Aktualisiert 23.12.2013 07:45

Bildung im Umbruch

Herr Bundesrat, was halten Sie von Plüschvaginas?

Bildungsminister Johann Schneider-Ammann sagt, warum Sparen in der Bildung und Sexkoffer in der Schule keine Tabus sein dürfen – und wie alle Jugendlichen zu einer Lehrstelle kommen sollen.

von
D. Pomper/ D. Waldmeier

Herr Schneider-Ammann, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Schulzeit?

Ich habe nur gute Erinnerungen daran. Die Schule war spannend und herausfordernd. Die Lehrer waren fantastisch, auch wenn wir uns nicht immer einig waren. Vor allem aber bildeten wir eine gute Schülerclique. Wir bestanden gemeinsam die Prüfungen, fanden daneben aber auch genügend Zeit, um Spass zu haben und Sport zu machen.

Wissen Sie noch, wie viele Kinder Sie in der Primarschule waren?

Ich besuchte zwischen 1959 und 1963 die Primarschule in Affoltern im Emmental. Da waren wir etwa dreissig Schüler.

Heute sitzen etwa zehn Kinder weniger in einer Klasse. Um Einsparungen zu machen, wollen verschiedene Kantone die Klassengrössen wieder anheben. Ist das problematisch? Aus Ihnen ist schliesslich auch etwas geworden …

Diesen Schluss darf man nicht ziehen. Klassengrössen sind nur ein Kriterium. Es gibt Lehrer, die ohne Weiteres in der Lage sind, eine grosse Anzahl von Schülern kompetent zu unterrichten, andere weniger. Es steht aber ausser Frage, dass die Bildung erste Priorität geniesst. Investitionen in die Bildung sind Investitionen in die Zukunft. Niemand würde hier sparen, wenn der Druck nicht enorm gross wäre.

Dieser Druck ist offenbar sehr gross: In 16 Kantonen sind Sparmassnahmen im Bildungsbereich geplant. Unter anderem will man die Schulferien verlängern und Ergänzungsfächer streichen. Darf man bei der Bildung überhaupt sparen?

Die obligatorische Schule liegt in der Verantwortung der Kantone. Es ist deshalb nicht an mir, kantonale Sparprogramme zu beurteilen. Trotzdem: Man darf gewisse Investitionen infrage stellen, da und dort einen Schnitt machen, das Bildungsangebot anpassen und den Fokus auf neue Investitionen legen.

Immerhin haben sich die Bildungsausgaben zwischen 1990 und 2010 fast verdoppelt, kaufkraftbereinigt stiegen sie um 30 Prozent – obwohl die Anzahl Primarschüler nur um 6 Prozent zunahm.

Bei der Bildung spart man in letzter Konsequenz. Die Kantone müssen ihre Kosten unter Kontrolle behalten. Ein ausgeglichener Haushalt ist auch eine Investition in die Zukunft. Sparen bei der Bildung kann eine Stärkung des Systems bedeuten, wenn man dort Kosten streicht, wo sie nicht mehr optimal investiert sind. Das schafft neuen Handlungsraum. Ein System, das die Kraft hat, sich anzupassen und sich immer wieder neu erfindet, ist ein starkes System.

Lehrerverbände befürchten, dass die Bildungsqualität unter den Sparmassnahmen leiden wird.

Sparen muss überhaupt nicht heissen, dass es Qualitätseinbussen gibt. Im Gegenteil: Es gibt auch bessere Bildungsqualität mit weniger Geld. Ich bin überzeugt, dass wir auch künftig einen internationalen Spitzenplatz in Sachen Bildung belegen werden. Die Schweiz verfügt über ein einmalig mehrstufiges, flexibles, durchlässiges System. Dank diesem haben wir bestqualifizierte Berufsfachkräfte und Akademiker.

Kommen wir zum neuen Lehrplan 21, der seit Sommer öffentlich ist. Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht kritisiert wird. Es heisst, die Bildung werde völlig überreguliert.

Ich bin gegen jegliche Bürokratisierung. Aber die Schweiz ist ein kleines Land, das sich keine Mikrostrukturen leisten kann, wenn es sich in der globalisierten Welt an der Spitze positionieren will. Der Lehrplan 21 soll das System effizienter machen, auch wenn man dafür in Kauf nehmen muss, dass der Übergang aufwendig ist.

Viele Lehrer befürchten, dass die Schüler noch mehr auf Leistung getrimmt werden. Musisch und handwerklich begabte Kinder hätten das Nachsehen. Teilen Sie diese Bedenken?

Wollen wir weiterhin zu den Qualifiziertesten und Bestbeschäftigten gehören, müssen wir auf Leistung und Effizienz setzen. Ich bin überzeugt, dass die Kantone genügend Feingefühl haben, damit musisch Begabte auf diesem Weg nicht verloren gehen. Es dürfen nicht gewisse Befähigungen zugunsten anderer zurückgedrängt werden.

Was für Menschen soll die Schule hervorbringen? Solche, die möglichst schnell der Wirtschaft Nutzen bringen oder sozial kompetente Menschen, die zum Gemeinwohl beitragen?

Ich habe jahrelang Lehrlinge ausgebildet. Neben der Berufsfähigkeit habe ich grossen Wert darauf gelegt, dass man sie zu selbstständigen, verantwortungsbewussten Persönlichkeiten ausbildet. Auch wenn die Leistungskomponente weiter zunehmen wird – ich wäre niemals bereit, bei der ganzheitlichen Ausbildung auch nur den geringsten Abstrich zu machen.

Umstritten ist, ob und wann der Lehrplan 21 eine oder zwei Fremdsprachen vorschreiben soll. Was finden Sie?

Die zweite Landessprache muss als erste gepflegt werden. Aber damit wir uns auf der internationalen Ebene erfolgreich bewegen können, ist Englisch schon früh in der Ausbildung gefragt. Die heutige Generation kann Französisch und Englisch problemlos parallel lernen. Es stört mich, wenn das eine gegen das andere ausgespielt wird – es braucht beides.

Ein grosser Streitpunkt ist auch der Sexualkundeunterricht. In Basel sorgte der Sexkoffer für Aufregung. Was halten denn Sie von Plüschvaginas und Holzpenissen im Kindergarten als Aufklärungsinstrumente?

Für mich ist die ganze Sexualaufklärung sehr wichtig für das Heranbilden von reifen Persönlichkeiten. Aufklärungsinstrumente dürfen kein Tabuthema sein, auch wenn man sich über den richtigen Zeitpunkt streiten kann – diesen sollten die Fachleute festlegen. Sexualaufklärung ist ein so wichtiges Thema, dass ich wenig dafür übrig habe, wenn man es vulgären Diskussionen aussetzt.

Die Initiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» dürfte vors Volk kommen. Sie will Sexualkundeunterricht vor dem 9. Altersjahr verbieten. Ist das realistisch?

Wir leben in einer Kommunikationsgesellschaft. Die Kinder kommen mit diesem Thema viel früher in Kontakt als noch in meiner Generation. Deshalb ist es wichtig, das Thema nicht zu tabuisieren und es in der Lebensschule einzubauen. Der Gesamtbundesrat wird sich zum gegebenen Zeitpunkt mit der Initiative auseinandersetzen und dann Position beziehen.

Seit einem Jahr ist die Bildung ganz in ihrem Departement angesiedelt. Dennoch hat man Sie in der Öffentlichkeit vor allem als Wirtschaftsminister wahrgenommen. Haben Sie den Job als Bildungsminister vernachlässigt?

Es kann sein, dass dieser Eindruck entstanden ist, weil wir dieses Jahr das Freihandelsabkommen mit China abgeschlossen haben. Aber insgesamt fühle ich mich im Gleichgewicht. Ich habe mit allen Bildungskreisen Kontakt aufgenommen. Die Vorbereitungen für das Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz HFKG für das Jahr 2015 laufen auf Hochtouren. Ich versuche laufend, Wirtschaft, Bildung und Innovation zusammenzuführen.

Was sind Ihre Ziele fürs neue Jahr?

Wir rufen das Jahr 2014 zum Jahr der Berufsbildung aus. Unser Ziel ist es, dass alle Jugendlichen eine Lehrstelle antreten können. Es gibt etwa 10'000 Jugendliche, die nicht in den Berufsprozess integriert wurden. Gleichzeitig gibt es 8000 bis 9000 offene Lehrstelle. Wir sind darum mit einer Bildungsinitiative unterwegs. Diese hat zum Ziel, betroffene Jugendliche abzuholen. Wir wollen die offenen Lehrstellen dank intensiver Betreuung füllen. Hier müssen wir einen Weg finden, um individuell auf die Betroffenen zuzugehen.

Das kostet aber…

Ich habe während meiner Zeit bei der Ammann Group über hundert Lehrlinge angestellt. Da gab es immer ein paar, die Schwierigkeiten hatten. Denen wiesen wir einen Götti zu, der sie unentgeltlich begleitete, motivierte, zurechtwies. Er sagte: «Bursche, ich helfe dir weiter, aber du musst mir dafür auch etwas bieten. Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen.» Diese individuelle Betreuung hat lückenlos funktioniert. Das ist meine Vorstellung, wie das System gesamtheitlich funktionieren sollte, ohne dass es die Kosten in die Höhe jagt. In diesem Land und in dieser Zeit muss – allen Unkenrufen zum Trotz – auch eine Leistung erbracht werden, die nicht a priori entgolten wird. Das muss auch in Zukunft so sein.

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