Shakila Ansari: «Herr Brotz hielt nicht ein, was er vor der Kamera angekündigt hatte»
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Shakila Ansari«Herr Brotz hielt nicht ein, was er vor der Kamera angekündigt hatte»

Die Afghanin Shakila Ansari mischte die SRF-Arena mit ihrer Kritik an der Flüchtlingspolitik auf. Vergeblich erwartete sie, dass die Diskussion nach der Sendung weitergeht.

von
Bettina Zanni

Darum gehts

Frau Ansari* (siehe Box), in der SRF-Arena am Freitag musste Moderator Sandro Brotz Ihnen das Wort abschneiden, um die Sendung pünktlich zu beenden. Warum akzeptierten Sie dies nur widerwillig?
Den Krieg in Afghanistan verursachten Politiker. Ich wollte am Ende der Sendung noch sagen, dass wir Geflüchtete zum zweiten Mal Opfer von Politikern geworden sind. Erhalten andere Kriegsgeflüchtete wie zum Beispiel wir aus Afghanistan oder Menschen aus Syrien nur den F-Status (siehe Box), aber nicht den S-Status wie die ukrainischen Geflüchteten, ist das eine Entscheidung von Politikerinnen und Politikern. Sie diskriminieren uns, indem sie zwischen der Herkunft von Geflüchteten unterscheiden.

Konnten Sie nach der Sendung im Arena-Studio weiter diskutieren, wie Sandro Brotz es am Schluss der Sendung angekündigt hatte?
Nein. Leider wurde nicht weiter diskutiert. Die Gäste assen und tranken noch etwas. Mich fragte niemand etwas. Ich war etwas enttäuscht, dass Herr Brotz nicht einhielt, was er vor der Kamera angekündigt hatte. Ich werde ihm deswegen noch schreiben. Er sagte, ich könne mich bei Fragen bei ihm melden.

Nur ukrainische Geflüchtete erhalten den S-Status, Ihnen wurde das Wort abgeschnitten und der Moderator enttäuschte Sie nach der Sendung: Haben Sie schon genug von der Schweiz?
Nein, auf keinen Fall. Unabhängig davon bin ich sehr glücklich, in einem Land wie der Schweiz zu sein. Ich habe hier viele nette, hilfsbereite Menschen mit einem guten Herzen kennengelernt. Doch Diskriminierung halte ich für unakzeptabel. Geflüchtete aus Kriegsgebieten zu diskriminieren, ist nicht nur falsch, sondern auch unmenschlich.

Warum genau?
In Afghanistan ist man nie in Sicherheit. Hat man eine andere politische Meinung, muss man damit rechnen, von den Taliban getötet zu werden. Jederzeit können Bomben hochgehen – es sterben Leute und es sterben viele. Sind Frauen und Mädchen alleine zuhause, müssen sie damit rechnen, dass ein Taliban kommt und sie vergewaltigt. Die Situation in meiner Heimat ist mindestens so schlimm wie in der Ukraine und das schon seit Jahren. Ich bin froh, haben die Geflüchteten aus der Ukraine den S-Ausweis und möchte nur, dass wir dieselben Rechte erhalten. Wir sind schon genug schockiert und traurig – solche Hürden wie den F-Ausweis brauchen wir nicht auch noch.

Mit welchen Hürden kämpfen Sie?
Ich würde gerne eine Optikerlehre machen und finde wegen meiner vorläufigen Aufnahme keine Lehrstelle. Arbeitgebern ist es zu wenig sicher, eine vorläufig aufgenommene Person einzustellen. Auch konnte ich nicht ausreisen, um meine Familie zu besuchen, als ich noch von ihr getrennt war. Zudem ist es unmöglich, selbst eine Wohnung zu suchen oder ein Abo abzuschliessen.

Adrian Schoop, Gemeindeamman von Turgi (AG), riet Ihnen in der Arena, Durchhaltewillen zu zeigen.
Das fand ich frech. Dies Antwort überzeugte mich nicht. Herr Schoop kennt mich gar nicht und weiss nicht, wie viel Durchhaltewillen ich schon gezeigt habe. Ich weiss schon, dass ich nach fünf Jahren den Ausweis B beantragen kann. Aber ich verstehe nicht, warum ich so lange warten muss, während ein Geflüchteter aus der Ukraine sofort einen Ausweis bekommt, mit dem alles im Alltag leichter wird.

Was sind Ihre nächsten Ziele?
Auf Social Media haben viele Leute in den Kommentaren meinen Auftritt gelobt. Ich werde weiterhin dafür kämpfen, dass alle Kriegsflüchtlinge die gleichen Rechte erhalten wie die Geflüchteten aus der Ukraine – oder noch bessere. Ich freue mich, im Juni ein Praktikum als Optikerin beginnen zu können und hoffe, dass es bald auch mit einer Lehrstelle klappt.

Shakila Ansari

Ausweis S und Ausweis F

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