Suizidgedanken bei jungen Menschen – «Heroinabhängige hielten mich vom Suizid ab»
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Suizidgedanken bei jungen Menschen «Heroinabhängige hielten mich vom Suizid ab»

20-Minuten-Leser P. P. (28) hatte jahrelang Suizidgedanken. Uns erzählt er, was – und wer – ihm geholfen hat, die Depression zu überwinden.

von
Gabriela Graber
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Der heute 28-jährige P. P. litt jahrelang an Depressionen und Suizidgedanken. 

Der heute 28-jährige P. P. litt jahrelang an Depressionen und Suizidgedanken.

privat
Während seiner ersten Lehre begann er, sich regelmässig depressiv zu fühlen. (Symbolbild) 

Während seiner ersten Lehre begann er, sich regelmässig depressiv zu fühlen. (Symbolbild)

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Nachdem er beobachtete hatte, wie sich jemand am Bahnhof Zürich Stadelhofen das Leben nahm, litt er unter täglichen Panikattacken. (Symbolbild) 

Nachdem er beobachtete hatte, wie sich jemand am Bahnhof Zürich Stadelhofen das Leben nahm, litt er unter täglichen Panikattacken. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Der 28-jährige 20-Minuten-Leser P. P. erzählt von seinen Depressionen und Suizidgedanken, die ihn seit dem Teenageralter plagen.

  • Es folgten mehrere abgebrochene Lehren und Klinikaufenthalte, die ihm auf dem Weg zur Besserung halfen.

  • Heute geht es P. P. gut. Er ist stabil und wird bald eine Zweitlehre zum Landwirt beginnen.

Der Corona-Report von Pro Juventute verzeichnet einen traurigen Rekord: Die Beratungen zu Suizidgedanken haben sich seit Beginn der Corona-Pandemie fast verdoppelt. Wir hatten euch gefragt, ob ihr selbst Suizidgedanken habt, wie ihr damit umgeht und wie es euch damit geht. 20-Minuten-Leser P. P. hat sich gemeldet – und gibt uns tiefe Einblicke:

«Es begann, als ich 15 Jahre alt war, während meiner Lehre», so der 28-jährige P. P. aus Zürich. Er habe damals viel über den Zustand der Welt nachgedacht. «Die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung der dritten Welt durch den Westen machten mich fertig. Je mehr ich überlegte, desto mehr realisierte ich: An meinen Händen klebt das Blut von anderen!»

«Wochentags die Zähne zusammenbeissen und am Wochenende volllaufen lassen»

Diese Gedanken rissen P. in ein Loch und ihm wurde klar, dass er depressiv war. «Leider waren psychische Krankheiten vor 13 Jahren noch viel mehr ein Tabu als heute. Ich wusste nicht einmal, wo ich mir hätte Hilfe holen können.» So habe er sein Leben weitergelebt: «Von Montag bis Freitag die Zähne zusammengebissen und am Wochenende volllaufen lassen.»

Zwei Jahre später litt P. nicht nur an psychischen, sondern auch an körperlichen Symptomen: «Nachdem ich am Bahnhof Zürich Stadelhofen einen Suizid beobachtet hatte, überkamen mich plötzlich tägliche Panikattacken.» Durch den Vorfall habe er gemerkt, dass er nicht der einzige war, dem es schlecht ging: «Es war Winter und um mich herum und in mir wurde es immer dunkler. Als ich dann auch im Betrieb regelmässig Panikattacken hatte, schickte mich mein Arbeitgeber zum Vertrauensarzt. Darauf entschied ich mich, in eine psychiatrische Klinik zu gehen.»

«Der Klinikaufenthalt war eine der besten Zeiten meines Lebens»

P. brach seine Lehre ab und liess sich während drei Monaten stationär behandeln. «In der Psychiatrie erlebte ich eine der besten Zeiten meines Lebens. Niemals vorher konnte ich so offen und ehrlich über die Themen reden, die ich in mir trug.» In seiner Kindheit habe er für ihn ungesunde Rollenbilder mitgekriegt, wie etwa, dass er als Mann immer stark sein müsse. «Zum ersten Mal durfte ich schwach sein, weinen und meine Einsamkeit und Traurigkeit mit anderen teilen.»

Seit diesem Klinikaufenthalt kann er auch auf grosse Unterstützung seiner Familie zählen: «Vorher hatte ich nie ein wirklich gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Ich fühlte mich alleine, als Versager.» Dieser erste stationäre Aufenthalt habe ihn seinen Eltern sehr schnell sehr nah gebracht. «Sie bemerkten, dass ich nicht einfach ein Rebell war, der sich besoff und sich keine Mühe gab, sondern dass ich Hilfe brauchte. Und dass ich sie brauchte.»

«Ein kleiner Teil in mir wollte doch leben»

Es folgten drei weitere Klinikaufenthalte – zwei davon in einer geschlossenen Abteilung. Dazwischen fing er zwei neue Berufslehren an, die er beide wieder abbrechen musste. Die Lehrabbrüche lösten bei P. suizidale Gedanken aus: «Zwei Mal wollte ich mein Leben beenden. Beim ersten Mal merkte ich nach kurzer Zeit, dass ein kleiner Teil in mir doch leben wollte. Ich befand mich in einem Gedanken- und Gefühlschaos. Ich war erschöpft und schlief ein – wütend, traurig und irgendwie auch beschämt.»

Doch auch in den darauffolgenden Monaten verflogen P.s Suizidgedanken nicht. «Ich dachte intensiv über meinen möglichen Suizid nach und auch über die Konsequenzen, die ein solcher auf mein Umfeld hätte.» Es sei ihm bewusst gewesen, dass er mit seinem Tod seiner Familie viel Leid bereiten würde, dass der Suizid egoistisch wäre. «Doch irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich mir sagte, dass es doch mein Leben ist und dass ich dafür eine Lösung finden müsste.»

«Heroinabhängige hielten mich vom Suizid ab»

P. fuhr nach St. Gallen, wo er Heroinabhängige ansprach, die ihn mit nach Hause nahmen. «Schnell merkten sie, dass ich nicht ‹zu ihnen gehörte›, dass es mir weniger um die Droge, sondern darum ging, mein Leben zu beenden. Wir sprachen die ganze Nacht, sie hörten mir zu und sie redeten mir mein Vorhaben aus.» Am nächsten Morgen habe er den Abschiedsbrief, den er an seine Angehörigen geschrieben hatte, an seinen Psychiater geschickt mit der Bitte, dass er nochmal stationär behandelt werden wolle.

«In der dritten Klinik konnte ich mich für das Leben entscheiden – und mir ein gutes Fundament für meine Zukunft legen. Ausschlaggebend war, dass ich dort endlich eine richtige Diagnose und eine auf diese abgestimmte Therapie erhielt.» Als er die Psychiatrie verliess, begann P. eine weitere Ausbildung als kaufmännischer Angestellter, die er diesen Sommer mit Erfolg abschloss. Zudem entdeckte er eine neue Leidenschaft: den Umgang mit Tieren. «Wenn alles gut geht, fange ich in wenigen Wochen ein Praktikum als Bauer an.» Sein Leben habe endlich eine Kehrtwende genommen. Jetzt, mit 28 Jahren, habe er «nachhaltige Stabilität» in seinem Leben, sagt P.

«Es gibt vieles, das das Leben lebenswert macht»

Es sei nicht ein Medikament oder eine Therapie allein gewesen, die ihm geholfen hätten, sondern viele Aspekte, die zu seiner Heilung beitrugen. «Die Medikamente waren sicher wichtig, um mich zu stabilisieren – trotz diverser Nebenwirkungen. Ich habe verschiedene Antidepressiva ausprobiert und möchte sie sicher nicht absetzen, bis ich mit meiner zweiten Lehre zum Landwirt fertig bin», so P.

«Sehr wichtig war für mich, meine eigenen negativen Gedanken zu hinterfragen. Ich habe realisiert, dass ich glücklich sein kann, auch wenn das Leben aus etlichen Schicksalsschlägen besteht. Ich darf Liebe erfahren, mit Freunden lachen und habe eine wunderbare Familie. Es gibt vieles, das das Leben lebenswert macht.»

P. hat gelernt, geduldig mit sich selbst zu sein, sagt er. «Der Weg aus den Suizidgedanken mag ein langer sein, aber es lohnt sich. Nun freue ich mich riesig auf die Lehre!»

«Viele junge Menschen haben Angst vor Einsamkeit»

Interview mit Alain Di Gallo, Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie. 

Interview mit Alain Di Gallo, Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie.

privat 

Weshalb kommen Kinder und Jugendliche in die Therapie?

Bei Kindern stellen wir vor allem eine Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten und bei Jugendlichen eine Zunahme von Angststörungen, Depressionen und psychosomatischen Störungen fest. Kinder und Jugendliche leiden in ihrer Entwicklung und ihrem Lebensalltag am meisten unter den Folgen der Pandemie. Viele junge Menschen haben Angst vor Einsamkeit und davor, Freundschaften zu verlieren und eine wichtige Phase ihres Lebens zu verpassen.

Was können Angehörige wie Freunde oder Eltern tun?

Wenn Freunde oder Eltern merken, dass es einem Kind oder Jugendlichen nicht gut geht, sollten sie das unbedingt ansprechen. Bei Kindern kann etwa ein Hinweis darauf sein, wenn es über längere Zeit nicht mehr spielen oder seine Freunde nicht mehr sehen mag, oder wenn es immer wieder über Bauchschmerzen klagt, wenn es zur Schule gehen sollte. Sobald Eltern spüren, dass sie ihrem Kind oder Jugendlichen nicht aus eigener Kraft helfen können, ist es sinnvoll, fachliche Unterstützung beizuziehen. Das kann je nach Ausprägung bei der Schulsozialarbeiterin, beim Kinderarzt, einer Erziehungsberatung oder einer psychologischen oder psychiatrischen Fachstelle sein.

Wie stark ausgelastet sind Kinder- und Jugendpsychiater zurzeit?

Seit Herbst 2020 haben die Nachfragen an die Kinder- und Jugendpsychiatrie schweizweit zugenommen. Aktuell ist die Auslastung auf einem sehr hohen Niveau weitgehend stabil. Eine Entlastung ist nicht spürbar. Es mangelt an ambulanten und stationären Abklärungs- und Therapieplätzen. Das führt dazu, dass zum Teil monatelange Wartefristen bestehen. Die Behandlung von Notfällen – dazu gehören Kinder und Jugendliche mit Suizidgedanken – ist aber jederzeit garantiert.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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