Aktualisiert 20.08.2013 14:06

Statt SchmerzmittelHeroin-Boom in den Provinzstädten der USA

Nicht nur bei Promis: In ländlichen Gebieten der USA nimmt der Heroinmissbrauch dramatisch zu. Viele steigen von Schmerzmitteln auf die Billigdroge um.

von
Martin Suter
New York

Es war ein Schock für die Fans der Fernsehserie «Glee», als im Juli ihr Hauptdarsteller Cory Monteith tot in einem Hotel in Vancouver aufgefunden wurde. Die Todesursache des 31-Jährigen war für viele Experten keine Überraschung: eine Überdosis Alkohol und Heroin.

Die härteste aller Drogen ist in Amerika wieder auf dem Vormarsch. In den USA erobert sie vor allem ländliche Provinzen: Von Maine in Neuengland bis Washington State auf der anderen Seite des Kontinents verzeichnen Ortspolizeien immer mehr Heroin-Tote. Die steigende Zahl der Süchtigen überfordert Gemeinden, von denen die meisten über keine Einrichtungen zur Hilfe für Abhängige verfügen.

50 Prozent mehr Überdosen

Die Zahlen sind dramatisch: Im Jahr 2011 erklärten 620'000 Amerikaner, in den letzten 12 Monaten Heroin konsumiert zu haben - 54 Prozent mehr als 2002. Im gleichen Zeitraum nahm auch die Zahl der Todesfälle nach Überdosen um mehr als 50 Prozent zu. Nach Schätzungen im neusten Bericht zur Nationalen Drogenstrategie erlebt ein Viertel der Heroinkonsumenten pro Jahr eine Überdosis, ein Prozent der User stirbt daran.

Der Heroin-Boom hat mehrere Ursachen. Eine Frau in Portland, Maine, erklärt ihren Konsum in einem Video der «New York Times» so: «Weil es kein Oxy gibt – man kriegt hier kein Oxy!» Oxycodone ist das populärste und am meisten missbrauchte Schmerzmittel der USA. Seit mindestens zehn Jahren hat der Gebrauch des auf Opiaten basierenden Medikaments rasant zugenommen. Über sechs Millionen Amerikaner nahmen 2011 Oxycodone oder ähnliche Medikamente zu sich. Mit dem Ziel eines schnelleren Kicks zerreiben viele die Pillen, um sie dann zu inhalieren oder in die Venen zu spritzen.

Schmerzmittel als Einstiegsdrogen

Aufs Heroin steigen solche Oxy-User um, weil die Pillen von Ärzten inzwischen seltener verschrieben werden. Vielerorts sind sie auch auf dem Schwarzmarkt nicht mehr leicht erhältlich. Zudem haben Hersteller damit begonnen, die Wirkstoffe so zu verarbeiten, dass die Pillen weniger leicht pulversierbar sind. «Damit haben wir eine Generation von ideal auf Heroin vorbereiteten Süchtigen», sagt Drogenfahnder Matthew Barnes dem «Wall Street Journal».

Der Umstieg wird dadurch begünstigt, dass Dealer den Markt vielerorts mit billigem Heroin überschwemmen. Teils ist der Stoff sehr rein – und er ist so billig wie noch nie. Das Resultat ist eine Heroinwelle in Regionen, die vorher nie mit illegalen Drogen konfrontiert waren.

Mit einer Bildstrecke illustriert das «Journal» die Folgen für Washington State. Die «Times» beschreibt die Lage in den neuenglischen Gliedstaaten Vermont, New Hampshire und Maine. Ärzte reden von einer Epidemie und beschreiben, wie sie 22-jährige Mütter von der Spritze zu entwöhnen versuchen. Offizielle fürchten die Folgen: mehr Prostitution, mehr Einbruchsdiebstähle, mehr Infektionen mit HIV und Hepatitis-C.

«Wie russisches Roulette»

Wie das «Journal» schreibt, wird das Heroin oft mit anderen Substanzen verschnitten, so dass die Qualität gefährlich variiert. Die Säckchen seien an einem Tag zu 15 Prozent rein, am nächsten zu 60 Prozent, sagt Skip Holbrook, der Polizeikommandant von Huntington in West Virginia. Deshalb ist das Risiko einer tödlicher Überdosis so gross: «Es ist wie russisches Roulette.»

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