Fensterlose Maid-Rooms: Herzog & de Meuron «bedauern» jetzt die «Sklaven-Zimmer» in Beirut

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Fensterlose Maid-RoomsHerzog & de Meuron «bedauern» jetzt die «Sklaven-Zimmer» in Beirut

Die Basler Stararchitekten realisierten in Beirut Luxuswohnungen mit fensterlosen Angestelltenzimmern. In der Schweiz wäre so etwas verboten. Jetzt äussern sie dafür «grosses Bedauern».

von
Lukas Hausendorf

20 Minuten reiste nach Beirut und sprach mit Hausangestellten der Luxus-Residenz über ihre Arbeits- und Lebensumstände.

20 Minuten/Désirée Pomper & Simona Ritter

Darum gehts

«Sie schlafen ja nur hier. Tagsüber sind sie ja im Haus», sagt der Makler. «Das ist also normal, dass der Maid-Room kein Fenster hat?», hakt die 20-Minuten-Reporterin nach. «Ja», entgegnet der Makler beim Besichtigungstermin im 500-Quadratmeter Appartement auf dem zwölften Stock der Beirut Terraces, als 20 Minuten für eine Undercover-Recherche in der Hauptstadt des Libanons war. Kostenpunkt der Luxus-Wohnung mit eigenem Spa-Bereich und begrünter Terrasse: 3,5 Millionen US-Dollar. Entworfen haben die Beirut Terraces die weltweit renommierten Basler Architekten Herzog & de Meuron.

Im Juli machte eine ehemalige Mitarbeiterin der Stararchitekten die Pläne des Projekts auf Twitter publik. Die fensterlosen, kaum vier Quadratmeter kleinen «Maid Rooms» sorgten für Empörung und Schlagzeilen. Berichte von 20 Minuten stiessen auch im Libanon auf Resonanz, wo Bürgerrechtsbewegungen schon länger gegen das Sklaverei-ähnliche Kafala-System, mit dem Hausangestellte unter «sklavengleichen» Bedingungen ausgebeutet werden, kämpfen. In der Folge ging 20 Minuten für eine Undercover-Reportage vor Ort und sprach mit Aktivistinnen und Betroffenen. 

Die fensterlosen «Maid Rooms» erschüttern auch die ehemalige Hausangestellte Mercy, die in den Beirut Terraces gearbeitet hat. «Ich dachte, die seien als Vorrats- und Materialräume geplant worden», sagt sie im Gespräch. «Die Architekten haben die also wirklich für die Maids geplant?», fragt sie ungläubig. «Das tut weh.»

«Jede Projektanfrage wird sorgfältig geprüft»

Die Reportage hat Herzog & de Meuron am Montag nun zu einer Stellungnahme veranlasst. «Wir bedauern sehr, dass wir uns beim Projekt Beirut Terraces zum damaligen Zeitpunkt mit alternativen Vorschlägen bezüglich der Angestelltenzimmer nicht durchsetzen konnten», schreibt das Unternehmen. In der ersten Stellungnahme Ende Juli war von Bedauern noch nichts zu lesen. Die alternativen Vorschläge bleiben allerdings unter Verschluss, da sie der Vertraulichkeit unterliegen und sich im Eigentum der Bauherrschaft befänden.

Der libanesische Aktivist Joey Ayoub von der NGO Domestic Workers Advocacy Network (DOWANunite) wünschte sich von Herzog & de Meuron ein klares Statement, dass das Engagement ein Fehler gewesen sei. «Das wäre wichtig. Es ist ein grosses ethisches Problem, in das sich die Architekten da hineinbegeben haben», sagte er im Interview

Würden Herzog & de Meuron künftig ein solches Projekt ablehnen? Jede Projektanfrage werde intern sorgfältig geprüft und diskutiert, teilt das Architekturbüro auf Nachfrage mit. «Auf die spätere Nutzung seitens der Eigentümer können wir leider nur sehr bedingt Einfluss nehmen.» Auf die Nachfrage, ob ihr Bedauern auch als Entschuldigung gewertet werden kann, wurde nicht eingegangen.

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