06.07.2016 17:41

Sprachenstreit

«Herr Berset versucht, die Kantone zu erpressen»

Der Bundesrat will notfalls eine zweite Landessprache in der Primarschule vorschreiben. Der Sprachenstreit droht zu eskalieren.

von
daw/jbu
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«Die Westschweizer setzen die Richtlinien um»: Bundesrat Alain Berset spricht während einer Medienkonferenz zum Thema Sprachengesetz in Bern. (6. Juli 2016)

«Die Westschweizer setzen die Richtlinien um»: Bundesrat Alain Berset spricht während einer Medienkonferenz zum Thema Sprachengesetz in Bern. (6. Juli 2016)

Keystone/Klaunzer
Der Bund gibt drei Varianten in die Vernehmlassung, mit denen der Fremdsprachenunterricht einer Landessprache sichergestellt werden könnte (v.l.): Isabelle Chassot, Direktorin Bundesamt für Kultur, Bundesrat Alain Berset und Bundesratssprecher Andre Simonazzi.

Der Bund gibt drei Varianten in die Vernehmlassung, mit denen der Fremdsprachenunterricht einer Landessprache sichergestellt werden könnte (v.l.): Isabelle Chassot, Direktorin Bundesamt für Kultur, Bundesrat Alain Berset und Bundesratssprecher Andre Simonazzi.

Keystone/Klaunzer
Auch die neuen Massnahmen zur Senkung der hohen Schweizer Medikamentenpreise stellte Berset vor.

Auch die neuen Massnahmen zur Senkung der hohen Schweizer Medikamentenpreise stellte Berset vor.

Keystone/Klaunzer

Kulturminister Alain Berset macht Druck im Sprachenstreit: Er will den Kantonen – falls diese nicht von sich aus spuren – vorschreiben, dass der Unterricht in einer zweiten Landessprache bereits in der Primarschule beginnen und bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit dauern muss. Der Bundesrat hat am Mittwoch die Vernehmlassung eröffnet, um das Sprachengesetz entsprechend anzupassen.

Berset begründet den Schritt damit, dass sich die Kantone an die Bundesverfassung zu halten hätten. «Die Frage, ob man sich gegenseitig wirklich versteht, ist in einem Land wie der Schweiz von eminenter Bedeutung», so Berset. Der Hintergrund: Das Frühfranzösisch steht in mehreren Deutschschweizer Kantonen auf der Kippe. So streicht der Kanton Thurgau Französisch aus dem Lehrplan, andernorts sind Volksinitiativen hängig, die nur noch eine Fremdsprache für die Primarschule verlangen.

Kritik aus den Reihen der SVP

Dass sich der Bundesrat in den Sprachenstreit einschaltet, empört SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Sie hatte im Thurgau die Streichung des Frühfranzösisch angestossen. «Der Verfassungsauftrag wird auch ohne Frühfranzösisch erfüllt.» Entscheidend sei nur, dass am Ende der Volksschule die Jugendlichen in allen Kantonen über gute Kenntnisse in einer zweiten Landessprache verfügten.

Dass der Bundesrat das Gefühl habe, nun ein Machtwort sprechen zu müssen, sei staatspolitisch sehr bedenklich – die Bildungspolitik liege in der Hoheit der Kantone. «Herr Berset versucht, die Kantone zu erpressen. In der Vernehmlassung wird er damit aber scheitern, weil er nur zentralistische Lösungen unterbreitet.»

Kantone wehren sich

Schüler auf Sekundarstufe profitierten mehr vom Französischunterricht als in der Primarschule, findet Herzog. «Seit Jahren höre ich von Lehrmeistern, dass Jugendliche in Deutsch und Mathe Defizite haben. Mit guten Grundlagen in Deutsch können auf Sekundarstufe viel effizienter Fremdsprachen gelehrt und gelernt werden.»

Gegen ein Eingreifen des Bundes ist die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz: «Eine Volksabstimmung zu diesem emotionalen Thema könnte zu einer nationalen Zerreissprobe führen», warnt Präsident Christian Amsler. Man müsse den Kantonen die nötige Zeit geben und Ruhe ins System Schule bringen. «Die Schule erträgt nicht, wenn dauernd am Rad gedreht wird.»

Lehrerverband begrüsst Drohkulisse

Verständnis für die «Drohkulisse des Bundesrates» hat dagegen Beat W. Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes: «Es kann nicht angehen, dass man sich in gewissen Deutschschweizer Kantonen bewusst um das Frühfranzösisch foutiert. Die Verfassung verlangt, dass der Bund einschreitet, wenn die Kantone die Harmonisierung nicht schaffen.»

Dass man eine zweite Landessprache verstehe, sei zentral für die Verständigung in der Schweiz. Auch die Durchlässigkeit müsse gewährleistet sein. «Wer bezahlt sonst den Nachhilfeunterricht, wenn ein Thurgauer Primarschüler ohne Französischkenntnisse in einen anderen Kanton zügeln muss?», fragt Zemp.

Die Kritik, dass Frühfranzösisch wenig effektiv sei, teilt Zemp nicht. «In der Pubertät ist es sicher noch schwieriger, Schüler an Französisch heranzuführen.» Auch das Argument, Primarlehrer seien oft selbst der Sprache nicht mächtig, sei kein Grund gegen Frühfranzösisch: «Bei der Ausbildung gibt es sicher Verbesserungspotenzial. Aber wer Primarlehrer werden will, braucht eine Maturität. Stimmt der Unterricht, sollten die Kenntnisse genügen.»

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