Ausbeutung im Libanon: «Herzog & de Meuron sollten eingestehen, dass das Engagement ein Fehler war»

Aktualisiert

Ausbeutung im Libanon«Herzog & de Meuron sollten eingestehen, dass das Engagement ein Fehler war»

Der Libanese Joey Ayoub engagiert sich seit zehn Jahren gegen das Kafala-System, mit dem in seiner Heimat Hausangestellte ausgebeutet werden. Er fordert, dass sich die Basler Stararchitekten für ihren Bau in Beirut der Debatte dazu stellen sollten.

von
Lukas Hausendorf
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Dieses Hochhaus aus der Feder der Basler Starachitekten Herzog & de Meuron steht in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Dieses Hochhaus aus der Feder der Basler Starachitekten Herzog & de Meuron steht in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

beirutterraces.com
Die Stararchitekten Jacques Herzog (rechts) und Pierre de Meuron sehen sich wegen den sogenannten Maid-Rooms mit Vorwürfen konfrontiert.  

Die Stararchitekten Jacques Herzog (rechts) und Pierre de Meuron sehen sich wegen den sogenannten Maid-Rooms mit Vorwürfen konfrontiert.  

REUTERS
Im Libanon arbeiten Haushaltshilfen unter prekären Bedingungen. Sie leben bei Familien in sogenannten Maid-Rooms. Dies sind fixer Bestandteil von Luxus-Appartments. Auch in einem Projekt der Basler Architekten Herzog & de Meuron, was für Kritik sorgte.

Im Libanon arbeiten Haushaltshilfen unter prekären Bedingungen. Sie leben bei Familien in sogenannten Maid-Rooms. Dies sind fixer Bestandteil von Luxus-Appartments. Auch in einem Projekt der Basler Architekten Herzog & de Meuron, was für Kritik sorgte.

AFP

Darum gehts

  • Die Basler Stararchitekten Herzog de Meuron gerieten wegen des Baus eines Luxus-Wohnhochhauses in Beirut in die Kritik.

  • Sie würden damit am ausbeuterischen Kafala System partizipieren und damit letztlich Geld verdienen.

  • Der libanesische Aktivist Joey Ayoub wünscht sich, dass die Basler Architekten sich der Debatte stellen.

Herr Ayoub, unsere Berichterstattung über die winzigen, fensterlosen Maid Rooms im Bau von Herzog de Meuron in Beirut ist in der Schweiz auf riesiges Interesse gestossen. Überrascht Sie das?

Ja, ich war positiv überrascht, dass es hier so viele Reaktionen gegeben hat. Wir haben die Medienberichte in der Schweiz verfolgt. Die Maid Rooms sind ein starkes Symbol für das Kafala-System. In der Vergangenheit war das vor allem ein inner-libanesisches Thema, aber durch die Medienberichte hat sich die Situation geändert. Die Situation im Libanon ist gut dokumentiert durch NGOs und die Medien. Es ist deshalb naiv, wenn man dorthin geht und so tut, als wüsste man nichts davon. Am Ende des Tages haben Herzog de Meuron da mitgemacht, jetzt steht das Gebäude und die Maids darin werden ausgebeutet.

Sie kennen die Situation vor Ort. Wer wohnt in den Beirut Terraces?

Das sind vor allem wohlhabende Libanesen. Sie sehen die Maid Rooms nicht als soziales Problem. Niemand shamt sie dafür. Niemand stellt Fragen, es ist einfach normal.

Herzog de Meuron haben sich bisher kaum zur Kritik geäussert. Was erwarten Sie von den Architekten konkret?

Zunächst ein klares Statement, dass dieses Engagement ein Fehler gewesen ist und sie diesen Auftrag heute nicht mehr ausführen würden. Das wäre wichtig. Es ist ein grosses ethisches Problem, in das sich die Architekten da hineinbegeben haben. Sie haben mitgemacht und damit Geld verdient. Sie müssen sich jetzt der Debatte stellen. Es geht hier nicht um ästhetische Fragen sondern gesellschaftliche Aspekte.

«Sie haben damit Geld verdient. Sie müssen sich der Debatte stellen»

Joey Ayoub, Aktivist

Die NGO Domestic Workers Advocacy Network (DOWANunite), in deren Vorstand Sie sind, hat bei ihrer Kritik an Herzog de Meuron auch die Konzernverantwortungsinitiative thematisiert, die im November 2020 knapp am Ständemehr scheiterte. Schweizer Unternehmen können jetzt nicht für Menschenrechtsverstösse im Ausland zur Haftung gezogen werden.

Wir wollten damit etwas verdeutlichen: Eine Schweizer Firma muss in der Schweiz den geltenden Rechtsrahmen befolgen. Wenn sie im Ausland plötzlich nach anderen Regeln spielt, die überhaupt nicht den Schweizer Standards entsprechen, ist das einfach problematisch.

Sie sind im Libanon aufgewachsen, wie hat sich das zivilgesellschaftliche Engagement gegen das Kafala-System in den letzten zehn Jahren verändert?

Es ist heute ein grosses Medienthema, viel mehr noch als vor zehn Jahren. Damals gab es nur sehr wenige Aktivistinnen und Aktivisten. Es ist seither gewachsen und landet deshalb auch mehr und mehr in den Medien.

Was für einen Impact hat die Herzog-de-Meuron-Geschichte auf die Debatte im Libanon?

Es ist vielleicht noch zu früh, um da eine klare Aussage machen zu können. Aber es ist schon so, junge Architekten reden über so eine Geschichte. Aber aktuell haben wir im Libanon so viele Krisen, dass es schwierig ist, das Thema auf der Agenda zu halten.

Was glauben Sie, kann das Kafala-System in zehn Jahren Geschichte sein?

Das ist der springende Punkt, es ist ein System und kein Gesetz. Es gab schon Bemühungen die Domestic Workers gewerkschaftlich zu organisieren, das wurde aber von der Regierung nicht anerkannt. Wir hoffen, mit internationaler Aufmerksamkeit mehr zu erreichen. Unsere Regierung ist stark von internationaler Unterstützung abhängig, hier könnte man mehr Druck ausüben. Frankreich ist traditionell ein wichtiger Partner des Libanon. Emmanuel Macron könnte seine Hilfe an Bedingungen in Bezug auf das Kafala-System knüpfen.

«Meine Generation wächst in anderen Kontexten auf als unsere Eltern, das stimmt mich zuversichtlich»

Joey Ayoub, Aktivist

Meine Generation der Millenials und die Gen Z wachsen in ganz anderen Kontexten auf als unsere Eltern. Wir sind viel sensibilisierter in Bezug auf soziale Verwerfungen. Durch die Aufstände 2015 und 2019 gibt es für diese Anliegen viel mehr Aktivismus. Das alles stimmt mich zuversichtlich.

Für Sie war die Gegenwart von Hausangestellten auch normal, als Sie aufgewachsen sind. Wann und warum wurden Sie Aktivist?

Ich engagiere mich seit 2010 gegen das Kafala System. Nachdem ich eine Maid getroffen habe, die mir aus ihrem Leben erzählte, öffnete mir das die Augen. Ich bin selbst mit diesem System aufgewachsen. Wir hatten auch eine Maid, ebenso meine Freunde. Deswegen fühle ich eine gewisse Verantwortung, ich schulde es ihnen. Heute helfe ich DOWANunite beratend im Vorstand und als Volunteer.

Aktivist, Publizist und Forscher

Privat

Joey Ayoub ist in Frankreich geboren und dann mehrheitlich im Libanon aufgewachsen und hat mehrere Jahre in Beirut gelebt, bevor er für sein Studium der Kulturwissenschaften nach Schottland und England ging. Seit 2020 lebt der 31-Jährige 2020 in Genf und doktoriert an der Universität Zürich. In Beirut machte er zuvor einen Bachelor in Umweltwissenschaften an der Amerikanischen Universität, wo er mit Menschen aus diversen Hintergründen in Kontakt kam und begann, sich für soziale Anliegen zu engagieren. Als Blogger schrieb er gegen das Kafala-System an und war dann Mitorganisator der grössten libanesischen Protestbewegung der Neuzeit («You Stink»). Er publizierte in diversen arabischen und internationalen Medien, hostet einen Podcast und engagiert sich im Vorstand des Domestic Workers Advocacy Network (DOWANunite) für die Rechte der Domestic Workers und gegen das Kafala-System.

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