Brunner und bucht 30 Punkte.

5. Die Zuger kompensieren das verlorene Talent durch Härte und Provokationen – sie werden die Antwort auf die Philadelphia Flyers der 1970er-Jahre.

6. Der ehemalige Klotener Junior Dominic Lammer wird der nächste Damien Brunner: In Kloten verkannt, in Zug entdeckt und zum Topskorer ausgebilet.

7. Alessandro Chiesa und Timo Helbling übertreffen alle Erwartungen. Chiesa entwickelt sich zum Verteidigungsminister und Timo Helbling zum disziplinierten Abräumer ohne spielerischen Aussetzer. Beide werden von Sean Simpson für die WM aufgeboten

Zugs Risiken

1. Die Abgänge von Damien Brunner und Glen Metropolit (zusammen 96 Skorerpunkte) können nicht kompensiert werden.

2. Jussi Markkanen greift diesmal nicht erst in den Playoffs daneben.

3. Ohne Glen Metropolit (zu Lugano) und Patrick Oppliger (Rücktritt) gehen zu viele Bullys verloren.

4. Die Erwartungshaltung nach dem Qualifikationssieg aus dem Vorjahr ist zu hoch – diesmal verlieren der Präsident, der Manager und der Sportchef doch die Nerven.

5. Sportchef Jakub Horak zögert zu lange mit einem Angebot zur Vertragsverlängerung an Trainer Doug Shedden: In der Kabine kommt Unruhe auf.

6. Die «jungen Wilden» (Lammer, Suri, Martschini) können noch keine tragende Rolle spielen.

7. Der defensive Landschaden, den Timo Helbling mit seiner Härte anrichtet, ist grösser als der Einschüchterungsfaktor.

HC Fribourg-Gottéron: So gut, aber auch so verletzlich wie noch nie

Eine Meisterfeier oder eine Serie von Hollywood-Produktionen zum Jubiläum? Beides ist möglich. Fribourg-Gottéron wird 75 Jahre alt, steht im Zenit seiner wirtschaftlichen und sportlichen Entwicklung und darf sogar beim Spengler Cup mitspielen. Die Mannschaft ist gut genug für den ersten Titel der Unternehmensgeschichte – aber auch so verletzlich, dass eine Krise nicht ausgeschlossen werden kann. Garantiert ist nur das Spektakel.

So schön wie die «belle Epoque» mit Slawa Bykow, Andrej Chomutow, Dino Stecher und Kultpräsident Jean Martinet wird es nie mehr sein. Aber das Gottéron des 21. Jahrhunderts ist wirtschaftlich stabiler und die Mannschaft viel ausgeglichener und robuster als das «Dream Team», das dreimal hintereinander (1992, 1993, 1994) das Playoff-Finale verloren hat. Talent und Taktik machen den Titelgewinn möglich.

Das Problem Gottérons ist die Zerbrechlichkeit und/oder Unberechenbarkeit seiner talentierten, bisweilen charismatischen, aber launischen und verletzungsanfälligen Schlüsselspieler wie Simon Gamache, Sandy Jeannin, Christian Dubé, Pavel Rosa, Julien Sprunger (beim Saisonstart noch nicht fit), Andrej Bykow oder Shawn Heins. Wenn sie alle gemeinsam tanzen, dann gibt es viel zu feiern. Wenn der eine oder andere aus diesem oder jenem Grund lahmt, sind nicht einmal die Playoffs garantiert. Gottéron ist so gut, aber auch so verletzlich wie noch nie.

Der Trainer spielt in dieser europäischen Antwort auf die Montréal Canadiens eine zentrale Rolle. Wie in Montréal sind die Erwartungen himmelhoch, wie in Montréal ist der Erfolg nur möglich, wenn ein Trainer beide Kulturen kennt, die in der Stadt aufeinandertreffen: Welsch und Englisch in Montréal, Welsch und Deutsch in Fribourg. Trainer Hans Kossmann parliert fliessend Französisch, Deutsch und Englisch und hat so die buntscheckige, gerne polemisierende lokale Medienszene so gut im Griff wie seit Paul-André Cadieux (1990 bis 95) keiner mehr. Und auf dem Eis ist es Hans Kossmann gelungen, das Spiel der Mannschaft so gut zu strukturieren, dass selbst Slawa Bykow, regelmässiger Beobachter der Spiele, des Lobes voll ist: «Die Mannschaft ist defensiv stabiler geworden, das System funktioniert, der Coach macht sehr gute Arbeit.» So gibt es im Spiel der offensiven Schillerfalter immerhin eine gewisse Ordnung.

Auf dem Transfermarkt ist die Substanz der Mannschaft bewahrt worden. Aus Langnau kommt der beinharte Verteidiger Sébastien Schilt und aus Amerika der farbige Stürmer Greg Mauldin. Beide haben das Potenzial zur Kultfigur. Doch am Ende des Tages hängt das Glück des Vereins wieder einmal am Goalie. Nach wie vor ist Dino Stecher der einzige Torhüter, der Gottéron bis ins Finale gehext hat. Nun kommt Benjamin Conz, erst 21 Jahre alt, welsch und talentierter als alle seine Vorgänger - Robert Meuwly, Dino Stecher und Cristobal Huet inklusive. Sag mir, wie Benjamin Conz spielt und ich sage dir, wie es um Gottéron steht.

Fribourgs Chancen

1. Hans Kossmann ist Gottérons eigenwilligster und deshalb bester Trainer seit Gaston (nicht Serge) Pelletier, dem Aufstiegscoach von 1980.

2. Benjamin Conz hat die Zukunft vor sich und spielt deshalb konstanter als letzte Saison Cirstobal Huet, der die Zukunft hinter sich hatte.

3. Christian Dubé tanzt im Herbst seiner Karriere noch einmal.

4. Der gelernte Karatekämpfer Sébastien Schilt sorgt mit seienr Härte dafür, dass die Schillerfalter weniger herumgeschubst werden als letzte Saison.

5. Der defensive Hasardeur Joel Kwiatkowski lernt, das Spiel richtig zu lesen und kassiert nur halb so viele dumme Strafen wie letzte Saison beim SCB.

6. Leitwolf Sandy Jeannin kommt mit Hans Kossmann so gut aus wie Reto von Arx mit Arno Del Curto.

7. Weniger welsch und weich ein bisschen mehr kanadisch-deutschschweizerisch und härter als letzte Saison.

Fribourgs Risiken

1. Benjamin Conz wird der neue Dino Stecher und nicht der nächste Robelon Meuwly (Aufstiegsgoalie von 1980). Er versagt im entscheidenden Moment.

2. Shawn Heins entwickelt Sympthome der Altersmilde und bald fürchten die gegnerischen Stürmer die Härte seiner Checks nicht mehr.

3. Joel Kiwatkowski macht gleich viele Fehler und kassiert so viele dumme Strafen wie letzte Saison beim SCB.

4. Trainer Hans Kossmann gelingt es nicht mehr, den welschen Schlendrian auszutreiben.

5. Die Zusatzbelastung Spengler Cup kostet zu viel Energie.

6. Die Härte von Shawn Heins und Sébstien Schilt kann die Gegenr nicht einschüchtern und führt bloss zu vielen Strafen.

7. Die drei Freunde Simon Gamache, Christian Dubé und Pavel Rosa verbünden sich gegen den Trainer, um nachlassende Leistung mit politischem Einfluss beim Präsidenten zu kompensieren.

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