Aktualisiert 28.11.2004 12:26

Heuschrecken-Invasion auf den Kanaren

Von weitem sehen sie aus wie Garnelen. Doch aus der Nähe betrachtet entpuppen sich die roten Tierkadaver am weissen Sandstrand bei Jandía auf Fuerteventura als Heuschrecken.

Hunderttausende der gefrässigen Insekten haben in den vergangenen Tagen von Afrika kommend die Kanarischen Inseln erreicht. Die Lokalpresse spricht von einer «Invasion», die Regionalregierung beschwichtigt zunächst: Von einer Plage könne keine Rede sein.

Später musste sie dann aber doch einräumen, dass auf der Nachbarinsel Lanzarote die Invasion das Ausmass einer Plage erreicht hat. Sicherheitshalber wurde die Armee in Bereitschaft versetzt.

Besorgnis erregend sind die acht bis zehn Zentimeter langen und daumendicken Tiere (Schistocerca gregaria) für die Landwirte auf dem Archipel allemal. Und für die meisten Touristen sind sie schlicht abstossend.

Grosses Reinemachen

Spaziergänger an den kilometerlangen weissen Stränden der Ferieninsel laufen derweil im Zickzack um die toten Heuschrecken mit ihren langen, durchsichtigen Flügeln herum. Die Reinigungsdienste der Kommunen sind bemüht, die Kadaver in grossen Säcken zu beseitigen.

«Als die ersten Tiere mit der Flut angeschwemmt wurden, glaubten einige Touristen, es handle sich um Garnelen, wegen der roten Farbe und der langen Beine und Fühler», berichtet ein Strandaufseher. Für ihn ist die seltene Naturerscheinung nicht völlig überraschend.

Vereinzelt hat es so etwas bei bestimmten Wetterlagen auch in früheren Jahren schon gegeben. Schliesslich ist Afrika nur 150 Kilometer entfernt. Nun wird die Invasion durch den starken Südostwind und die hohen Temperaturen um 25 Grad begünstigt. Bei Kälte und Regen würden die Heuschrecken verenden.

Manche Touristen haben auch Mitleid mit den wenigen überlebenden Insekten. Eine Frau sammelte Gras, um sie zu füttern. Die Hotelmanager indes hoffen, dass sich die überlebenden Tiere nicht weiter ausbreiten und fürchten um die teils aufwändig angelegten Gärten und Rasenflächen.

Landwirte sorgen sich

Bislang aber schwirren die grossen Heuschrecken nur vereinzelt wie Libellen durch die Luft. «Sollten sie sich ausbreiten, was wir nicht glauben, werden wir uns mit örtlichen Schädlingsbekämpfern in Verbindung setzen», sagt Jan Scheidsteger, Manager in einem grossen Touristenhotel. «Sicher ist auf jeden Fall, dass die Heuschrecken für Menschen ungefährlich sind.»

Die Landwirte treiben gewiss andere Ängste um. Die Tomatenernte ist auf dem Höhepunkt, die Folgen einer Plage wären verheerend. «Die Heuschrecken können sich durch die Plastikplanen der Gewächshäuser fressen», weiss der Vorsitzende der Agrarexporteure auf Gran Canaria, Roberto Góiriz. «Selbst Stromkabel sind vor ihnen nicht sicher.» Góiriz kritisiert aber auch die mangelnde Information seitens der Behörden.

«Alles im Griff»

Die Regionalregierung ist aber überzeugt, alles im Griff zu haben. Verheerende Folgen wie in Afrika werde es nicht geben, weil die Kanaren gut vorbereitet seien, beruhigt Agrarminister Pedro Rodríguez Zaragoza und warnt vor Panikmache. Helikopter und Flugzeuge überwachten den Luftraum, genug Pestizide seien auch vorhanden.

Das wiederum macht den Naturschützern Sorge. Das Gift könnte einheimische Vögel wie den Schmutzgeier oder die Kragentrappe bedrohen, warnte der Vogelschutzbund SEO-Birdlife. (sda)

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