Wanderweg-Sperre: «Herdenhunde sehen Wanderer als Feinde»
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Wanderweg-Sperre«Herdenhunde sehen Wanderer als Feinde»

Herdenschutz-Hunde sollen Wölfe verjagen. Bei Chur verscheuchen sie Wanderer, Hundehalter und Biker. Haben sie genug Biss für den 20-Minuten-Reporter?

von
Roland Schäfli

Nach Zwischenfällen zwischen Mensch und Hund wurde der beliebte Wanderweg oberhalb Churs gesperrt. (Video: Roland Schäfli/Michael Fischer).

Das Armeegelände Rossboden wird als Zielhang benutzt. Doch die grössten Granaten, die momentan bei Chur detonieren, sind verbal. Wolfsgegner, aber auch andere Benutzer des Panoramawegs, schiessen gegen den Herdenschutzbeauftragten des Kantons, der ihrer Meinung nach die Freiheit einschränke, auf Wanderwegen zu gehen und zu kommen, wie es dem Bündner passt. Jan Boner hat der Armee die Schliessung für den Publikumsverkehr an den Wochenenden beantragt (an Werktagen beansprucht die Armee das Gelände für Zielübungen). Obwohl der Weg mit dem grandiosen Ausblick auf 700 Metern Höhe im Gebiet von Felsberg und Haldenstein liegt, haben die Gemeinden nichts zu sagen. Der Haldensteiner Gemeindepräsident Robert Giger hat vom Verbot überhaupt erst erfahren, «weil wirs im Gemeindebulletin veröffentlichen mussten». Tatsächlich steht die Meldung auch im Amtsblatt von Chur. Von der Bündner Hauptstadt aus machen sich viele Wanderer auf ins Gebirge. Graubünden-Ferien erklärt auf Anfrage: «Aufgrund der kürzlichen Vorfälle im Zusammenhang mit Herdenschutzhunden erachten es touristische Destinationen als sinnvoller, einen Weg bei vergrösserter Gefahr für gewisse Zeit zu schliessen, statt ein Risiko einzugehen.»

Den Hund nicht provozieren

Das Risiko sieht Jan Boner, ein Landwirt, der im Auftrag des Kantons im Teilzeitamt als Herdenschutzbeauftragter amtiert, allerdings nicht direkt für den Menschen – eher für den Hund. Mit dem Feldstecher hat er mehrmals Passanten und Biker beobachtet, die die Vorschriften missachteten. Regeln, die am Wanderweg auf das korrekte Verhalten hinweisen: Biker sollen absteigen, Fussgänger den Hund gewähren lassen, Hundehalter ihre Tiere anleinen. Schliesslich sah Boner es als angezeigt an, lieber die unpopuläre Massnahme der Sperrung vorzunehmen, als zuzulassen, dass die Tiere sich schlechtes Verhalten aneignen. Denn sie lassen sich von Menschen provozieren. «Ein Hund speichert Erfahrungen, und da einer der vier Herdenschutzhunde noch jung ist, könnten ihn diese Erlebnisse mit Menschen negativ prägen.» Der Tourismusbetrieb steht hinter der Massnahme: «Besonders Laien wissen nicht, wie man sich richtig verhalten soll. Die Bevölkerung sowie die Gäste müssen vermehrt auf die korrekte Verhaltensweise hingewiesen werden», sagt Petra Fausch von Graubünden Ferien.

Franzosen-Hunde besser als italienische

Für die Wolfsgegner ist der Herdenschutzhund nun ein weiteres Übel, das auf den Calanda-Wolf zurückzuführen ist, was ihnen nun sogar noch die Wanderwege streitig macht. In der Dörfern ist die Rede von beängstigenden Konfrontationen – vor allem zwischen Bikern und den Hunden. Tatsächlich wurden gemäss Boner im ganzen Kanton in der bisherigen Saison nur zwei Bissvorfälle gemeldet – Wanderer seien nicht betroffen gewesen, vielmehr Personen, die mit den Hunden arbeiteten.

Die vier französischen Pyrenäen-Berghunde von Marco Camastral schlagen Alarm, wenn sich etwas den rund 200 Mutterschafen nähert. Bis vor wenigen Jahren besass Camastral italienische Abruzzen-Hunde – und das hat ihm in der Gegend den Ruf eingetragen, seine Hunde seien bissig. Die «Franzosen», wie er sie nennt, verrichteten ihre Arbeit gewissenhafter, findet er. Nichtsdestotrotz gilt Camastral im Kanton als Pionier im Einsatz der Herdenschutzhunde. Als einer der Ersten hat er sie vor einem Jahrzehnt eingesetzt – ursprünglich nicht zum Wolfsschutz. Sondern gegen wildernde Hunde.

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